PREDIGT 25. So. i. JK (B)

Jak 3,16-4,3 + Mk 9,30-37

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!
Wer wird’s? – In diesen Tagen dreht sich alles um die Frage: Wer setzt sich durch? Wer schafft es an die Spitze? Wer macht den ersten Platz? Wer ist der oder die Größte? Auftritte in ganz Deutschland – meist mehrere am Tag heute hier, morgen dort – Interview- und Fototermine, Fernseh-Trielle. Ein unheimlicher Leistungsdruck und Leidensdruck, der auf Politikerinnen, Politiker und Parteien lastet – aber auch in unserem alltäglichen Leben nehmen wir einiges in Kauf: in der Schule, in Ausbildung und Studium, im Beruf, im Sport und beim Freizeitverhalten: Oft zählt nur der oder die Erste, der Größte und die Beste.
Wer ist der Größte – die Jünger Jesu streiten und wetteifern unterwegs leidenschaftlich darüber. Voller Ehrgeiz setzen sie sich gegenseitig unter Druck und verfallen letztlich dem Größenwahn: Ich bin der Größte – nein, ich bin viel besser, weil… – du hast nicht – ich aber, ich habe Folgendes geleistet… Von Jesus auf ihr Weg-Gespräch angesprochen, schweigen sie betroffen. Seine Vorstellung vom „Erster-Sein“ sieht ganz anders aus: keine Ellbogengesellschaft, wo jeder zuerst nur an sich denkt, sondern dienende Mitmenschlichkeit und gelebte Partnerschaft: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein (Mk 9,35), sagt Jesus.
Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem, unterwegs zum Dienst der Fußwaschung und zur Selbsthingabe in der Eucharistie, unterwegs zur Auslieferung ans Kreuz und in den Tod. Das Zusammenwirken zwischen Gott und Mensch scheint gescheitert, heillos ausgeliefert und zum Tod verurteilt, weil Menschen die dienende und liebende Größe Jesu Christi nicht anerkennen. Gerade in dieser auf ihn zukommenden Ablehnung, kommt es für Jesus darauf an, Diener zu sein: sich nicht ängstlich oder duckmäuserisch, sondern dienend und aus Liebe klein zu machen für die Menschen, damit diese groß sein und besser leben können. Es geht dabei nicht um die eigene menschliche Größe, sondern um die Würde und das Ansehen des Mitmenschen, sei er rein äußerlich auch noch so klein.
Jesus stellt ein kleines Kind in die Mitte der nach Größe strebenden Jünger (Mk 9,36-37) – ein Kind, das wie alle Kinder zurzeit Jesu in der Gesellschaft nichts galt, keine Rechte hatte, und daher meist von den Erwachsenen übersehen wurde. Ein ungeheuer sprechendes Zeichen: bei Jesus steht das unscheinbare Kind nicht abseits, sondern im Zentrum. Mehr noch: Jesus macht sich klein vor dem Kind und behandelt es nicht von oben herab. Er sieht das Kind auf Augenhöhe an, gibt ihm so Würde und Ansehnen in der Welt der Erwachsenen. Mehr noch: Jesus nimmt das Kind in seine Arme und macht es so zum Partner, zum Partner auf Augenhöhe, zum äußerlich kleinen Partner, in dem die Größe und Liebe Gottes erfahrbar werden.
Wohin bin ich unterwegs? Was sind meine Lebensziele? Was steht bei mir im Zentrum? – Fragen, die das heutige Evangelium aufwirft.
Kreisen in einer Partnerschaft oder einer Familie, in einem Team, einer Klasse, einer Gemeinde oder Gemeinschaft die Gedanken nur ums eigene Ich? Will Ich selber nur „groß rauskommen“ und suche darum den eigenen Vorteil? – Dann wird das Zusammenleben und Zusammenarbeiten schnell ungerecht: Abhängigkeiten zeigen sich; Unterdrückung und Ausbeutung als Folgen von Ich-Zentriertheit sind vorprogrammiert – und dass unabhängig, ein Ehepartner sich und seine Interessen für das Entscheidende, ob Haupt- und Ehrenamtliche ihren Kreis oder ihre Gruppe für die Wichtigste halten, oder ob der Pfarrer sich für unersetzlich hält, oder ob wir andere klein reden, um selbst groß rauszukommen.
Echte Zusammenarbeit und gutes Zusammenleben sieht anders aus: Sie geschehen auf Augenhöhe; sie lassen den anderen gelten und sei er/sie noch so klein, weil auch in ihm/ihr die Größe Gottes steckt; echte Zusammenarbeit und gutes Zusammenleben schätzt den anderen als wertvoll ein und entdeckt in ihm/ihr das Wirken des Geistes Gottes; echte Zusammenarbeit und gutes Zusammenleben sieht, fördert und verteilt die Charismen, damit sie allen in der Gemeinde, in einer Organisation oder in einem Team dienlich sind. Wer sich klein machen kann und anderen dienlich ist, der zeigt wahre Größe in der Nachfolge Jesu Christi. AMEN.

PREDIGT 24. So. i. JK (B)

Jes 50,5-9a + Mk 8,27-35

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!
Kleine Bilder und Fotos geliebter Menschen und mir wichtigen Ereignissen hängen in meiner Wohnung und stehen auf meinem Schreibtisch: Ein Bild meiner Eltern und ein Foto von meinem Bruder und seiner Familie und von meiner Priesterweihe. Die ersten Kunstwerke von meinem Patenkind. Ein Gebetsbildchen von einem Kloster, wo ich zu Exerzitien war, einige Trauerbildchen, … Wenn andere Menschen diese Fotos sehen, können sie daran viel ablesen: sie können erahnen, was mir im Leben wichtig ist. Sprechende Bilder, die über mehrere Jahre – ja ein ganzes Leben lang – gesammelt werden, gewähren Einblick in mein Leben, bilden meinen Lebensweg in ausgewählten Stationen und wichtigen Situationen ab. Menschen können auf diesen Bildern einiges lesen: Freude und Schmerz, Krankheit und Trauer. Und sie können die Person erahnen, die hinter diesen Bildern steckt, auch wenn sie diese persönlich nicht (näher) kennen.
Die heutige Lesung aus dem Buch Jesaja gewährte einen Einblick ins Leben einer unbekannten Person durch ein „textliches Foto“, durch eine schriftlich fixierte Momentaufnahme. Es ist das Bild eines gequälten und leidenden Menschen, ein Bild das für sich selbst spricht: Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück. Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und meine Wagen denen, die mir den Bart ausrissen. Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel. […] Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel (Jes 50,5-7).
Es ist eine Momentaufnahme, eines von vier Portais im Lebenslauf eines Menschen. Diese vier Bilder halten das Leben einer unbekannten Person textlich fest: Der unermüdliche Gottesknecht der Recht und Gerechtigkeit bringen soll, gerade für die Benachteiligten und Unterdrückten: Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht. Er verglimmt nicht und wird nicht geknickt, bis er auf der Erde das Recht begründet hat (Jes 42,3-4).
Das zweite, zeitversetzte sprechende Bild ist ambivalent. Es zeigt die Re-signation und die Motivation des Gottesknechtes: Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft für Nichtiges und Windhauch vertan. Aber mein Recht liegt beim HERRN und mein Lohn bei meinem Gott. […] So wurde ich in den Augen des HERRN geehrt und mein Gott war meine Stärke (Jes 49,4-5).
Das dritte Bild ist das Bild der heutigen Lesung: es ist der in die Bedrängnis geratene Gottesknecht, angefeindet, angeschlagen, angespuckt.
Am Ende – ein Bild des Scheiterns und der Gottverlassenheit: ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt (Jes 53,3-4).
Dieses letzte Textbild eines leidenden Unbekannten wird uns immer am Karfreitag vor Augen gestellt. Es erhält damit eine Deutung: Jesus ist der leidende Gottesknecht, er der Gequälte und Gekreuzigte, der es ausruft: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Mk 15,34).
Vier Bilder, die ein Menschen-Leben abbilden. Vier Bilder eines Lebens, die viel aussagen und doch offenbleiben. Vier Bilder, in denen auch ich mich wiederfinden kann und heutige Mit-Menschen sehen kann:

  • Wenn Menschen nicht über andere richten, sondern sie aufrichten durch ein gutes Wort, durch Zuwendung und zupackende Hilfe.
  • Wenn Menschen scheitern, wenn sie keinen Erfolg in ihrem Tun sehen, wenn Beziehungen bröckeln und zerbrechen und wenn sie in den Brüchigkeiten und Bruchstücken des Lebens Halt finden im Glauben und durch andere Menschen, die für sie da sind und Halt geben.
  • Wenn Menschen krank sind, unter quälenden Schmerzen leiden; wenn sie am Leben und unter der Last der auferlegten Kreuze zusammenbrechen; wenn sie sich von Gott und Mitmenschen verlassen fühlen.

Bilder des Lebens – scheinbar hoffnungslos, heute wie damals. Angesichts des Leids bleibt die Frage nach dem liebenden und menschenfreundlichen Gott. Doch malt Jesaja in jedes sprechende Lebensbild vom leidenden Gottesknecht auch Hoffnung hinein: Gott, der Herr, wird mir helfen (Jes 50,7a.9a). Das fordert mein Denken und meinen Glauben: Finde ich Hoffnungsspuren in den leidvollen Bildern meines Lebens?

PREDIGT 23. So. i. JK (B)

Jes 35,4-7a + Mk 7,31-37

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!
Klick – Klick – Klick – ganz ohne Fotoapparat und ohne Handy fotografiere ich im Urlaub – Klick – Klick – Klick.
Und diese Bilder bleiben. Sie sind in mir gespeichert.
Es sind Bilder im Kopf und Bilder im Herzen – Bilder von einer Berg-wanderung mit traumhaften Ausblicken – Bilder von klaren, erfrischenden Berg- oder Badeseen – Bilder von einem Olivenhain, der nach dem Regen nach frisch gepresstes Olivenöl duftete – Bilder von Sonnenlicht, das ein Strahlen auf graue Altstadtmauern oder aufs Meer zaubert – Bilder von einem Regentag mit einem schönen, entspannenden Buch – Bilder um Kopf und Bilder im Herzen – Urlaubsbilder. Jede und jeder hat eigene Bilder um Kopf und Bilder im Herzen: schöne Bilder und wertvolle Begegnungen, wo alles gut war und ist. Es ist wichtig, solche Bilder zu haben – und es ist auch gut, wenn sie nach dem Urlaub und nach der Entspannung nicht sofort verblassen; es ist wie Leben in einer anderen Welt, die oft so verschieden ist, von unserem hektischen Alltag.
Es ist gut und tut gut, wenn wir diese Bilder im Kopf haben und sie im Herzen tragen und bewahren, wenn wir wieder in den Alltag zurückgehen – denn dort bleiben sie gespeichert als farbenfrohe und hoffnungsvolle Bilder einer „heilen Welt“ und rufen Erinnerungen und Gefühle wach – Erinnerungen und Gefühle, die mir und meinen Mitmenschen gut tun und die heilsam sind, wenn ich sie mit anderen teile und ihnen mitteile. Gesammelte und gespeicherte Bilder im Kopf, Herzensbilder, Farben, Gefühle, Erinnerungen, die mir und meinen Mitmenschen etwas eröffnen können: Hoffnung auf Leben und Lebendigkeit, auf Lebensfreude und Freude am Leben und Leben in Fülle.
Der Prophet Jesaja malt solche Hoffnungsbilder, für die Verzagten und Ängstlichen – farbenfrohe Bilder, die im Kopf bleiben und zu Herzen gehen sollen, für die, die nur noch schwarzsehen, die immer nur das Negative hören und sich davon anstecken lassen – fröhliche und ermutigende Bilder für alle, die vor Resignation und Selbstmitleid allmählich verstummt sind und denen das Gespür und das Reden über die schönen Seiten des Lebens auf den Lippen und im Herzen längst erstorben sind: Leben in Fülle mitten in der Wüste und den Wüstenzeiten des Lebens – neue Lebendigkeit und Lebensmut, um das Leben wieder mit allen Sinnen genießen zu können – trotz mancher Einschränkungen, trotz mancher Beeinträchtigung, trotz mancher Krankheit oder Behinderung. „Habt Mut, fürchtet Euch nicht!“ (Jes 35,4), ruft uns der Prophet Jesaja zu. Vertraut darauf und glaubt daran, dass diese Bilder Wirklichkeit werden können, weil Gott nahe ist – in Eurer erlebten und erlittenen Wirklichkeit und in den Hoffnungsbildern, die er Euch schenkt.
Dafür sollen wir offen sein und uns dafür öffnen. Der Ruf „Effata!“ (Mk 7,34), den Jesus im Evangelium einem Taubstummen zuspricht, gilt und: „Öffne dich!“ (Mk 7,34) – dort, wo du in deinem Leben blind und unachtsam geworden bist für die Schönheit der Natur, für Menschen, die dich brauchen und die Hoffnung, die dir blüht – dort wo ein gutes, wohltuendes Wort oder auch ein Hilfeschrei von dir überhört wird, oder berechtigte Kritik, die etwas auf eine gute Bahn lenken will, bei dir auf taube Ohren stößt. Öffne dich, dann macht es vielleicht auch „Klick“ in deinem Leben. AMEN.

PREDIGT 18. So. i. JK (B)

Ex 16,2-4.12-15 + Joh 6,24-35

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, liebe Jugendliche!
Vielen von uns ist das fremd – wir haben keine Erfahrung damit:
– auf endlosen Wegen unterwegs, geflohen – ungewisses Ziel; wo da bleiben und Heimat finden und ein Auskommen haben?
– gequält von Hunger und Durst mit knurrendem Magen und trockener Kehle inmitten der Wüste und den Wüsten des Lebens
– eine Sehnsucht nach Leben, die Beine macht, Jesus nachzulaufen, bei ihm nach Speise und Trank zu suchen, die Leib und Seele nähren
Uns geht es gut – wir sind satt und haben ein Dach über dem Kopf. Die heutigen Lesungstexte sind uns fremd und scheinen fern unserer Lebenswelt, oder doch nicht?
– Die vor den Kriegsverbrechen Geflohenen, die Heimatvertriebe-nen damals, die Spätaussiedler und die Fliehenden und Geflüchteten unserer Tage.
– Die vielen Hungernden weltweit – obwohl doch die Nahrungsmit-tel bei gerechter Verteilung für alle ausreichen würden.
– Meine Sehnsucht nach Leben und Lebendigkeit, nach Achtung und Wertschätzung meiner Person, nach Erfüllung und Lebensfülle.
Gar nicht fremd und weit weg, sondern mittendrin im Leben – in mei-nem Leben, in unserer Lebenswelt, in dieser, unser Zeit.
Und vielleicht ist das auch meine Erfahrung:
– dass ich mit meiner Lebenssituation hadere, dass ich murre und unzufrieden bin: Wäre ich doch… Hätte oder könnte ich…
– dass Gott mein Leben will – nicht das es zugrunde geht; nicht dass ich am Boden zerstört bin, sondern dass ich lebe
– dass Gott auf wundersame Weise für mich sorgt; dass ich nichts tun kann und muss und mir das notwendige geschenkt wird, das was mich an Körper und Seele nährt: Himmelsbrot – Brot, in dem Liebe steckt und heilsame und kraftvolle Beziehung
Vielleicht ist das auch meine Sehnsucht, mein Gebet: „Herr, gib uns immer dieses Brot“ (Joh 6,34):
– damit mich daran sattessen und mich laben kann
– damit es mich nährt an Leib und Seele
– und meinen Hunger und Durst nach Leben stillt
– Brot, das sich brechen und teilen lässt
– Brot, das Beziehung stiftet mit Gott und untereinander
– Brot, das hält, was es verspricht: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben“(Joh 6,35)
Jesus Christus ist dieses Lebensbrot – gegenwärtig in Brot und Wein – gebrochen und geteilt für dich und für mich – Stärkung für mich in den Brüchen und Wüsten meines Lebens – Auftrag, mein Leben und was ich zum Leben habe, zu teilen und so zu leben – heute, morgen, immer. AMEN.

 

Ein Lied zur Einstimmung und zum Mitsingen (Gotteslob Nr.: 843 – Bamberger Anhang) als LINK: https://www.youtube.com/watch?v=SRyud7ePKdModer https://www.youtube.com/watch?v=VJ9u0JLPaDk

Noch ein Lied-LINK zur Vertiefung und zum Mitsingen (Gotteslob Nr.: 484) : https://www.youtube.com/watch?v=av02cGAdI70

PREDIGT 15. So. i. JK (B)

Am 7,12-15 + Mk 6,7-13

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!
Ich packe meinen Koffer und nehme mit …: eine lange Hose, meinen Lieblingspulli, Sonnencreme und ein gutes Buch. Ich packe meinen Kof-fer und nehme mit …: eine lange Hose, meinen Lieblingspulli, Sonnencreme, ein gutes Buch und … – ich kenne dieses Spiel zum Gedächtnistraining aus Zeiten, in denen es noch kein Sudoku gab. Ich packe meinen Koffer und nehme mit – bei jeder Runde wird ein neuer Gegenstand gedanklich in einen Reisekoffer gelegt. Bei jeder Wiederholung gilt es, keinen Gegenstand für diese Fantasiereise zu vergessen.
Ich packe meinen Koffer und nehme mit – bald beginnen die Ferien. Viele haben aufgrund niedriger Inzidenzwerte Reisepläne geschmiedet. Überlegungen, was in den Urlaub mitgenommen werden soll, laufen: Checklisten werden erstellt, damit nichts vergessen wird; Besorgungen werden gemacht.
Ich packe meinen Koffer und nehme mit …: in diesem Jahr ist „mein Koffer“ wieder mein Rucksack: im August mache ich Urlaub in den Bergen, da brauche ich nicht viel mitzunehmen – außer mein Stundenbuch, die kleine Taschenbibel und ein zwei Bücher, wenn das Wetter doch nicht so schön ist wie erhofft. Mein Rucksack hat nur begrenzt Platz. Ich muss sorgfältig überlegen, was ich wirklich brauche: zwei Wanderhosen, zwei Hemden, zwei T-Shirts, eine Regenjacke und ein wärmendes Flies; einen Sonnenhut, zwei paar Wandersocken, Unterwäsche, eingelaufene Wanderschuhe, Wanderstöcke… – … und dann das heutige Evangelium von der Aussendung der Jünger. Es macht mich nachdenklich: „Jesus gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen“ (Mk 6,8-9).
In den parallelen Überlieferungen bei den Evangelisten Matthäus und Lukas ist die Gepäckliste sogar noch spartanischer: barfuß sollen sich die Jünger auf den Weg machen. Auch der Wanderstab als hilfreiche Stütze und zur Verteidigung gegen wilde Tiere soll daheim bleiben.
Ich frage mich: wie kann man so ausgerüstet von Ort zu Ort unterwegs sein, um das Wort Gottes zu verkünden, Kranke zu salben und zu heilen? Ist Jesus da nicht naiv und realitätsfremd? Braucht es nicht gerade deshalb eine gute und qualitativ hochwertige Ausrüstung, damit sich die Jünger unbesorgt ihren eigentlichen Aufgaben widmen können?
Aber gerade darum geht es Jesus: Die Jünger sind von ihm mit dem Nötigsten ausgerüstet; sie haben von Jesus das Wesentliche gelernt – und dieses Wesentliche ist eben nicht das Materielle. So ausgestattet sollen sie sich paarweise auf den Weg machen, um sich zu stützen und zu unterstützen – der Sorge Gottes und dem Wohlwollen der Menschen ausgesetzt. Die Offenheit und Empfänglichkeit der Menschen sind Voraussetzung, damit die Jünger ankommen und damit die Menschen von Gott heilend berührt werden können: Gastfreundschaft für Gott, offene Türen und Herzen für ihn.
Nur im Raum gelebter Gastfreundschaft und bedingungsloser Offenheit kann das durch die Jünger vermittelte Heilswirken Gottes geschehen – körperlich und seelisch. Diese heilsame Gastfreundschaft lässt sich nicht erzwingen: Dort wo die Jünger nicht willkommen sind, sollen sie weggehen und den Staub von ihren Füßen schütteln (vgl. Mk 6,11) – „macht doch euern Dreck doch alleine“, so könnte man diese Geste ins Heute übersetzen. Die Jünger sind Gast auf Zeit. Sie nisten sich nicht dauerhaft ein. Es sind Menschen, die im Aufbruch leben. So bleiben sie offen für neue Begegnungen, flexibel in ihrem Tun und dynamisch auf dem Weg.
Ich packe meinen Rucksack und nehme mit …: meine Wanderausrüstung, das Nötigste fürs Bergwandern und Lektüre für mein geistig-geistliches Unterwegssein. Ich packe meinen Rucksack und nehme mit …: dieses Evangelium für mein Leben. Von der Gepäckliste der Jünger kann ich lernen, dass weniger oft mehr ist. Weniger ist mehr: Wenn ich mich in meinem Leben nur mit den wirklich wichtigen Dingen belaste, dann behalte ich mir eine gewisse Unbeschwertheit im Leben, dann bleibe ich offen für neue Begegnungen und für Unerwartetes im Leben. Ich kann – wenn nötig – neue Wege einschlagen und Aufbrüche wagen, ohne allzu schweren Ballast. Ich kann lernen und einüben, dass Gastfreundschaft wichtig und heilsam ist – Gastfreundschaft, die offen ist für meine Mitmenschen und Gast-freundschaft, die offen ist für Gott, wie wir es vor dem Kommunionempfang aussprechen: Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund. AMEN.

10-JÄHRIGES PRIESTERJUBILÄUM IN ST. FRANZISKUS

Vor zehn Jahren, am 25.06.2011, wurde Pfarrer Dr. Dieter G. Jung im Dom zu Bamberg von Herrn Erzbischof Dr. Ludwig Schick zusammen mit drei anderen Priesteramtskandidaten zum Priester geweiht – Alexander Brehm ist bereits verstorben. Nach der feierlichen Sonntagsmesse in St. Franziskus, an der auch Mitglieder der Pfarreien Oberkotzau und Rehau teilnahmen, erinnerten die Pfarrangehörigen dankbar an dieses Ereignis. Die Pfarrgemeinderatsvorsitzende Heidi Hornig richtete einige Worte an die Gottesdienstgemeinde: „Wenn Ehepaare zehn Jahre verheiratet sind, spricht man von der Rosenhochzeit. Die Rosen mit ihrer Schönheit und ihrem Duft symbolisieren das eheliche Glück; die Dornen die schweren Tage und die Probleme des Zusammenlebens. Pfarrer Jung feiert heute sein 10-jähriges Priesterjubiläum; im September 2021 werden es vier Jahre, in denen er bei uns ist und wir haben in ihm einen Pfarrer, der in allen Lebenslagen fest an unserer Seite steht. Für sein segensreiches Wirken möchte ich ihm im Namen aller Pfarrangehörigen herzlich danken.“ Als Pfarrer Jung seinen Dienst aufnahm, waren es für ihn sicher keine rosigen Zeiten: Er musste ad hoc die drei Pfarreien Schwarzenbach, Oberkotzau und Rehau übernehmen, die Renovierung des Pfarrhauses war noch nicht abgeschlossen und seine Doktorarbeit war auch noch nicht fertig. Dieter Jung hat diese Herausforderungen mit viel Energie und Kraft gemeistert – und er ist nicht allein im Weinberg des Herrn. Heidi Hornig erinnerte an die vielen Ehrenamtlichen, die zusammen mit Pfarrer Jung pastoral tätig sind und auch an das Lied, das im Gottesdienst gesungen wurde: „Herr Du bist mein Leben, Herr du bist mein Weg. Du bist meine Wahrheit, die mich leben lässt. Du rufst mich beim Namen, sprichst zu mir Dein Wort. Und ich gehe Deinen Weg, du Herr gibst mir den Sinn. Mit Dir hab ich keine Angst, gibst Du mir die Hand. Und so bitt ich, bleib doch bei mir“. (GL 456) Frau Barbara Schaefer, stellvertretende Pfarrgemeinderatsvorsitzende, überreichte Jung zehn Sonnenblumen als Zeichen des Lichtes Jesu, das den Pfarrer in seinem priesterlichen Leben stets begleitet hat. Der Jubilar bedankte sich dafür, dass die Menschen in der Gemeinde ihr Leben und auch ihren Glauben miteinander teilen. Er schätze auch das gute Miteinander und bedankte sich bei den vielen ehrenamtlichen  Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen und freut sich auf eine weiterhin gute und gelingende Zusammenarbeit.

Foto: Walburga Arnold

PREDIGT 14. So. i. JK (B)

Ez 1,28b-2,5 + Mk 6,1b-6

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!
Den kenne ich – der ist genauso wie sein Vater und Großvater. Was soll ich da anderes erwarten: Stur bleibt stur. Ich kenne solche Einteilungen zu genüge: Menschen werden in Schubladen gesteckt, sie werden nach dem Verhalten ihrer Vorfahren eingeteilt; in unseren Dörfern mit den engen sozialen Gefügen ist das bis heute so… auch in einer kleinen Stadt ist das nicht viel anders. Das Schlimme an diesen Schubladen ist, dass der, der in eine solche eingekastelt wird, meist lebenslang darin gefangen ist. Veränderungen sind von vornherein ausgeschlossen, zumindest bei denen, die in Schubladen denken, da kann der in der Schublade sich noch so anstrengen: „Das kann nicht sein – der war schon immer so!“
Jesus geht es so im kleinen Kaff Nazareth, dem Heimatdorf seines Ziehvaters Josef: Dorthin kehrt er mit den Jüngern zurück. Zunächst gibt es ungläubiges Staunen und große Aufmerksamkeit für Jesus, als er in der Synagoge die Tora, die Heilige Schrift der Juden, erklärte. „Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Machttaten, die durch ihn geschehen?“ (Mk 6,2). Offene Fragen, aber kein Interesse an der Botschaft Jesu – denn die Antworten der Bewohner der kleinen Stadt und der umliegenden Dörfer sind alles andere als offen: Jesus wird in die Schublade seiner scheinbaren Herkunft gepresst: „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria?“ (Mk 6,3); wie kann der, bei dieser Herkunft, so reden. Jesus erfährt Ablehnung, weil er nicht in die ihm zugedachte Schublade passt, weil er aus dem Rahmen der Erwartungen der Leute herausfällt. Aber: Nicht etwa die Gottessohnschaft oder die Jungfrauengeburt sind für die Leute Stein des Anstoßes – davon erzählt des Evangelium nichts: das Markusevangelium beginnt mit dem „erwachsenen Jesus“. Bei der Taufe im Jordan wird nur Johannes dem Täufer offenbart, dass dieser Mensch Gottes Sohn ist (vgl. Mk 1,9-11). Trotzdem ist für die Leute spürbar, dass Jesus anders ist. Statt dieses Au-ßerordentliche ernst zu nehmen und an die Größe und Unbegreiflichkeit Gottes, der sich in Jesus Christus offenbart, zu glauben, lehnen sie Jesus ab – wie sie glauben aus guten Grund: weil Jesus nicht in ihre gedachte Lebensordnung passt und durch sein Anderssein Unordnung in ihrem Glaubenssystem stiftet. Ihnen fehlt der Glaube, dass Jesus im Auftrag seines himmlischen Vaters lebt, wirkt und heilt. Ohne den Glauben an die Wirkmächtigkeit Gottes in Jesus Christus kann er in seiner Heimat keine Wunder tun – nur wundern kann er sich über den Unglauben der Leute (vgl. Mk 6,5-6): „Der Prophet gilt nichts im eigenen Land“ (vgl. Mk 6,4).
Was macht unser Menschsein wirklich aus?
Daheim werde ich oft über meinen Vater definiert: „dem Saalers Bernhard sei Sohn, der wo Pfarrer is.“ Was wir können, ist uns vorgegeben –
in unserer Familie gehörte über Generationen neben der Landwirtschaft die Herstellung von Seilen dazu. Heutzutage ist das anders: Wissen und Fertigkeiten werden nicht mehr nur vom Vater auf den Sohn vererbt, sondern auch an Schulen, durch Ausbildung und eigene Aneignung erworben. Heute bestimmen die eigenen Bildungsabschlüsse und geleistete Praktika die Berufsmöglichkeiten und Kariere – es bleibt aber ein Schubladendenken: was einer nicht von seinem Vater daheim oder vom seinem Ziehvater, dem Lehrer bzw. der Lehrerin in der Schule, im Betrieb oder an der Universität gelernt hat, wie und woher soll er das können?
Bei Jesus Christus bin ich mir sicher: aus der radikal verändernden Kraft des Heiligen Geistes, mit dem ihn Gott bei der Taufe ausgestattet hat.
Als Priester habe ich mir einiges angeeignet und von meinen Eltern habe ich viel gelernt. Trotzdem frage ich mich manchmal: „Woher habe ich das alles?“ Ich vertraue darauf, dass Gottes Heiliger Geist auch in mir wirksam und am Werk ist – in jedem Getauften und Gefirmten! Gestern war das eindrucksvoll bei der Firmung von 35 Jugendlichen in Oberkotzau spürbar: Gesendet zum Leben als mündiger Christ/mündige Christin. Dieses Leben aus Gottes Geist ist kein exklusives Geschehen – berufen sind alle Getauften und Gefirmten! Wir sind berufen, unseren Glauben prophetisch zu leben. Ich bin berufen, mein einengendes Schubladendenken aufzugeben und dafür Gottes Wirkmächtigkeit in meinem Leben Raum zu geben. Lassen wir Gottes Geist in uns und durch uns wirken, denn Propheten sind wir alle – auch du und ich. AMEN.

PREDIGT 13. So. i. JK (B)

Weis 1,13-15; 2,23-24 + Mk 5,21-43

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!

Zwölf Jahre
Zwölf Jahre – lange her, dass ich so alt war. Ich denke nach, wie das damals war, als ich zwölf war… Zeit zum Nachdenken
Ich war damals in der sechsten Klasse – war auf dem Gymnasium und tat mich unendlich schwer, v.a. mit den Fremdsprachen. Zeit zum Spie-len am Bach blieb kaum noch, der Ernst des Lebens hatte begonnen. Mein Bruder war in diesem Jahr in die Schule gekommen ein zweiter Schreibtisch musste her, damit jeder in Ruhe arbeiten konnte.
Zwölf Jahre
Zwölf Jahre – eine lange Zeit. Ich denke nach, was in den letzten zwölf Jahren … und darüber hinaus … alles passiert ist … Zeit zum Nachdenken
Bis 2003 hatte ich drei Jahre als Brückenbauingenieur gearbeitet und mein erstes Geld verdient. Im Jahr 2003 habe ich mich durchgerungen, Theologie zu studieren – ich habe es nie bereut. In den letzten 12 Jahren war ich mehrere Monate in Afrika im Senegal und für zwei Jahre im Pas-toralpraktikum im Frankenwald – Zeiten, die mich und meinen Glauben geprägt haben. Ich bin fast auf den Tag genau seit zehn Jahren Priester; war zwei Jahre Kaplan in Ebermannstadt und vier Jahre persönlicher Re-ferent des Erzbischofs und habe rund um Scheßlitz in Seelsorge und mit-geholfen und Gottesdienste gefeiert – seit fast vier Jahren bin ich hier in Hochfranken. Es ist viel passiert in den letzten 12 Jahren meines Lebens.
Zwölf Jahre – ein Detail, das zwei Personen des heutigen Evangeliums verbindet, das todkranke Mädchen und die langzeitkranke Frau.
Zwölf Jahre ist sie alt, die Tochter des Jaïrus. Sie steht an der Schwelle des Erwachsenwerdens – voller Hoffnungen und voller Träume. Sie hat mit ihren zwölf Jahren nach den Vorstellungen der damaligen Gesell-schaft das heiratsfähige Alter erreicht. Das Leben liegt eigentlich noch vor ihr: ein Mann, Familie, eigenen Kinder, doch sie ringt mit dem Tod.
Zwölf Jahre lang Krankheit – eine lange Zeit, in der die Hoffnung auf Heilung Tag für Tag ein wenig mehr stirbt. Zwölf lange Jahre von Arzt zu Arzt gerannt. Das ganze Ersparte dafür ausgegeben – in der Hoffnung doch endlich wieder gesund zu werden. Keiner konnte ihr helfen. Alles vergebens, ohne Lebenskraft, völlig ausgeblutet, den Tod vor Augen.
Beide, Jung und Alt, erhoffen sich durch die Berührung Heilung. Das Le-bensschicksal des Mädchens berührt Jesus. Er geht mit dem bittenden Jaïrus zu dessen Haus. Sie müssen sich durch die Menschenmenge hin-durchkämpfen – Berührungen bleiben da nicht aus. Die kranke Frau nutzt die Verborgenheit in diesem Gedränge und greift nach dem Gewand Jesu wie nach einem rettenden Strohhalm, weil sie sich davon Heilung erhofft. Doch nicht ihr zupackendes Wesen rettet sie, sondern die persönliche Be-gegnung mit Jesus, der sich ihr zuwendet und ihren tiefen Glauben erkennt.
Mitten in dieses Heilwerden bricht die Nachricht vom Tod der Tochter des Jaïrus. Was mag Jaïrus wohl gedacht haben, als Jesus sich von der kranken Frau berühren und hat aufhalten lassen? Schließlich ging es doch um Leben und Tod seiner Tochter – die Zeit drängte, jetzt ist es zu spät.
Jesus ist angesichts der Todesnachricht völlig unbeeindruckt und fordert heraus: Er verlangt von Jaïrus angesichts seiner toten Tochter einen Glau-ben, der den Tod überwindet: „Fürchte dich nicht! Glaube nur!“ (Mk 5,36). Ob ich das könnte: Angesichts des Todes an das Leben glauben? „Talíta kum! – Mädchen steh auf! Steh auf zum Leben“ (vgl. Mk 5,41).
Gottesbegegnung macht heil – Gott begegnet mir. Er macht sich auf den Weg zur mir, wie zur Tochter des Jaïrus. Manchmal braucht Gott länger, weil sich eben nicht alles um mich dreht; weil es noch zig andere Men-schen gibt, die auf eine heilsame Begegnung warten. Aber das ist meine Hoffnung, mein Glaube: Er kommt mir entgegen und will, dass ich lebe.
Gottesbegegnung macht heil – nur in den seltensten Fällen geschieht da-bei ein Wunder. Ich kann Gott nicht zum Eingreifen zwingen. Aber ich kann ihm begegnen; ich kann ihm entgegengehen; ich kann ihm mein Leid klagen wie Jaïrus. Die Begegnung mit Jesus berührt. Die Begeg-nung verändert mich. Sie lässt mich durchhalten auch in Jahren des am eigenen Körper erlebten Leids oder des Leids, das ich in meiner Familie oder im Bekanntenkreis erfahre. Ich kann aus der Begegnung mit Jesus gestärkt hervorgehen, neue Lebenskraft erhalten: das ist das Wunder.
Gottesbegegnung macht heil – oft begegnet mir Gott im Mitmenschen, der mir unerkannt zur Seite steht. Es mir tut gut, dass mir einer zuhört, dass eine mit mir geht ins Haus meiner Sorge, dass mich einer unter-stützt – oft ist schon das ein Wunder in unserer Gesellschaft. AMEN.

PREDIGT 12. So. i. JK (B)

Ijob 38,1.8-11 + Mk 4,35-41

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!
Ein Blick zurück: Ausgangssperre – erlebte oder gefühlte Quarantäne – verordnete Kontaktbeschränkungen. Da konnte man nicht viel machen; viele nutzten die Zeit zum „Runterkommen“, um einen oder mehrere Gän-ge zurückzuschalten und zur Ruhe zu kommen. Eine derart „verordnete Ruhe“ zwingt dazu, das Alltagsgetriebe zurückzulassen, doch wirklich still ist es nicht. Wenn äußerer Lärm und Trubel sich gelegt haben und die Stil-le beginnt, bricht oft ein innerer Sturm los: Vergessenes, Verdrängtes und Verschüttetes kommt hoch, wühlt mich auf, tobt und tost in mir – unverar-beitete Begegnungen; Worte, die verletzt haben oder die positiv in Erinne-rung sind. Viele Menschen haben Angst vor diesem Gedankensturm, wenn die Vergangenheit in die Gegenwart einbricht und manchmal eine Unter-gangsstimmung heraufbeschwört. Mit allen Mitteln versuchen sie diesen Sturm in ihrem Innern Herr zu werden oder durch Aktionismus zu ver-drängen. Oft wird das Wüten des Sturmes durch dieses „Dagegen-Ankämpfen“ noch stärker oder bringt nach einer trügerischen Ruhe umso heftiger die Gedanken und das Leben durcheinander.
Die Jünger im heutigen Evangelium machen diese Erfahrung: in der Ruhe der Nacht, nachdem alle Leute gegangen und waren und endlich Ruhe war, bricht ein heftiger Sturm los und bringt ihr Leben durcheinander. Hohe Wel-len schlagen ins Boot. Panische Reaktionen: die Jünger haben Angst – wir können uns die dramatischen Bilder vorstellen, die angsterfüllten Schreie der Jünger; das panische Herausschöpfen des ins Boot geschwappten Was-sers; die Resignation, dass alle Mühe doch keinen Sinn hat – der in diesen Tagen viel zitierte „tote Punkt“ – dem Sturm ist nicht Herr zu werden.
Wie paradox ist da die Haltung und das Verhalten Jesu – er schläft tief und fest auf dem vom wütenden Sturm hin- und hergeworfenen Boot – er schläft tief und fest trotz der Wassermassen im Boot – er schläft tief und fest inmit-ten der lärmenden Panik der Jünger. Jesus schläft nicht aus Müdigkeit oder Erschöpfung; er bewahrt innere Ruhe, nicht indem er den aufkommenden Sturm verdrängt, sondern indem er ihn zulässt und sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen lässt. Jesus kann ruhig schlafen, denn er schläft in Gelas-senheit und Gewissheit, dass der Sturm nicht zum Untergang führen wird. Jesus ruht in sich; er ist der Ruhepunkt in all der Panik um ihn herum. In dieser inneren Ruhe liegt seine Kraft, den Sturm zu stillen.
Ob ich diese Haltung Jesu in meinem Leben hinbekäme?
Ich verfalle oft genug blindem Aktionismus und lasse mich leicht aus der Ruhe bringen. Angesichts der Wellen und Wogen, die ins Boot meines Lebens schwappen, es hin und her werfen und es zum Kentern bringen wollen, habe ich oft Angst. Mir fehlt diese Gelassenheit und auch die Gewissheit Jesu. Ich habe Angst, weil die Abgründe meines Lebens un-
endlich tief, das Meer um mich herum stürmend und meine Angst und mein Kleinglaube riesengroß sind. Oft merke ich nicht einmal, dass Jesus auch im Boot meines Lebens da ist und seelenruhig schläft: Er sitzt mit mir in meinem Boot – und er schläft. Ich kann ihn wecken und wie die Jünger anrufen, in einem Hilfeschrei oder in einem anklagenden Gebet: „Kümmert es dich nicht, dass ich zugrunde gehe?“ (vgl. Mk 4,38).
Ich kann meine Sorgen und Ängste Jesus überlassen, weil sie bei ihm in guten Händen sind. So schlagartig wie im Evangelium wird sich der Sturm in mir nicht legen – die Sorgen meines Lebens um Familienange-hörige und Freude, um Arbeitsplatz oder Krankheit werden bleiben, aber ich kann im Vertrauen auf Jesus gelassener werden. Diese Gelassenheit und innere Ruhe kann ich lernen: „Warum hat ihr solche Angst?“ (Mk 4,40), fragt Jesus die Jünger und auch mich: „Warum hast du solche Angst? Ich bin doch bei dir in den Stürmen des Lebens.“ Dieses Gespür für die Anwesenheit Jesu im Boot meines Lebens und das Vertrauen auf ihn, der den Sturm stillen kann, darauf kommt es an; daran soll ich glau-ben und daran mein Leben ausrichten – nicht nur wenn es stürmisch ist, sondern immer. Täglich kann ich diese Gelassenheit und dieses Gottver-trauen einüben, z.B. mit einem Gebet der heiligen Teresa von Avila:

Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken, alles vergeht.
Gott allein bleibt derselbe. Geduld erreicht alles.
Wer Gott besitzt, dem kann nichts fehlen. Gott allein genügt.

PREDIGT 11. So. i. JK (B)

Ez 17,22-24 + Mk 4,26-34

Samenkorn (hochhalten, anschauen…)

… wenn ich dieses, mein Samenkorn so anschaue freue ich mich. Ich sehe es vor meinem inneren Auge schon keimen; ich sehe wie der Halm dem Licht entgegenwächst; ich sehe die Ähre voll mit Körnern und ich denke an das leckere Brot, das aus dem Mehl der Körner gebacken wird.
… jetzt muss ich nur noch einen geeigneten Ort zur Aussaat finden – sucht – der Boden hier in der Kirche ist viel zu hart. Auf diesem steinharten Boden kann mein Samenkorn nicht keimen und Wurzeln schlagen, da kann es nicht wachsen und reifen; aus der Traum vom leckeren Brot.

Standortwechsel – Schale mit trockener Erde (hochhalten, anschauen…)

Ich besitze ein großes Stück Land: alles fruchtbarer Ackerboden und gute Gartenerde. Was darauf alles wachsen könnte … Gurken, Tomaten und Paprika; Zwiebeln und Kartoffeln; Weizen, Gerste und Mais…
… jetzt brauche ich nur noch Samenkörner, dann wird mein Feld bald grünen, blühen und reifen; dann kann ich bald Feldfrüchte und leckere Gemüsesorten ernten – sucht, fragt – haben sie Samenkörner dabei? Nein?

Standortwechsel – Krug mit Wasser (hochhalten, anschauen…)

Wasser – Wasser ist Leben, Leben für Menschen, Tiere und Pflanzen. Was mit diesem Wasser alles leben und wachsen könnte… jetzt muss ich nur noch etwas finden, das ich begießen und pflegen kann – sucht – in den steinharten Kirchenboden sickert mein Wasser nicht ein; vom Leben abgeschnittene Blumen; sie wachsen durch mein Wasser nicht weiter.


muss er abwarten, bis die Zeit und das Korn reif sind. Es braucht Geduld, Gelassenheit und Gottvertrauen, dass aus dem klitzekleinen Samenkorn, eine große, fruchtbare Pflanze wachsen kann.
Ähnlich ist es sich mit dem Reich Gottes in unseren Pfarrgemeinden und im Seelsorgebereich Hofer Land. Wir brauchen Geduld und Achtsamkeit, damit aus den ausgestreuten Samenkörnern Neues wachsen kann; damit aus den zarten Pflänzchen Bäume werden. Wir erleben oft nur Gezerre: Wir, die Stadt, brauchen mehr – wir sind das Zentrum! Ja, wenn die das haben, dann wir auch! Abgeben, wo kämen wir denn da hin? Wir nicht! Sollen doch die anderen! Dass bei diesem Hin- und Her-Gezerre viel kaputt gehen, ja ganze Pflanzen abreisen können, sehen viele erst, wenn es zu spät ist. Das heutige Evangelium mahnt uns daher zu Achtsamkeit und Sorge, damit optimale Wachstumsbedingungen möglich sind und bleiben – das ist Seelsorge. Eine Sorge, die nicht nur uns Hauptamtlichen anvertraut ist, sondern eine Sorge, die uns alle angeht, damit aus den Samenkörnern in unseren Pfarreien wirklich etwas nachwächst: Glaubensnachwuchs. Das bedingt die Aussaat und die Feldarbeit auf der Fläche des gesamten Seelsorgebereichs, nicht nur auf dem eigenen Pfarracker. Da darf kein Neid aufkommen, wenn andernorts etwas besser wächst, sondern Freude, dass es wächst – daran müssen wir arbeiten und deshalb müssen wir zusammenarbeiten: Same, Erde, Wasser müssen wir zusammenbringen, auch von verschiedenen Orten unseres Seelsorgebereichs. Nur wenn wir als Sämänner und Gärtnerinnen dafür sorgen, kann durch uns Neues aufgehen; nur so können wir als Seelsorgebereich weiter zusammenwachsen und zusammen wachsen; und nur so besteht die Möglichkeit auf eine Ernte. Wenn wir so handeln, dann sind wir nicht „an einem toten Punkt“ – auch wenn weniger wächst als in anderen Jahrzehnten, auch wenn manches vielleicht auch gar nicht aufgeht oder verdorrt. Mit Gottvertrauen wird das Reich Gottes bei uns wachsen – es fängt ganz klein an. Das Wachstum liegt nicht in unserer Hand, wohl aber die Samenkörner, die zu bearbeitende Erde und das Gießwasser.

Samen in die Erde stecken und mit Wasser begießen

AMEN.