PREDIGT 25. SONNTAG Im JK (C)

Am 8,4-7 + Lk 16,1-13

Jedermann!

Bekleidet mit einem Netz, in dem funkelnde Goldstücke hängen betritt er die Bühne der Salzburger Festspiele und umgarnt die Hauptperson, den Jedermann. Die Glitzergestalt des Mammons ist verlockend – sie wirft ihr Netz der Habgier nach Jedermann aus. Jedermann geht ihr ins Netz und vergisst dabei seine wahren Freunde und seine Verantwortung.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!

Das Mysterienspiel, aus dem diese Szene stammt, trägt den Namen Jedermann. Jeder Mann und jede Frau kann den Fängen der Habgier erliegen:
– Menschen und Konzerne, die immer mehr haben wollen, die raffen und sich die Taschen vollmachen – Übergewinnsteuer zahlen wollen sie nicht.
– Menschen, die über ihre Verhältnisse leben, die bei rasant steigenden Preisen mehr ausgeben als sie haben und so in die Schuldenfalle geraten.
– Menschen, die sich in ihrer Gier durch Geldgeschenke oder anderen Luxus bestechen lassen und anderen dafür einen „kleinen Gefallen“ tun.
– Menschen, die riskante Geldgeschäfte betreiben oder in die eigene Tasche wirtschaften, ohne Rücksicht auf Verluste – es zählt allein das ICH.
Wo bleibt da die Solidarität von jedermann mit den Armen, Schwachen und Menschen ohne Ausbildung, mit denen die sich nicht wehren können, deren Lage durch Ausbeutung und Unrechtsstrukturen immer prekärer wird?
Jedermann, so könnte auch der namenlose Verwalter im heutigen Evangelium (Lk 16,1-13) heißen. Er veruntreut fremdes Geld; denkt nur an sich: an sein Auskommen, an sein prall gefülltes Konto – mitnehmen, was geht, solange es keiner merkt. Doch er und seine Machenschaften fliegen auf: Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung (Lk 16,2). Um sich zu retten, verschenkt er Geld, Geld, das ihm nicht gehört. Bei den Schuldnern will er sich für den Fall seines Rauswurfs beliebt machen – wieder geht es ihm nur um seinen Vorteil: Nimm den Schuldschein und schreib (vgl. Lk 16,6) – einen geringeren Betrag darauf, sagt er den Schuldnern. Eigentlich müsste der Geldeigentümer noch wütender auf seinen Verwalter sein, weil dieser noch mehr finanziellen Schaden anrichtet. Doch er lobt den Verwalter – nicht wegen der Veruntreuung des Geldes, sondern weil dieser mit dem Geld etwas Sinnvolles gemacht hat: Teilweiser Schuldenerlass, damit Menschen in existentieller Not leben, ja überleben können. Teilen mit Gewinn, damit jeder etwas davon hat. Der Eigentümer hat so die Entwicklung der Mitmenschen ermöglicht und die Chance, einen Teil des Geldes wieder zu sehen.
Nimm und schreib – fordert der Verwalter. Noch deutlicher: Nimm, lies und schreib! Für uns eine einfache Aufforderung, denn Lesen und Schreiben hat in Deutschland jedermann gelernt. Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung, diese Forderung der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen ist in Westeuropa nahezu umgesetzt. Weltweit kann aber nur schätzungsweise ein Drittel der 10-Jährigen eine einfache geschriebene Geschichte lesen und verstehen – vor der Pandemie war das „nur“ 50% der 10-Jährigen – so das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF im September 2022.
Blicken wir heute am Partnerschaftssonntag bewusst in unsere Partnerdiözese nach Thiès im afrikanischen Senegal: Auch dort ist der Schulbesuch nicht selbstverständlich wie bei uns. Viele Kinder können weder lesen noch schreiben. Mädchen sind häufig vom Zugang zu Bildung ausgeschlossen. Oft fehlt auch Geld, um sich einen Schulbesuch leisten zu können – und wenn, dann dürfen nur die erstgeborenen Kinder oder die Jungen die Schule besuchen. Dabei ist Bildung der Schlüssel zu guter Entwicklung, zur Eindämmung von Krankheiten und zur Überwindung von Hunger und Armut. Durch eine gute Ausbildung könnten die vielen Kinder und Jugendlichen im Senegal gut leben und ihr Land innovativ voranbringen.
Die Partnerschaft zwischen den Diözesen Thiès und Bamberg fördert diese Entwicklung: Katholische Schulen im Senegal werden unterstützt und der Zugang zu Bildung erleichtert – die Aktion Schulgeld ist ein Beitrag dazu. Schüler*innen werden durch Patenschaften gefördert. So heißt es in Anlehnung an das Evangelium: Ich helfe dir, nimm dein Schulheft und schreib!
Schülerpatenschaften sind niemals einseitig: Durch die Aktion Schulgeld wird ein gegenseitiger Lernprozess angestoßen. Der Austausch durch Briefe ermöglicht Beziehung: Nimm, lies und schreib zurück! Gegenseitiges Kennenlernen erweitert den eigenen Lebenshorizont, nicht zuletzt durch gegenseitige Besuche – ich habe das während meiner viereinhalb Monate in Thiès erlebt. Die Aktion Schulgeld ist daher kein rausgeschmissenes Geld, sondern eine sinnvolle Investition in eine gute Zukunft für beide Seiten: Freundschaft, Herzensbildung und ein mehr an Gerechtigkeit. Die Bistumspartnerschaft – eine Herausforderung für jedermann. AMEN.

PREDIGT 24. SONNTAG Im JK (C)

Ex 32,7-11.13-14 + Lk 15,1-10 (Kurzfassung)

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, liebe Jugendliche!
40 Tage und Nächte ist Mose auf dem auf dem Berg Sinai (vgl. Ex 24,18) – eine idealisierte Zeitspanne mit einer tieferen Aussage: Die „40“ symbolisiert in der Bibel oft einen Neuanfang, einen Durchbruch zur Fülle des Lebens – einen Aufbruch, den Gott schenkt. Jahwe, der „ich bin der, ich bin da“, hatte das Leid seines Volks in der Sklaverei in Ägypten gesehen und es gerettet – der Zug in die Freiheit durchs gespaltene Meer. Jahwe, der „ich bin der, ich bin da“, führt sein Volk durch die Wüste – 40 Jahre lang: eine idealisierte Zeit des Durchbruchs zum Leben in Fülle im „gelobten Land“, wo „Milch und Honig“ fließen sollen (vgl. Ex 3,8.17). Während dieser Wüstenzeit ist Mose 40 Tage und Nächte auf dem Berg Sinai und damit Gott näher. Er empfängt u.a. die 10 Gebote (vgl. Ex 20,2-17; 34,28). Gott sorgt sich um die Beziehung des Volkes zum ihm, seinem Gott, und um das Zusammenleben untereinander – deshalb die Gebote zu gelingendem Leben.
40 Tage und Nächte – eine lange Zeit. Weil Mose, der die Israeliten im Namen Gottes in die Freiheit geführt hatte, so lange wegbleibt, wird das Volk unruhig und fordert von Aaron: „Jetzt mache du uns ein Gottesbild, das uns vorangeht; wer weiß, was mit diesem Mose, der uns aus Ägypten herausgeholt hat, passiert ist“ (Ex 32,1). Die Israeliten brauchen ein Götterbild, ein Gegenüber, das sie sehen, begreifen und anbeten können. Aaron, der Bruder des Mose, gießt aus dem Goldschmuck der Israeliten das „goldene Kalb“ – und die Israeliten beten es „als ihren Gott“ an.
Der rettende Gott, Jahwe, der „ich bin der, ich bin da“, ist erzürnt, dass die Israeliten sich von ihm, dem Retter, abgewandt haben und ein „goldenes Kalb“ anbeten und diesem mehr vertrauen als ihm. Wie schnell haben die Israeliten das rettende Eingreifen Jahwes vergessen…
Ich schaue auf mein Leben – ich blicke zurück und gehe in mich:
Wo und wie habe ich Gottes rettendes Eingreifen erfahren?
War und bin ich dankbar dafür? Habe ich mich von Gott abgewandt?
Wer sind meine Götter?
Das Geld, das immer weniger wert ist? Der Wohlstand, der bröckelt? Ruhm und Erfolg, die vergänglich sind? Woran hänge ich mein Herz?
Woran mein Herz hängt, das ist mein Gott. Wer ist mein Gott?
In der Lesung erleben wir Jahwe, den „ich bin der, ich bin da“, als zornigen Gott. Dieser Zorn Gottes will die Israeliten nicht vernichten, sondern erneut in die Freiheit führen. Sie sollen nicht scheinbaren Rettern nachlaufen, sondern Gott vertrauen und sich auf ihn verlassen. Die Israeliten sollen erkennen, dass sie Jahwe nicht egal sind, sondern dass Gott etwas an ihnen liegt, dass sie ihr Leben durch seine Gebote in Frieden und Freiheit gestalten können; sie sollen spüren, dass Gott es gut mit ihnen meint.
Der Evangelist Lukas zeigt uns im Sonntagsevangelium (Lk 15,1-10) in großartigen Gleichnissen, wie Gott ist. Jesus gibt darin eine bildhafte
Antwort, warum besonders Zöllnern und Sündern seine Zuhörer sind, warum er sie nicht abweist, ja sogar mit ihnen isst (vgl. Lk 15,1-2). Jesus will wie Gott „den Verlorenen“ nahe sein, ihnen so eine neue Lebens-perspektive schenken. Nicht nur Menschen, denen es gut geht, zählen – bei Gott zählen auch die Verlorenen, die am Rand sind, die sonst niemand sieht. Diese „Verlorenen“ verdienen Wertschätzung. Jesus sucht und findet sie, ja spricht sie an durch seine aufrichtenden Worte und durch sein wohlwollendes und fürsorgliches Handeln.
Gott, Jesus und Menschen, die ihm folgen, sind wie ein guter Hirt und wie eine fegende Frau. Der gute Hirt lässt 99 Schafe zurück – sie brauchen seine Hilfe und sein zupackendes Dasein jetzt nicht. Er geht dorthin, wo er jetzt nötig ist. Er ist nah dran an den Sorgen und Nöten der Menschen. Die fegende Frau sucht ihr verlorenes Geldstück. Sie scheut keine Mühe und lässt nichts unversucht: Licht anzünden, um besser zu sehen; ausfegen, um wieder freie Sicht zu haben; suchen in den hintersten Ecken – Papst Fran-ziskus würde sagen: hingehen an die Ränder der Gesellschaft – das Wert-volle dort suchen und finden: „Verlorene“ Menschen, die sich aus welchen Gründen auch immer von anderen abgewandt haben, verloren gingen oder aus der „guten Gesellschaft“ ausgeschlossen wurden. Die „Verlorenen“ su-chen, weil auch sie zählen, weil auch sie wertvoll und wichtig sind, weil auch sie eine Würde haben, weil auch sie zur Gemeinschaft gehören, weil ohne sie etwas fehlt: Freude nämlich – nicht nur im Himmel, sondern auch hier auf Erden – und Leben in seiner ganzen Vielfalt und Fülle. AMEN.

PREDIGT 23. SONNTAG Im JK (C)

Phlm 9b-10.12-17 + Lk 14,25-33

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, liebe Jugendliche!
Am 5. September 1997 starb Mutter Teresa, also vor knapp 25 Jahren. Bereits sechs Jahre später, am 19. Oktober 2003 wurde sie selig- und genau heute, am 4. September, vor sechs Jahren heiliggesprochen. Ich erinnere mich noch gut daran, weil ich an der Seligsprechung in Rom teilgenommen habe und mein Theologiestudium in Bamberg mit einem Tag Verspätung anfing – aber rückblickend kann ich sagen, ich habe von Mutter Teresa mehr gelernt als an diesem ersten verpassten Studientag.
Mutter Teresa ist als Mutter der Armen und Friedensnobelpreisträgerin weltweit bekannt. Schon als sie in Skopje/Albanien zur Schule ging, wollte sie Missionsschwester werden. Im Alter von 18 Jahren verließ sie ihre Familie und trat bei den Loretoschwestern ein und wurde als Lehrerin nach Kalkutta in Indien gesandt. Sie unterrichtete dort Töchter aus gutem Haus, reiche Mädchen. Mit 38 verließ sie die Schwesterngemeinschaft, um in ihrem Orden außerhalb der Klausur mitten in der Welt ihrer eigentlichen Berufung nachzugehen, die wesentlich mit dem Kreuz und dem Gekreuzigten zusammenhängt: Jesu Ruf am Kreuz „Mich dürstet!“ (Joh 19,28), ein Ausdruck der Sehnsucht Gottes nach dem Menschen, hat Mutter Teresa bewegt, Jesus Christus in den Ärmsten der Armen zu dienen – aus Liebe und nicht aus Berechnung, auf Augenhöhe und nicht von oben herab. In einen weißen Sari mit blauem Rand gekleidet, wie er für die niedrigste Kaste in Indien üblich ist, lebte sie in einem der schlimmsten Elendsviertel von Kalkutta, um dort das Leben der Armen zu teilen: „Zu sagen ‚ich liebe‘ genügt nicht. Liebe muss lebendige Tat werden.“ Mutter Teresa überzeugt durch ihr glaubhaftes Leben und ihren gelebten Glauben. Schon nach kurzer Zeit schlossen sich ihr Frauen an und bildeten die Gemeinschaft „Missionarinnen der Nächstenliebe“. Papst Johannes Paul II. nannte sie in der Predigt anlässlich ihrer Seligsprechung „Ikone des barmherzigen Samariters“ – Mutter Teresa hat gehandelt wie er: Sie hat in den Ärmsten der Armen den leidenden Christus erkannt, IHM hat sie gedient und IHM hat sie mit ihren Händen geholfen, hat Wunden der Kranken versorgt und Sterbende gepflegt. Sie hat institutionelle Hilfe organisiert, hat Heime für Findelkinder und Sterbehäuser für todgeweihte Obdachlose errichtet, wie der barmherzige Samariter, der den Zerschlagenen in einer Herberge unterbrachte.
Am Handeln von Mutter Teresa zeigt sich die Radikalität der Nachfolge besonders auch im „Verzicht auf Besitz“ (vgl. Lk 14,33) – das stört uns heute radikal: Wir wollen oft immer mehr haben und werden dadurch doch immer ärmer in unseren Beziehungen und in unserer Zeit füreinander. Wir wollen gern in der Mitte stehen, groß rauskommen, vorne dran sein und sind dabei weit weg von den Menschen, die uns brauchen. An die Ränder gehen – an die Ränder der menschlichen Existenz, wo das Leben an den
Rand gedrängt ist, wo kaum Platz fürs Überleben ist, wo der Schrei „Mich dürstet“ meist ungehört verhallt: in Elendsvierteln und sozialen Brennpunkten, in Hospizen und Altenheimen. Dort bei den Einsamen und Obdachlosen, bei den Verhungernden, unheilbar Kranken, und Sterbenden – dort fand Mutter Teresa den leidenden Christus. Sie sah und verehrte die Gegenwart Jesu Christi in den Ärmsten genauso wie in der Eucharistie.
An die Ränder gehen, dieser Zugang und Weg der Nachfolge Jesu war Mutter Teresa wichtig und ist auch ein Zentralgedanke von Papst Franziskus: „Wo die Ärmsten der Armen sind, dorthin müssen wir als Kir-che!“ Schwester Andrea, die erste ausländische Novizin, die 1959 zu Mutter Teresa nach Kalkutta kam, sagt über Mutter Teresa: „Sie […] hat uns beigebracht, unsere Aufgaben als die letzten Kreuzwegstationen zu sehen: So müsst ihr immer handeln, sagte sie, wenn ihr auch nicht wisst, was ihr tun könnt – Maria wusste es auch nicht, sie war ihrem Sohn begegnet auf dem Kreuzweg und sie war so hilflos, aber sie war dort! Und so müssen wir auch da sein, einfach da sein.“ (Gespräch mit Radio Vatikan). Im Blick auf das heutige Evangelium (Lk 14,25-33) lässt sich dieser Gedanke weiterführen: das Kreuz annehmen – das eigene und vor allem das der anderen. Mit diesen Menschen leiden wie die weinenden Frauen, das Kreuz zupackend tragen helfen wie Simon von Cyrene und liebend-trostvoll da zu sein wie Veronika. Compassion mit diesem Wort lässt sich der Dienst von Mutter Teresa in der Nachfolge Jesu Christi zusam-menfassen: compassion – mitleiden, mitleben, mitlieben. AMEN.
Zum Nachdenken

Ein amerikanischer Journalist sagte einmal zu Mutter Teresa: „Was Sie machen, würde ich nicht für eine Million Dollar machen.“
Ihre Antwort lautete: „Ich auch nicht.“

Ein amerikanischer Journalist fragte einmal Mutter Teresa, was sich in der Kirche ändern müsse.
Ihre Antwort lautete: „Sie und ich.“

PREDIGT 4. SONNTAG IN DER OSTERZEIT (C)

Apg 13,14.43-52 + Joh 10,27-30

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!
Hirte sein – ein Beruf, den heutzutage kaum mehr einer machen will: immer draußen, scheinbar nur dumm rumstehen – so die klischeehafte Vorstellung, die auch in einem Zeitungsartikel der Heimatzeitung meiner Eltern zu lesen war; dabei ist Hirte sein ein Beruf, der viel Einfühlungsvermögen erfordert für jedes einzelne Schaf und seine Bedürfnisse.
Schaf sein – will aber auch niemand: Wer will sich schon sagen lassen, wo es lang geht? Wer will sich schon gern führen lassen und dumm wie ein Schaf oder lammfromm hinter einem Hirten her trotten? Selbstbestimmt wollen wir Menschen heute leben. Das Beziehung und die Bezogenheit vom „guten Hirten“ und den „hörigen Schafen“ stößt heutzutage vielen auf: Es ist nicht ihr Bild von Kirche. Viele stören sich an den Hirten unser Tage und an Hirten vergangener Zeit und ihrem Versagen.
Wenn wir das Bild vom Hirten und der Herde aus biblischer Sicht sehen, dann ist Jesus Christus der gute Hirte – er allein. „Ich bin der gute Hirt“ (Joh 10,11.14), sagt Jesus wenige Verse vor dem heutigen Evangelien-Abschnitt (Joh 10,27-30). Bei Jesus und seiner Vorstellung von Hirte und Herde geht es nicht um eine Hierarchie unter den Menschen, nicht um eine Über- und Unterordnung von Klerikern und Laien, nicht um Macht oder Vorrangstellung unter den Schäfchen. Jesus Christus geht es um gelebte Zugehörigkeit. In dem Wort „Zugehörigkeit“ steckt das Wort „hören“ drin; ich gehöre dazu; ich habe ein Gehör, um aus dem Gewirr der Stimmen, Laute und Klänge, die Stimme des Hirten zu hören. Auf das „Hören“ kommt es also an! Jesus sagt: Die ihm Zugehörigen „hören auf meine Stimme: ich kenne sie, und sie folgen mir“ (Joh 10,27). Auf die Stimme Jesu, sollen wir hören. Als Hirte weißt er den Weg zum Leben – im Hier und Jetzt – und darüber hinaus. Wer Jesus Christus dem guten Hirten folgt, dessen Lebensweg endet nicht in einer Sackgasse, sondern führt ins ewige Leben (vgl. Joh 10,28). Wer Jesus Christus folgt, dessen Leben ist geborgen in Gottes Hand – er lässt die Menschen nicht fallen – er fängt vielmehr auf, wenn wir von Menschen fallengelassen werden.
Für viele Christen ist genau das in Psalm 23 ausgesagt: „Der Herr ist mein Hirte…“. Der Beter/die Beterin des bekannten und beliebten Psalms hat dieses Urvertrauen, dass Gott ihn/sie führen wird: auf gute Weide, durch Krisen hindurch und auch auf schwierigen Abschnitten auf dem Lebensweg. Ihm, dem guten Hirten, vertrauen – spüren, dass er es gut meint, dass er der Weg zum Leben ist (vgl. Joh 14,6). „Wenn ich Jesus Christus nicht gehabt hätte, wäre ich verloren gewesen; dann würde ich heute nicht mehr leben“, derartige Aussagen begegnen mir immer wieder in Seelsorgegesprächen.
Der Weg mit Jesus Christus führt ins Leben und nicht in den Tod – das ist der Unterschied zu den Führern, Verführern und Machthabern vergangener Tage und der heutigen Zeit. Auf das Hören kommt es an – da-rauf genau hinzuhören, um nicht auf falsche Botschaften und Nachrichten oder auf lebenszerstörende Befehle hereinzufallen. Es geht darum, das Leben zu schützen von Anfang an – das ist echte „Hirtensorge“ für das Leben und „Führungsaufgabe“ zu gelingendem Leben. Vor 77 Jahren, am 08. Mai 1945, war der zweite Weltkrieg zu Ende; Hitler, der Führer und Verführer so vieler Menschen, der viele Soldaten in den Tod geführt hat und durch den grausamen und menschenverachtenden Krieg viele Menschen, darunter über 6 Millionen Juden, um ihr Leben gebracht hat, war besiegt. Heute sehen wir mit Sorge, dass Geschichte sich wiederholt und der russische Führer Tod und Leid über viele Menschen bringt. Dieser Weg führt nicht zum Frieden und dient nicht dem Leben. Das Vorbild vom guten Hirten ist heute aktueller und konkreter denn je.
Am heutigen „Gute-Hirten-Sonntag“ wird um geistliche Berufungen gebetet – in Oberkotzau sogar die ganze Nacht hindurch. Jesus, dem guten Hirten nachfolgen in verschiedenen Berufen der Kirche: als Gemeinde- und Pastoralreferent, als Kindergärtnerin oder Religionslehrer, als Ordensfrau oder Priester, im Pfarrgemeinderat, als Mutter und Vater, als Oma und Opa – wir alle sind Gerufene. Hören wir auf die Stimme von Jesus Christus; hören wir auf sein Wort und seine Wegweisung zum Leben. Sagen wir die Botschaft des guten Hirten weiter, wie Paulus und Barnabas (vgl. Apg 13,14.43-52). Führen wir Menschen zu Jesus Christus – nicht mit Zwang oder Drohung, sondern behutsam und zärtlich – wie der gute Hirte. AMEN.

PREDIGT 3. SONNTAG IN DER OSTERZEIT (C)

Offb 5,11-14 + Joh 21,1-19

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, liebe Jugendliche!
In jedem Lottogeschäft gibt es sie: Lose – Lose für Sofortgewinne. Mit einem kleinen Einsatz kann ich das große Geld machen, einen Kleingewinn ergattern, oder eben – wenn ich eine Niete gezogen habe – nichts: Leider verloren. Ich kann nur gewinnen oder verlieren. Beim so genannten Bayern-Los gibt es Ausnahme, da gibt es neben dem Sofortgewinn und dem Leider Verloren noch die zweite Chance. Mit dieser zweiten Chance habe ich doch noch die Möglichkeit auf einen Gewinn.
Eine zweite Chance hat jeder verdient – jeder Mensch, egal was für eine Niete er im Leben ist. Der Auferstandene gibt Petrus eine zweite Chance, die Chance auf einen Neuanfang. Der reiche Fischfang nach erfolglos durchfischter Nacht ist das Vorzeichen dazu. An einem Kohlenfeuer fragt der Auferstandene Petrus dreimal. Beides, das Kohlenfeuer und die dreimalige Frage, weisen zurück in den Vorhof des hohepriesterlichen Palastes. Dorthin war Petrus dem verhafteten Jesus gefolgt – und doch hat er dort, am Kohlenfeuer, dreimal die Jüngerschaft in der Nachfolge Jesu verleugnet. Zuvor hatte er im Garten Getsemani noch mutig mit dem Schwert dreingeschlagen – doch Jesus wollte den Weg ans Kreuz in Gewaltlosigkeit und Freiheit gehen. Bis nach Golgatha unters Kreuz folgt ihm Petrus nicht nach – dort stehen andere. Am leeren Grab zeigt Petrus keine Reaktion, während andere Jüngerinnen und Jünger glauben und verkünden. Petrus ist daher die tragische Figur der Johannespassion – gescheitert in der Nachfolge Jesu und im Glauben an die Auferstehung.
Ich kenne diesen Petrus gut – er ist ein Teil von mir, von meinem Leben und meinem Versagen: wenn Prüfungen oder meine Arbeit nicht den gewünschten Erfolg zeigen; wenn ich mich mit verbaler Gewalt aus Anfeindungen herausboxen will; wenn ich bohrenden Fragen ausweiche und die Unwahrheit sage; wenn ich nicht hinter meiner Berufung stehe und Nachfolge nicht leben kann oder will; wenn ich Krisensituationen aus dem Weg gehe; wenn mir der Mut zum Glauben fehlt; wenn ich einfach sprachlos bin und mit die Worte fehlen. Ich kenne diesen Petrus mit seiner Schuld, mit seinen Fehlern und Schwächen nur zu gut – er ist ein Teil von mir.
Doch das Johannesevangelium endet nicht mit diesem gescheiterten Petrusbild. Durch Jesus, dem eigentlichen Oberhirten, wird Petrus der Hirtendienst übertragen, die Sorge um die Kirche. Wie geschieht dies?
Es ist die seelsorgliche Art des Auferstandenen mit dem Versagen des Petrus umzugehen: es ist kein Richten, sondern ein Aufrichten, die unbe-dingte Annahme ohne Vorbedingungen. „Liebst du mich?“ – „Du weißt, dass ich dich liebe.“ Dieser Dialog ist kein billiges happy end in letzter Minute. Es ist weder platter Sextalk noch erotisches Liebesgeflüster. Es geht um Liebe, um echte Liebe, um gelebte und gelingende Nachfolge.
„Liebst du mich mehr als diese“, fragt Jesus. Über dieses mehr an Liebe schweigt sich Petrus aus: „Du weißt, dass ich dich liebe.“ Jesus hakt nach: „Liebst du mich“ – Jesus verwendet dabei das griech. Verb agapao. Jesus geht es um die sich bis ans Äußerste verschenkende Liebe, um Agape. Petrus antwortet dagegen philo se – ich liebe dich in aller Freundschaft, mit einer Liebe, die auch ihre Schwächen und Grenzen hat.
Ein Streit um wahre Liebe, der in der deutschen Einheitsübersetzung leider nicht sichtbar ist und nicht hörbar wird. Wie geht dieser Streit aus? Gibt es überhaupt eine Lösung dieses „Liebesproblems“?
Jesus fragt zum dritten Mal: „Liebst du mich? Liebst du mich wirklich? Bist du dir ganz sicher, dass du es ehrlich meinst?“ Hier geschieht für mich das Großartige in diesem Gespräch: Jesus gibt seinen hohen An-spruch der idealen Lieben, der Agape, auf. Er fragt Petrus nach seiner Philia, nach seiner Freundschaft. Jesus setzt auf die menschenmögliche Liebe, auf die freundschaftliche Liebe des Petrus. Jesus will keine lieblos dahingesagten Liebesfloskeln, in der Hoffnung, dass der lästige Frager endlich Ruhe gibt. Jesus will wahre Freundschaft und echte Liebe. Die Tränen des Petrus sind der Liebesbeweis: Sie sagen mehr als tausend Worte; sie zeigen, dass er seine Schwäche und sein Versagen einsieht.
Petrus ist von Jesus geliebt und angenommen trotz seiner Fehler und Schwächen in der Vergangenheit – und er erhält von Jesus eine zweite Chance. Er wird beauftragt und in Dienst genommen, den er treu – ja mit Liebe – erfüllen soll. Tu es Petrus – handle danach, dann bist du der Fels, auf dem die Kirche sicher stehen wird.1
„Liebst du mich?“ An dieser Frage entscheidet sich die Berufung des Petrus zur Nachfolge. „Liebst du mich?“ ist auch die Frage Jesu an mich und mein Leben. „Liebst du mich – willst du mein Freund und Jünger sein? Liebst du mich auch bei Einsatz deines Lebens?“ Es ist der Ruf zu Nachfolge – Jesu Ruf an mich: Folge mir nach – so wie du bist, trotz all deiner Fehler und Schwächen. Folge mir nach – aus Liebe. AMEN.


1 Eine kleine Anmerkung, die ich persönlich sehr bedenkenswert finde, die ich aber unterschlagen habe, um die Predigt nicht in die Länge zu ziehen:
In unseren Ohren klingt das Tu es Petrus sehr Deutsch: die Tat und das Tun klingt an – durch die tätige Liebe des Hirtendienstes wird Petrus zum „Felsenmann“. Das Tu es Petrus ist aber auch die lateinische Bedeutung von Du bist Petrus (der Fels), … (vgl. Mt 16,18) und damit der Berufung des Petrus. Stellt sich die Frage, was wich-tiger ist, die Berufung an sich oder die Tat. Bei einer „echten“ Berufung muss m.E. beides zusammenkommen: das Ge- und Berufensein und die Umsetzung im Leben – im Rahmen der eigenen Möglichkeiten und Begrenztheit, um mit SEINER Hilfe den Überstieg von Freundschaft zur Agape zu schaffen in der Gewissheit, dass ER aus Liebe alles vollenden und vollkommen machen wird, auch unsere Unzulänglichkeit.

PREDIGT 2. SONNTAG IN DER OSTERZEIT (C)

Offb 1,9-11a.12-13.17-19 + Joh 20,19-31

Was verleiht dem sogenannten Weißen Sonntag seinen „farbigen“ Namen? Eine Frage, die auch Günter Jauch bei „Wer wird Millionär?“ stellen könnte. Wissens Sie’s? Was verleiht dem Weißen Sonntag seinen Namen?
a) Das Weiß der zu dieser Zeit blühenden Kirsch- und Apfelbäume?
b) Das weiße Taufkleid der in der Osternacht getauften Christen?
c) Der weiße Schnee, der bei der erstmaligen Feier gefallen ist?
d) Die weißen Schafe, die an diesem Tag auf die Weide gebracht wurden?

Wissens Sie’s? Was verleiht dem „Weißen Sonntag“ seinen Namen?

Das Eingangslied hat die Antwort schon verraten: „Zum Mahl des Lammes schreiten wir mit weißen Kleidern angetan“ (Gotteslob 642). Bis zu zum Sonntag nach Ostern, dem Weißen Sonntag, trugen die in der Osternacht Getauften die weißen Taufkleider und gingen in diesem Festgewand der Christen zum ersten Mal zum Tisch des Herrn: „Zum Mahl des Lammes schreiten wir mit weißen Kleidern angetan.“ Am Weißen Sonntag wurde und wird nicht nur am vielen Orten Erstkommunion gefeiert, sondern dieser Tag baut auch eine Brücke vom Osterfest in den Glaubensalltag – dorthin, wo sich der in der Taufe empfangene und durch Gespräche vertiefte Glaube bewähren muss: Glaubst du das, was du in der Taufe und an Ostern gefeiert hast?
Der Apostel Thomas wird uns im Evangelium als Zweifler im Glauben und als Vorbild im Glauben vorgestellt. Die ängstlichen Jünger verkriechen sich und igeln sich ein. Der Auferstandene kommt in ihre Verschlossenheit und zeigt, wie Ostern verändert, ohne das Bisherige zu verdrängen: Er trägt weiterhin die Wundmale der Kreuzigung. Er ist der auferstandene Gekreuzigte – kaum zu glauben. Unter den Jüngern erweist sich der größte Zweifler, der „ungläubige Thomas“, als der Gläubigste: Thomas will kein oberflächliches Wunder; er kann nicht einfach an die Auferstehung Jesu glauben; er will die Wundmale sehen und sie begreifen – geistlich und mit den Händen. Ob Thomas es gewagt hat, die Finger in die wunden Punkte seines Glaubens zu legen, ob er die Finger in die Wundmale des auferstandenen Gekreuzigten gelegt hat, lässt die Bibel offen. Aber sein Bekenntnis reicht in die Tiefe: niemand sonst (außer dem heidnischen Hauptmann in Mk 15,39; Mt 27,54) bezeichnet in den Evangelien Jesus als Gott(es Sohn). Thomas spricht das aus: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20,28). Aus dem „ungläubigen Thomas“ wird der „gläubige Thomas“. Die Sympathie des Auferstandenen für den „Zweifler“ ist deutlich zu spüren: Jesus Christus lässt die Zweifel des Thomas zu und wertet sie nicht negativ ab. Es scheint fast, dass er den Mut des Thomas gutheißt, seine Glaubenszweifel offen und ehrlich auszusprechen. Der Auferstandene will einen Glauben, der in die Tiefe geht und aus der Tiefe des Herzens kommt. Genau das ist es bei Thomas – ein Glaubensbekenntnis aus tiefstem Herzen: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20,28).

Was kann das für meinen Glauben bedeuten?
Thomas hatte den Vorteil, dass der Auferstandene ihm begegnet ist – leibhaftig, von Angesicht zu Angesicht. Doch der Auferstandene gibt auch mir – ja uns allen, die im Heute leben – im Evangelium eine Botschaft mit. „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh 20,29).
„Nicht sehen und doch glauben“ (Joh 20,29) meint keinen Glauben, der ohne (Nach-)Denken auskommt. Es ist vielmehr ein Glaube, der mit allen Sinnen sucht, der hinterfragt und hinter der Dunkelheit von Leid und Tod das Licht von Ostern zu erkennen vermag. Dazu braucht es Geist und Verstand – den Geist der Erkenntnis, den der Auferstandene den Jüngern zärtlich zuhaucht: „Empfangt den Heiligen Geist!“ (Joh 20,22). Uns allen ist dieser Geist Gottes in Taufe und Firmung geschenkt. Das weiße Taufkleid, das dem Symbol des Heiligen Geistes, der weißen Taube, gleicht, erinnert uns daran, dass wir die uns geschenkten Geistesgaben nutzen sollen, um die Angst zu überwinden und Zweifel zuzulassen, um immer tiefer zu verstehen und zu glauben. „Noch viele andere Zeichen“ (Joh 20,30) sind nach dem Zeugnis des Johan-nesevangeliums geschehen und geschehen immer noch: Zeichen, Wunder und Beweise, dass Jesus Christus lebt und auch heute noch wirkt. Auf mich, auf uns und auf alle gläubigen Zweifler und zweifelnden Gläubigen wartet – wie auf Thomas (und den heidnischen Hauptmann) – eine lebenslange Entdeckungsreise des Glaubens und mein persönliches Glaubensbekenntnis, das ich heute in aller Stille vor Gott aussprechen: kurze Stille AMEN.

PREDIGT AUFERSTEHUNG DES HERREN – OSTERN

Lk 24,1-12

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, liebe Jugendliche!
Was soll denn der Regenbogen im Altarraum – eine Frage, die gestellt wurde hinter vorgehaltener Hand oder auch dem Mesner; mich als Pfarrer traute man sich nicht zu fragen… Der Regenbogen gewachsen: Woche für Woche kam eine Farbe hinzu: rot, orange, gelb, grün, blau und violett. Man kann mit diese Farben kombinieren und je nachdem, wie man das macht, kommt eine neue Farbe heraus. Man kann sogar mit diesen Farben rechnen – zumindest theoretisch: Man kann die Farben des Regenbogens subtraktiv mischen und erhält, wenn alle Farben „abgezogen“ sind, die Farbe SCHWARZ, die Farbe der Trauer und des Todes passend für den Karfreitag. In Schwarzenbach lag ein schwarzer Trauerflor auf dem Leichnam Jesu.
Heute ist das SCHWARZ verschwunden, die Farben sind anders gemischt, nämlich additiv: alle Farben leuchten zusammen und ergeben die Farbe des Tages, nämlich österliches WEISS, die Farbe der Auferstehung. Die Farbe findet sich wieder in den „leuchtenden Gewändern“ (Lk 24,4) der Lichtgestalten, die zu den trauernden Frauen kommen. Die Farbe WEISS als Summe aller Farben ist die Botschaft, die Botschaft des Lebens. WEISS ist Farbe, die hineinstrahlt ins Leben der Frauen, denen durch den Tod Jesu alle Farbe und Lebensfreude genommen ist: Sie tragen und sehen SCHWARZ. Sie haben mit nicht mit WEISS gerechnet. Sie erschrecken und blicken (geblendet) zu Boden (vgl. Lk 24,5) – sie können das Licht noch nicht fassen.
Wie geht es mir: Kann ich noch erschrecken über die Botschaft von Ostern, oder ist sie längst verblasst oder farblos? Ist in mir noch alles SCHWARZ vor Trauer angesichts persönlicher Schicksalsschläge oder angesichts des Krieges in der Ukraine und der unsicheren Zeit, die vor uns liegt? Wird es wieder hell in meinem Leben werden? Oder ist in mir alles WEISS, weil ich das Leid und die Nöte der anderen ausblende? Oder dämmert es schon in mir hin zur angstvollen Nacht oder hin zum nahenden Tag?
„Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ (Lk 24,5) – eine Frage, die herausfordert und eine Antwort fordert, von den Frauen und von den Jüngern auch. Den Frauen dämmert es: Sie erinnern sich und bringen die Worte Jesu mit der Botschaft der Lichtgestalten zusammen (vgl. Lk 24,6-8) – es wird hell in ihrem Leben und sie wollen dieses Licht, diese Farbe des Lebens und des Lebenden weiterschenken und andere mit diesem Osterlicht entzünden: Auch das Leben der Jünger und anderer Menschen soll hell werden – wie bei der Lichtfeier zu Beginn der Osternacht: ein Licht, das sich verbreitet und das Leben und die Kirche hell macht: Jesus Christus ist dieses Licht.
Die Jünger können das zunächst nicht glauben – ihr Leben bleibt düster, dunkel und totenschwarz: Tot ist tot – kein Leben mehr möglich! Aus und vorbei! Sie können nicht glauben, dass Jesus nicht mehr tot im Grab liegt – sie können und wollen nicht glauben, dass er von den Toten auferstanden ist. Sie halten die LichtBotschaft der Frauen für törichtes Weibergeschätz. Die Frauen wollten das, was sie in Bewegung setzte und den Stein bei ihnen ins Rollen brachte, den Jüngern mitteilen: Jesus lebt! Er ist auferstanden! Die Frauen haben etwas bewegt mit ihrer Botschaft vom „weggewälzten Stein“ (vgl. Lk 24,2): Petrus, der Fels, bewegt sich – ein „rolling stone“ im übertragenen Sinn. Er öffnet das Grab seiner vermeintlichen Totsicherheit und eilt zum Grab und findet … Jesus nicht – nur die Leinenbinden.
Was finden wir heute, wenn wir zum Grab gehen? Lasse auch ich mich und meine festgefahrenen Meinungen bewegen? Breche ich auf und glaube?
Regenbogen: #out in church. Oute ich mich, dass ich eine Glaubende, ein Glaubender bin, die/der an die Auferstehung Jesu glaubt, an sein „coming out“, an sein Herauskommen aus dem Grab? Dann bekommt der Regenbogen eine tiefere Bedeutung: Leben, Leben in Fülle mit allen Farben. AMEN.

PREDIGT KARFREITAG

Jes 52,13-53,12 + Hebr 4,14-16; 5,7-9 + Joh 18,1-19,42

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Kinder und Jugendliche!
Mittendrin, statt nur dabei – so könnte man das live-Projekt „die Passion“ umschreiben, das RTL am Mittwoch gewagt hat, um die Passion Christi ins Heute zu übertragen: Mittendrin, statt nur dabei. Dieser Satz vermittelte beim Zuschauer das Gefühl, eben nicht passiv im Fernsehsessel zu sitzen, sondern das Geschehen von damals mitzuerleben, hautnah dabei zu sein.
Mittendrin, statt nur dabei – so haben wir die Passion, die Leidensgeschichte von Jesus heute erlebt. Wir saßen nicht passiv und teilnahmslos auf unseren Hockern und in den Kirchenbänken – nein, wir waren Teil des Geschehens, einige von uns hatten eine Rolle, hatten was zu sagen, als Petrus, als Soldat, als Magd, als Hohepriester. Sie waren mittendrin. Einige sind hochgeschreckt, als plötzlich jemand neben ihnen zu schreien begann, oder als die lauten Rufe Kreuzige ihn aus ihrer Mitte kamen.
Mittendrin können wir besser nachspüren, was die Personen der Passion bewegt hat, wie sie fühlen, wie sie leiden, wie sie andere verurteilen. Die Figuren der Passion sind ein Teil von mir: auch in mir steckt ein Petrus. Ich möchte meinem Namen wirklich alle Ehre machen und ein Petrus sein, ein Fels möchte ich sein – Petrus bedeutet übersetzt Fels – ein Fels in der Brandung, ein Mensch auf den man sich absolut verlas-sen kann, dem man vertrauen kann, der Halt und Sicherheit bietet. Dieses Wunschbild von Petrus zerbricht in der Passion: Mutig greift er zum Schwert … und ich erlebe den dreimaligen Verrat, das Nein des Petrus hautnah. Starke und schwache Momente, mutiges Bekennen und furchtsames Schweigen und Verleugnen liegen nah beieinander. Mittendrin, statt nur dabei frage ich mich: wo habe ich vor Angst geschwiegen, wo hätte ich für Benachteiligte und Schwache eintreten müssen?
Auch in mir steckt Pontius Pilatus oder ein Hohepriester: ich habe Macht über andere Menschen, in der Familie, im Dorf/in der Stadt, in der Schule, am Arbeitsplatz – auch ich bin ein Machtmensch, ob ich will oder nicht. Ich habe die Macht, andere Menschen durch meine Worte zu verurteilen – es ist die Macht der Worte, die oft verletzender und tödlicher sein kann als meine Taten. Mittendrin, statt nur dabei wird mir bewusst, dass es an mir liegt, ob ich mit meinen Worten richte oder aufrichte. Es liegt an mir, ob ich alles tue, was in meiner Macht steht, oder ob ich mir angesichts fremden Leids und des Unfriedens in der Welt meine Hände in Unschuld wasche: es betrifft mich ja nicht, da bin ich fein raus – wirklich?!
Haben Sie auch zwei Personen vermisst? Simon von Zyrene und Veronika. Sie haben in der Johannespassion keine Stimme, ja sie kommen nicht einmal als Statisten vor – in den anderen Evangelien ist zumindest von Simon von Zyrene die Rede. Er, der ackert und rackert, damit seine Felder ausreichend Ertrag bringen, er wurde mit hineingezogen: Er hat den Kreuzesbalken nicht ganz freiwillig getragen – und trotzdem hilft er Jesus tragen, der sich blutend und am Ende seiner Kräfte zur Kreuzigung schleppt. Mittendrin, statt nur dabei sehe ich Aufgaben, in die ich hineingezogen werde. Ich frage mich: Schotte ich mich gegen das Leid anderer ab? Bin ich bereit, Menschen in Not im Rahmen meiner Möglichkeiten zu helfen?
Veronika kommt in keiner Passionserzählung vor. Menschen haben sie trotzdem bewusst in den Kreuzweg hineingemalt und ihr eine Kreuzwegstation gewidmet, weil ihnen etwas fehlte: Frauen, die mit Jesus unterwegs waren, die seine Botschaft der Liebe geteilt haben. Frauen, die gelebte Nächstenliebe, wie Jesus sie vorgelebt hat, in die Tat umsetzen. Frauen, die leider auch in der Kirche oft am Rand stehen oder ein Schattendasein führen. Der Name Veronika ist Programm. Er besteht aus dem lateinischen vera und dem griechischen eikona – vera eikona, wahres Angesicht. Durch mich und mein Tun soll die Botschaft Jesu ein menschliches Gesicht bekommen. Mittendrin, statt nur dabei, spüre ich meine Aufgabe der gelebten Caritas. Spüre ich wirklich, dass gelebte Nächstenliebe nicht nur Frauensache ist?
Wie oft im Leben bin ich einer aus dem Volk oder ein Soldat, der andere Menschen einfach fallen lässt, der ihnen nicht aufhilft und sich schadenfroh am Unglück anderer ergötzt? Wie oft stelle ich andere durch üble Nachreden bloß und lasse nichts Gutes an ihnen? Wie oft lege ich Menschen durch mein Tun aufs Kreuz? Wie oft nagle ich andere fest auf Gesagtes oder Getanes? Wie oft bin ich da mittendrin, statt nur dabei?
Maria und Johannes, zwei Menschen unter dem Kreuz. Anderen ist diese Belastung zuviel. Sie stehen abseits, in sicherem Abstand. Sie wollen Kreuz und Leid nicht zu nah an sich heranlassen. Auch Menschen heute haben Leid und Tod zu ertragen in der eigenen Familie, im Freundeskreis, im Krieg und auf der Flucht. Auch auf ihnen lastet das Kreuz. Sie kommen nicht los davon. Sie leiden mit und erleiden tief im Inneren den Verlust von geliebten Menschen oder von Lebensqualität. Es ist fast nicht auszuhalten. Mittendrin, statt nur dabei frage ich mich: Halte ich es bei nahestehenden Menschen aus, auch wenn schwere Stunden anbrechen?
Josef von Arimathäa, der Jünger, der heimlich und aus Furcht vor den Juden auf das Anbrechen des Gottesreiches wartete. Der dann doch aus der Heimlichkeit heraus in die Öffentlichkeit trat und Pilatus um den Leichnam Jesu bat. Der Jesus nicht tot am Kreuz hängen ließ, sondern ihm sein Grab überließ. Mittendrin, statt nur dabei sehe ich mich und meinen Glauben: Bin ich bereit, ihn öffentlich zu leben? Bin ich bereit, dafür auch Nachteile in Kauf zu nehmen, oder meinen Besitz zu teilen?
Mittendrin, statt nur dabei – die Passion Jesu, sein Kreuzweg, sein Tod am Kreuz und seine Grablegung haben mit mir und meinem Leben zu tun: Ich war heute mittendrin, statt nur dabei – ich konnte mich und mein Handeln hinterfragen. Ich gehe weiter auf meinem Lebensweg, der sich immer wieder mit dem Kreuzweg Jesu kreuzt – nicht nur heute: Er, Jesus Christus, ist in meinem Leben – mittendrin, statt nur dabei. AMEN.

PREDIGT GRÜNDONNERSTAG

Ex 12,1-8.11-14 + Joh 13,1-15

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, liebe Jugendliche!
Gründonnerstag ist verbunden mit der Farbe GRÜN – zumindest dem Namen nach. Viele Menschen essen heute auch grüne Speisen, Bärlauch-Suppe oder die berühmte Frankfurter Grüne Sauce. Aber der Name Gründonnerstag kommt nicht von der Farbe GRÜN, sondern vom althochdeutschen Greinen, dem Wort für Weinen. Die Traurigkeit bricht durch, auch in diesem Gottesdienst: die Orgel hat nach dem Gloria auf-gehört zu spielen und auch die Glocken sind verstummt – die anfängliche Feststimmung ist am Kippen und gibt dem Abendmahl, dem Abschieds-mahl Jesu einen melancholischen und traurigen Touch. Vielerorts wird nach der Abendmahl-Messe auch eine Ölbergandacht oder eine Ölbergwache gehalten und des Gebets Jesu am Ölberg gedacht – bange Stunden, die alles andere als in hoffnungsvolles GRÜN getaucht sind.
Und doch ist dieser Abend des Gründonnerstags auch mit Gedanken der Hoffnung verknüpft – die biblischen Schrifttexte sprechen davon: Von der Hoffnung auf Rettung aus bitteren und bedrückenden Zeiten – die Israeliten haben diese zugesagte Hoffnung erfahren nach langen Jahren in der Sklaverei in Ägypten und der Hinhaltetaktik des Pharaos. Und das ist ihre Hoffnung: Gott wird uns retten, denn er hat ihnen zugesagt: „Das vernichtende Unheil wird euch nicht treffen“ (Ex 12,13). Die Israeliten vertrauen Gott und setzen ihre ganze Hoffnung auf ihn. Sie rüsten und bereiten sich für den schnellen Aufbruch aus der Unterdrückung vor. Sie rüsten und bereiten sich für die eilige Flucht vor dem mächtigen und grausamen Pharao – ich fühle mich an die Flüchtenden aus den Kriegsgebieten und die Diktatoren unserer Tage erinnert. Die Israeliten feiern vor dem Exodus Pessach, ein Fest, weil sie auf das rettende Eingreifen Gottes hoffen. Gläubige Juden feiern dieses Hoffnungsfest bis heute: das Fest der Befreiung in Erinnerung daran, dass Gott Freiheit geschenkt hat und hoffentlich auch immer wieder schenken möge.
Auch wenn wir den Gründonnerstag nicht in GRÜN, sondern in der liturgischen Farbe WEISS feiern, ist es doch ein hoffnungsvolles Christusfest. Der Gründonnerstag ist getragen von der Hoffnung, dass alles gut ausgehen wird – wenn auch anders als erwartet: Es ist nicht alles sofort gut, sondern es wird erst gut durch das Kreuz – der gute Weg endet nicht am Kreuz, sondern führt durch das Kreuz hindurch zum Leben. Jesus sieht „seine Stunde gekommen“ (Joh 13,1), die Stunde, in der sich alles entscheidet: Verrat und Nachfolge – die Stunde der Hoffnung, dass das Leben über den Tod siegen wird und die Wahrheit über den Verrat.
In dieser Stunde setzt Jesus Zeichen: Er wäscht seinen Jüngern die Füße, nicht den Kopf. Er verurteilt seinen Verräter Judas Iskariot nicht, sondern wäscht auch ihm die Füße – wer hätte sich das gedacht. Der Herr wäscht allen Jüngern die Füße, macht sich klein, um zu dienen – nicht nur den Bedürftigen, sondern auch den Sündern. Er, der Herr, verrichtet den Sklavendienst – eine Umkehr der sonst gängigen Unterdrückungsverhältnisse. Jesus setzt dieses Zeichen des Dienens. Die Jünger und auch wir Menschen heute sollen uns daran ein Beispiel nehmen und einander und den Menschen dienen – nicht über sie herrschen oder sie mit Gewalt zu etwas zwingen. Dem Frieden und dem guten Zusammenleben dienen – aus Liebe –, darauf kommt es an. Dieses hoffnungsvolle Zeichen setzt Jesus; er hofft, dass die Jünger es ihm nachmachen, ihm so nachfolgen und auf der Spur bleiben, auch wenn er nicht mehr da ist. Für diesen hoffnungsvollen Weg steht auch die Farbe GRÜN: Sie ist eine emotional positive Farbe, die uns befähigt, uns selbst und andere bedingungslos zu lieben.
Jesus setzt ein weiteres Hoffnungszeichen: Er nimmt die Speisen des jüdi-schen Pessach-Mahles und gibt ihnen eine neue Bedeutung – wieder geht es um Rettung. Der Name Jesus ist Programm: Gott rettet. Er gibt sich hinein in die Gaben von Brot und Wein. Die Jünger sollen so Jesus aufnehmen und aus ihm leben. In der Feier des letzten Abendmahles und in jeder Feier der Eucharistie ist Jesus Christus ganz da: Jesus Christus ist das Lebensbrot: Brot, das stärkt und Rettung verheißt. Brot, das nach einer guten Zu-kunft schmeckt – nach Frieden und Freiheit. Brot, das Leben ist und uns mit unserem Retter Jesus Christus und untereinander verbindet. Das macht Mut und schenkt Hoffnung gerade in diesen schweren Zeiten. AMEN.

PREDIGT 5. FASTENSONNTAG IM JAHRESKREIS (C)

Phil 3,8-14 + Joh 8,1-11

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!
„Es geht! Gerecht.“ – so das Motto der diesjährigen MISEREOR-Aktion… und dann dieses Evangelium, dass uns der fünfte Fastensonntag vorgibt: Falsch gehandelt. Auf frischer Tat ertappt. Wir wissen nichts von den Beweggründen der Frau, warum sie zum Ehebruch bereit war: War es Unzufriedenheit, die Lust auf ein Abenteuer? Steckte ein finanzieller Anreiz dahinter? Verkaufte sie körperliche Liebe? Wurde sie verführt, oder gezwungen? Die Farbe ORANGE ist eine Farbe, die keine Antwort auf diese Fragen gibt, aber sie gilt als Farbe, die – zumindest in Kolumbien – Sexualität symbolisiert. ORANGE gilt als Farbe gegen Eintönigkeit, als Farbe der Körperlichkeit und Ausgelassenheit, als Farbe der Lebensbejahung.
Möchte ich wirklich das Göttliche sehen wie Paulus?, der an die Gemeinde in Philippi schreibt: „Christus will ich erkennen [; er ist] das Ziel vor [meinen] Augen“ (Phil 3,10.14). Oder geht es auch bei mir um allzu Menschliches und Zwischenmenschliches, das ich sehen möchte, wie die Pharisäer und Schriftgelehrten, die im Evangelium wohl gierig auf der Lauer liegen?
Die Frau wird ertappt, in die Mitte gezerrt, in aller Öffentlichkeit bloßgestellt – vom Mann, der ebenfalls die Ehe gebrochen hat, kein Wort. Alles bleibt – in den Augen der Männer, der Pharisäer und Schriftgelehrten, – an der Frau hängen: der sündhafte Ehebruch, die Schuld, die Schande.
Aber es geht nicht um die Frau – für die Pharisäer geht es um Jesus: wie verhält er sich zu dieser Frau. Verurteilt er sie zum Tod durch Steinigung, wie es damals Recht und Gesetz war, oder plädiert er für das Leben der Ehebrecherin und stellt sich damit gegen die damalige Rechtsordnung? Es ist eine Falle, in die Jesus tappen soll. Er kann eigentlich nur verlieren: Zeigt er sich gesetzestreu und fordert ihren Tod, dann macht er sich und seine Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes unglaubwürdig – will er ihr Leben, dann bricht er Gesetze und macht sich so selbst strafbar. „Es geht! Gerecht.“ – gar nicht so einfach für Jesus.
„Es geht! Gerecht.“ Der heutige MISEREOR-Sonntag thematisiert den menschengemachten Klimawandel. Ein erhobener Zeigefinger: „Es geht! Gerecht.“ – eine Herausforderung, den sich verändernden Bedingungen zu trotzen, um im Einklang mit der Umwelt zu leben, ohne sie auszubeuten. Es geht dabei auch um soziale Gerechtigkeit, um allen Menschen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. „Es geht! Gerecht.“ Veränderung ist möglich. Schon ein kleiner Schritt in die richtige Richtung kann Zustände verbessern und zum Vorbild für andere werden: Plastik, Verpackungsmüll und Energie einsparen zum Beispiel – oder auch ihre Spenden, mit denen Sie Hilfsprojekte von MISEREOR unterstützen. „Es geht! Gerecht.“
„Es geht! Gerecht und barmherzig“ – dazu mahnt Jesus die Schriftgelehrten. Jesus leugnet weder damaliges Recht und Gesetz noch verschweigt oder verharmlost er die Sünde der Frau. Aber Jesus zeigt nicht mit dem Finger auf die Ehebrecherin – er schreibt mit dem Finger auf die Erde. Eine ausdrucksstarke Geste, die zeigt, dass Jesus nichts Irdisches fremd ist; sie zeigt auch, dass Jesus die Frau nicht abschreibt und nicht verurteilt, trotz ihrer Sünde. Vielleicht hat er sogar provokative und ermutigende Worte geschrieben: Erbarmen, Vergebung oder Barmherzigkeit. In den Evangelien spiegelt sich diese Wesenseigenschaft Gottes in den Worten und im Tun und Handeln Jesu Christi – dieses Göttliche an und in Jesus von Nazareth sollen die Menschen damals und wir heute erkennen.
Es geht Jesus um einen „Klimawandel“ hin zu mehr geschenkter Barmherzigkeit und gelebter Solidarität mit den Menschen in Notsituationen. Er will auch andere dazu bewegen das Menschenmögliche zu tun, um Menschenleben retten. Als die Schriftgelehrten hartnäckig weiterfragen, wird Jesus deutlicher: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie“ (Joh 8,7). Die Schriftgelehrten gehen in sich und gehen schließlich weg. Sie werfen ihre Steine – nicht auf die Frau und auch nicht auf Jesus – sie werfen die Steine auf die Erde. „Es geht! Gerecht und barmherzig.“ Keiner hat die Frau verurteilt. Sie denken nach. Sie ändern ihr Denken und lassen die Frau und auch Jesus am Leben. Jesus schreibt nochmals mit dem Finger auf die Erde. Eine ausdrucksstarke Geste, die zeigt, dass Jesus jeden Menschen in die Hand der Barmherzigkeit Gottes eingeschrieben hat – trotz seiner Sünde. Die Sünde bleibt. Sie bleibt zwar in dieser Begegnung mit Jesus Christus unbestraft, aber sie bleibt stehen – als Aufforderung: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr! (Joh 8,11) – oder mit den ermutigenden Worten von MISEREOR: „Es geht! Gerecht und barmherzig.“ Es geht! Mit Gottes Hilfe und mitmenschlicher Barmherzigkeit! Es geht! Wenn du es willst! AMEN.