PREDIGT 2. Sonntag in der Osterzeit (B)

Apg 4,32-35 + Joh 20,19-31

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!
Lockdown – wir können es nicht mehr hören und viele können auch nicht mehr: Viele sind mütend – des lockdowns und der ständig neuen Maßnahmen gegen das Virus müde, weil sie nicht greifen und soziale Kontakte auch für die eigene Psyche wichtig sind, und wütend auf die Politik, die scheinbar nichts auf die Reihe bekommt. Viele sagen derzeit: Es ist zu viel, es reicht – die Inzidenzwerte in Stadt und Landkreis Hof steigen rasant; für die Stadt gilt eine verschärfte Ausgangssperre und ein Gottesdienstverbot: Daheimbleiben – nicht rausgehen – Kontakte meiden. Man-che halten sich nicht daran und treffen sich hinter verschlossenen Türen – sieht ja keiner, was da abgeht. Die Zahlen sprechen da eine klare Sprache.
Ähnlich – wenn auch aus anderen Gründen – die Jünger im Evangelium: Sie treffen sich hinter verschlossenen Türen – heimlich. Ein verbotenes Treffen? Johannes nennt in seinem Evangelium als Grund dafür die „Furcht vor den Juden“ (Joh 20,19) – eine Deutung des Evangelisten, die wohl nicht der Realität entsprochen haben dürfte. Warum also die Verschlossenheit? Die Jüngerinnen und Jünger wollen reden – miteinander und ungestört. Sie brauchen einander für die Verarbeitung des Erlebten. Sie wollen alles draußen lassen, was sie in ihrer Traurigkeit und Trauer stören könnte. Verschlossen und eingeigelt in Hoffnungslosigkeit, weil ihre Hoffnung, Jesus Christus, nicht mehr ist, weil er tot und begraben ist. Die Jünger können nicht mehr; sie können nicht mehr so leben wie zuvor. Wie der Leichnam Jesu im Grab eingeschlossen wurde, haben auch sie sich und ihr Leben eingeschlossen – manche haben vielleicht auch schon mit ihrem Leben abgeschlossen und sehen keinen Sinn mehr im Leben.
In diese Verschlossenheit und Todesstarre kommt Bewegung und Leben: Jesus kommt aus dem verschlossenen Grab heraus und steht auf zu neuem Leben – und Jesus kommt in die Verschlossenheit und Traurigkeit der Jüngerinnen und Jünger hinein; mehrmals tritt er in ihre Mitte und durchbricht ihre Isolation und ihre selbst auferlegte Quarantäne. Jesus wünscht ihnen „Frieden“ – das meint im Sinn des hebräischen „Shalom“ auch „Wohlergehen“ und „Rettung“. Der Auferstandene will, dass die Jüngerinnen und Jünger „durch den Glauben [an seine Auferstehung] Leben hab[en] in seinem Namen“ (Joh 20,31). Der Heilige Geist, den er ihnen zuhaucht, soll sie ins Leben führen und alles Sündhafte, was am Leben hindert, überwinden: Neuer Lebensmut statt Lebensmüdigkeit!
Freude bei denen, die das erleben, und Zweifel bei Thomas und bei uns, die nicht dabei waren: Können wir das glauben? Wie können wir begreifen? Die Möglichkeit den Auferstandenen leibhaftig zu berühren fällt ja aus – und ob Thomas es getan hat, darüber schweigt das Evangelium. Fest steht: Thomas hat in der Begegnung mit Jesus seine Fragen und
Zweifel überwunden. Er hat mit Herz und Verstand begriffen, geglaubt und bekannt: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20,28). Auch hierfür ging die Initiative von Jesus aus: Der Auferstandene ist auf ihn zugegangen, hat alle Barrieren und Hindernisse überwunden, ist in sein Leben gekommen und hat sich den Zweifeln und Fragen des Thomas gestellt.
Jesus kommt auch in mein Leben, in meine Verschlossenheit, in meine Ängste und Zweifel. Er ist da und für mich da – wir alle und unser aller Leben sind ihm wichtig. Der Auferstandene hält diese Beziehung zu mir am Leben. Er schenkt mir Ansehen und will, dass ich lebe und dass es mir gutgeht – sein österliches „Shalom“ gilt auch mir. Ich kann dieses neue Leben spüren, wenn ich mich nicht verschließe für die Zeichen der Hoffnung und des Lebens, die er mir als der auferstandene Gekreuzigte zeigt. Wie Thomas zeigt er (im heutigen Evangelium und in figürlichen Darstellungen in unseren Kirchen) mir seine Wundmale und die Verwundungen durch die Kreuzigung. Jesus will in mir Verwunderung bewirken und meinen Glauben an das Wunder der Auferstehung stärken. Er weckt in mir neuen Glaubens- und Lebensmut und schenkt mir seinen Heiligen Geist. Der Auferstandene gibt mir so Anteil an seinem österlichen Leben, an seiner Auferstehung, gerade in dieser beschwerlichen und zermürbenden Zeit. Dem kann und will ich mich als Christ, als Jünger Jesu, nicht verschließen, sondern leben in seinem Namen und aus seiner Kraft.
AMEN.

Liedlinks zum Mitsingen:
– Jesus lebt, mit ihm auch ich (GL 336 / 1): https://www.youtube.com/watch?v=iz92gw0ANps
– Freu dich, erlöste Christenheit (GL 337): https://www.youtube.com/watch?v=Nk6OXQir-xs

Impuls für die neue Woche

PREDIGT Osternacht

Gen 1,1-2,2a + Gen 22,1-18 + Ex 14,15-15,1
Röm 6,3-11 + Mk 16,1-7

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, liebe Jugendliche!
Am Karfreitag und Karsamstag war ein ungewöhnlicher Gegenstand im Heiligen Grab von Schwarzenbach und Oberkotzau zu sehen: ein schwar-zes grobmaschiges Netz: Christ lag in Todesbanden – oder wie der Beter des Psalms sagt: „Mich umfingen die Fesseln des Todes“ (Ps 116,3).
Heute an Ostern hält das Netz Christus nicht mehr gefangen – der schwarze Tod kann ihn nicht im Grab nicht festhalten.
Auch auf der Osterkerze ist ein Netz zu sehen – ein schwarzes Netz mit einem Loch, durch das ein bunter Schmetterling in die Freiheit fliegt; „das Netz ist zerrissen und wir sind frei“ (Ps 124,7), so sagt es der Psalmist.
Ein Schmetterling auf einer Osterkerze – ist das nicht zu platt und zu naiv? Wir sehnen uns alle nach dem Sommer, nach Urlaub und nach der Freiheit, die so ein Schmetterling hat – er fliegt mit Leichtigkeit wohin er will; Ab-stände und Beschränkungen stören ihn nicht; er überwindet alle Barrieren. Der Schmetterling ist somit ein Symbol der Hoffnung auf Freiheit.
Aber das war nicht immer so: „Das ist das Ende“, dachte die Raupe, als sie sich verpuppte und zum Sterben bereit war. „Das ist erst der Anfang“, sagt der Schmetterling, der aus dem Kokon wie aus einem Grab entschlüpft. Der Schmetterling ist daher ein altes und vergessenes Auferstehungssymbol.
Auch die Schrifttexte erzählen von diesem Durchbruch zum Leben:
Neues Leben nach dem chaotischen Verhältnissen, dem Tohuwabohu – dafür steht die Schöpfungserzählung. Gott schafft Raum zum Leben – Lebensraum; er erschafft Leben und Lebendigkeit und nicht den Tod.
Gott will kein Menschenopfer. Er will das Leben des Isaak – nicht gefes-selt, sondern frei; und er will, dass jeder Mensch leben kann und darf.
Gott rettet sein Volk auf wunderbare Weise – durch das Wasser zieht es in die Freiheit. Das Wasser steht auch für die Taufe und damit für unser Christsein: Wir sind zur Freiheit berufen, Volk Gottes und Kinder Got-tes, hineingetauft in das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi.
Heute an Ostern ist die Kirche festlich mit Blumen geschmückt: ein Garten, ein Lebensraum, ein Paradies. Dort ist das Leben; dort ersteht auch Christus zum Leben und schenkt uns die Hoffnung auf dieses blühende Leben.
Dieses neue Leben klingt ganz zart auf dem MISEREOR-Hungertuch an: Ein Schmetterling ist zwar nicht zu sehen, aber der Weg für den gebrochenen Fuß ist gesäumt goldenen Blumen – Zeichen des Lebens und Farbe des Göttlichen, des neuen Lebens, das Gott schenkt: Du, Gott, stellt meine Füße auf weiten Raum (Ps 31,9) – der Titel des Fastentuches ist Programm für un-ser Leben als österlicher Mensch. Wir sind zwar umgeben von Krankheit und Tod, leben aber in der Hoffnung auf Leben durch Jesus Christus. Er lebt! Er ist auferstanden! Halleluja! Er befreit auch uns zum Leben und löst unsere Fesseln. Wir dürfen durch, mit und in Jesus Christus leben. AMEN.

PREDIGT Karfreitag

Jes 52,13-53,12 + Hebr 4,14-16; 5,7-9 + Joh 18,1-19,42

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Kinder und Jugendliche!
Was ist Wahrheit? Ich war nicht ganz ehrlich zu Ihnen. Ich habe bisher nicht alles gesagt, was ich hätte sagen können. Hier nun die ganze Wahrheit zum Motiv des MISEREOR-Hungertuches, das einen mehrfach gebrochenen Fuß zeigt: „Der Fuß gehört zu einem Menschen, der bei einer Demonstration in Santiago de Chile durch die Polizei schwer verwundet worden ist. Seit Oktober 2019 protestieren dort auf dem ‚Platz der Würde‘ viel Menschen gegen ungerechte Verhältnisse. Tausende Demonstranten wurden durch die Staatsgewalt brutal geschlagen und verhaftet. Dieser Fuß mit den sichtbaren Verletzungen steht stellvertretend für alle Orte, an denen Menschen gebrochen und zertreten [und damit ihrer Würde beraubt] werden.“ (Info zum MISEREOR-Hungertuch). Diese erschütternde Realität verbirgt sich hinter dem mehrfach gebrochenen Fuß auf dem Hungertuch – die Wahrheit ist enthüllt; sie kann und darf nicht verschwiegen werden.
Was ist Wahrheit? Die Wahrheit muss ans Licht, auch in der Kirche – gerade heute! Es gibt diese erschütternde Realität des Wegsehens und der Vertuschung, um Gewalt und Missbrauch zu verbergen, und Mauern der Angst, die Opfer oft jahrelang sprachlos machen. Die Wahrheit muss ans Licht, Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen und transparente Strukturen geschaffen werden, die eben derartige Vorfälle verhindern. Und es braucht jegliche Unterstützung für die von Gewalt und Missbrauch verletzten, gebrochenen und zerbrochenen Menschen.
Was ist Wahrheit? – um diese Frage dreht sich die Passion, die Leidensgeschichte Jesu im Evangelium nach Johannes: Was ist Wahrheit? In drei Verhören durch die politischen und religiösen Autoritäten der Stadt Jerusalem und der Provinz Judäa soll die wahre Identität Jesu und seiner Lehre geklärt werden. Sag die Wahrheit: „Bist du der König der Juden?“ (Joh 18,33), fragt ihn Pilatus. Jesus hat nichts zu verbergen, wenn er wahrheitsgemäß sagt: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. […] Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“ (Joh 18,36-37). Jesus bleibt auch vor Gericht bei der Wahrheit, auch wenn sie jetzt für ihn den sicheren Tod bedeutet. Er sagt: „Ich habe offen vor aller Welt gesprochen. Ich habe immer in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle Juden zusammenkommen. Nichts habe ich im Geheimen gesprochen“ (Joh 18,20). Das ist Wahrheit, dass sie wirklich hält, was sie verspricht; dass sie wahr ist und Bestand hat; dass sie sich nicht verstecken braucht oder etwas fürchten muss. Jesus lebt diese Wahrheit und kann so das schmerzhafte Leiden und die Verlassenheit am Kreuz aushalten, ohne sich zu verstellen.
Was ist Wahrheit? Diese Frage stellt sich auch für Petrus. Dreimal wird er nach seiner Identität gefragt: „Bist du nicht auch einer von den Jüngern
dieses Menschen?“ (Joh 18,17). Dreimal verstellt sich Petrus, weicht den bohrenden Fragen aus und drückt sich um die Wahrheit herum. Dreimal leugnet Petrus, Jünger in der Nachfolge Jesu zu sein, um seine eigene Haut zu retten. Seine Tränen beim Hahnenschrei enthüllen die Wahrheit.
Was ist Wahrheit? Diese Frage erhält am Karfreitag eine Antwort nicht nur im Hinsehen auf das MISEREOR-Hungertuch mit dem mehrfach gebrochenen Fuß, sondern vor allem im Hinschauen auf das Kreuz, auf das Jesus mit Brutalität festgenagelt wird: durchbohrte Hände und Füße, ein von der Lanze durchstoßenes Herz. Die Wunden seiner Geißelung, seiner Dornenkrönung und seiner Kreuzigung klagen an und klagen Gerechtigkeit ein, fordern ein Ende von Machtmissbrauch und Gewalt. Die Wahrheit soll und muss ans Licht kommen.
Was ist Wahrheit? Die Frage des Karfreitages bringt es ans Licht, wenn man sie konkretisiert: Wer ist Wahrheit? Bei der Kreuzverehrung wird ein Kreuz wird in die Kirche getragen – verhüllt mit einem Tuch. Keine Verschleierung, kein Verstecken, sondern Enthüllung der absoluten Wahrheit: In drei Stufen wird das Kreuz enthüllt. Immer mehr wird vom Gekreuzigten sichtbar, der von sich gesagt hat: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Jesus ist die menschgewordene Wahrheit und reale Wirklichkeit Gottes (vgl. Joh 1,14.17). Dreimal wird das Kreuz höher gehoben. Immer deutlicher wird sichtbar, wer Jesus, der Christus, in Wahrheit ist: Er, der Gekreuzigte, ist wahrer Gott und wahrer Mensch.
Bei der Kreuzverehrung bekennen wir diese gekreuzigte, gottmenschliche Wahrheit. Wir beugen unsere Knie vor IHM, der für uns sündige Menschen zur reinigenden Wahrheit und Heil bringenden Wirklichkeit Gottes geworden ist. Er macht sich für uns verletzlich, nimmt unsere Schuld auf sich. Zu IHM, Jesus Christus, können wir kommen – trotz un-serer Schuld – er kennt uns durch und durch. Vor IHM müssen wir nichts vertuschen oder verbergen. Wir dürfen unser wahres Gesicht zeigen und so echte Begegnung mit IHM und untereinander erfahren – von Angesicht zu Angesicht. Und wir sollen diese Begegnung auch leben – nicht nur unter dem Kreuz, sondern im Alltag: Jesus verbindet seine Mutter Maria und den Jünger Johannes neu: einander sollen sie Sohn und Mutter sein, füreinander sorgen, einander trösten, stützen und unterstützen. Hingabe, Fürsorge und Passion – darauf kommt es in Wahrheit an gerade in diesen schweren Zeiten: Passion – abgeleitet vom Verb patein – bedeutet ja nicht nur leiden, sondern auch leben und lieben. Wenn wir wie Jesus das Leben miteinander teilen und einander in Liebe begegnen und füreinander sorgen, dann zeigen wir „Gesicht“, dann strahlt Jesus Christus durch unser Reden und Tun hindurch. Ein Wagnis, da dieser Weg Jesu der Wahrheit und Wahrhaftigkeit (auch für uns) Verwundungen und Verletzung nicht ausschließt. Das müssen wir einkalkulieren und aushalten. Die Wahrheit aushalten und damit leben – auch im Tod. Die Wahrheit aushalten – und damit leben auch im Tod. AMEN.

STATIO PALMSONNTAG (B)

Mk 11,1-10 + Mk 14,1-15,47

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!
„Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum“ – mit diesem Psalmvers ist das MISEREOR-Hungertuch überschrieben. „Du, stellst meine Füße auf weiten Raum“ und gibst mir die Freiheit in meinem Handeln – Handlungsraum.

© MISEREOR – © Härtl/MISEREOR

In den Evangelien des Palmsonntags ist viel Handlung und Bewegung drin – Füße haben ein tragende Rolle: sie bringen Menschen an Orte, sie folgen nach und gehen mit, sie stehen in Opposition und gehen gegeneinander vor. Der Blick auf „die Füße“ fragt mich an: Wo stehe ich? Wohin gehe ich mit? Was geht mir zu weit? Wofür stehe ich? Wo ist mein Platz im Evangelium?
Die Jünger gehen voraus, um alles für den Einzug Jesu in Jerusalem und später auch für das Abendmahl vorzubereiten.
Jesus zieht nicht zu Fuß in Jerusalem ein – er kommt nicht „hoch zu Ross“, sondern reitet auf einem Esel, dem Reittier der armen Leute; ein klares Statement, auf wessen Seite Jesus steht und für wen er gekommen ist.
Viele Menschen strömen in Scharen zu Jesus, gehen jubeln vor ihm her und begleiten ihn bei seinem Einzug in die Stadt; sie breiten Kleider aus und streuen Zweige auf den Weg – sie wollen nicht, dass sich Jesus (und der Esel) die Füße schmutzig macht und bereiten ihm einen königlichen Weg.
Auch die Passion ist geprägt von Wegen und Standpunkten von Menschen:
Die Frau, die Jesus salbt, kommt Jesus ganz nah – ein sehr kostbarer und intimer Moment voller Zärtlichkeit, Hingabe und Liebe.
Nach dem Mahl gehen die Jünger mit Jesus zum Ölberg – während Jesus betet, können sich die Jünger nicht auf den Beinen halten und schlafen ein.
Judas geht seinen Weg: Er verlässt Jesus und verrät die Freundschaft zu ihm mit einem Kuss; er liefert Jesus aus und führt bewaffnete Soldaten zu ihm.
Die Jünger fliehen, um ihre Haut zu retten. Petrus folgt dem gefangenen Jesus zwar in den hohepriesterlichen Palast, leugnet aber, Jesus zu kennen.
Der hohe Rat und Pilatus sitzen und wollen ihre Machtposition nicht verlieren; sie sitzen Gericht über Jesus, der gefesselt vor- und abgeführt wird.
Die Soldaten gehen auf ihre Weise mit Jesus um: Erniedrigung, Spott und Hohn – Purpurmantel, Dornenkrone, Geißelung, Bespucken.
Jesus schleppt sich auf dem staubigen und qualvollen Weg zur Kreuzigung – so ganz anders als beim Einzug in Jerusalem; viele Menschen gaffen Jesus an; manche leiden mit ihm; Simon trägt gezwungenermaßen das Kreuz mit.
Bei der Kreuzigung stehen Menschen beim Kreuz; sie sehen den grausamen Tod Jesu mit an: Die Frauen, die Jesus gefolgt waren und ihm gedient hatten, und auch der Hauptmann, der Jesus als Gottes Sohn bekennt.
Josef von Arimathäa geht mutig zu Pilatus und bittet um den Leichnam Jesu. Er macht seinen Einfluss geltend und lässt Jesus nicht am Kreuz hängen, sondern bestattet ihn – ein Akt der Menschlichkeit und Liebe.
„Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum“: Wo stehe ich in der Karwoche? Welche Wege gehe ich mit? Kreuzwege? Lebenswege?

Auch wenn in diesem Jahr keine Palmprozession möglich war, waren viele Gottesdienste mit dem Palmsonntagslied verknüpft:

Singt dem König Freudenpsalmen (GL 280 – zum Mitsingen): https://www.youtube.com/watch?v=eTqnEdU1A44

Ein Lied, dass von Freude, Jubel und Hoffnung geprägt ist;
aber die Stimmung „kippt“ bald – nicht nur in dieser Woche, sondern auch in der Liturgie des Palmsonntags, die auch von der Passion geprägt ist:

O Haupt voll Blut und Wunden (GL 289 – zum Mitsingen): https://www.youtube.com/watch?v=1J5Dswdjxqg

Anbei noch mein Impuls nicht nur für Palmsonntag, sondern für die Heilige Woche:Die Heilige Woche hält dieses Wechselbad der Gefühle für uns bereit:
Himmelhoch jauchzend und jubelnd am Palmsonntag – Hoffnung, dass die Unterdrückung ein Ende hat;
einfach und festlich das Abendmahl – ein Abschiedsmahl, mit dem Jesus Verbundenheit schafft auch über seinen nahen Tod hinaus;
betend und flehend, verraten und gefangen – die durchwachte Jesu Nacht am Ölberg;
gefoltert und zum Tod verurteilt – Gewalt aber auch Anteilnahme begegnen auf dem Kreuzweg Jesu, bei seiner Kreuzigung und seinem Tod am Kreuz; Tod … und dann… kommt noch was?

Wir erleben derzeit auch ein solches Wechselbad der Gefühle – täglich, manchmal stündlich sich ändernde Regularien. Das verunsichert und lähmt:

Kommt noch was? Was kommt denn noch?

Ostern kommt – bestimmt – und wir werden es auch feiern. Wir wissen nur noch nicht genau wie…

… vielleicht ist genau das Ostern, dass wir uns wie damals die Jüngerinnen und Jünger überraschen lassen müssen und eigene, vielleicht auch ganz neue Wege suchen und finden müssen – Osterwege.

PREDIGT 5. Fastensonntag (B)

Jer 31,31-34 + Joh 12,20-33

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, liebe Jugendliche!
„Es geht! Anders“ – so lautet die Motto der MISEREOR-Fastenaktion in diesem Jahr. „Es geht! Anders“ – verbindet uns wieder mit dem Röntgenbild eines Fußes auf dem aktuellen MISEREOR-Hungertuch. Ein Fuß ist zu sehen – geröntgt, um die Brüche zu erkennen. „Es geht! Anders“: Der Ti-tel zum Hungertuch „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ spricht von der Hoffnung auf Heilung dieser Brüche, von einem Zusammenwachsen der gebrochenen Knochen, damit das Gehen wieder möglich ist.

© MISEREOR – © Härtl/MISEREOR

„Es geht! Anders“ – das MISEREOR-Hungertuch besteht aus weißen Tuchbahnen, aus verbundenen und zusammengenähten Betttüchern eines Krankenhauses und aus einem bayerischen Kloster – beides sind Orte der Heilung, die den gebrochenen Fuß umfangen: im Krankenhaus ist das offensichtlich – Brüche werden operiert, eingegipst oder geschient, damit Knochen wieder zusammenwachsen und wieder belastbar sind; im Kloster geht es – gerade bei Einkehrtagen, Exerzitien, geistlicher Begleitung oder Beichtgesprächen – oft um Heilung von Brüchen der Seele und zerbrochenen Lebensperspektiven oder um Weitung des verengten Horizontes auf Gott hin: „Du Gott stellst mich und meine Seele auf weiten Raum“.
„Es geht! Anders“ – es geht um dieses Verbinden und damit auch um Verbundenheit – mitmenschlich und weltweit und auch mit Gott.
Dieser Bund Gottes stand am Anfang dieser Predigtreihe: Gott hatte die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten befreit. Am Sinai hat er ihnen die zehn Gebote auf zwei steinernen Tafeln als Wegweiser zum Leben gegeben. Die Israeliten sind den Weg in die Weite gegangen – dann kam es zum Bruch: „Diesen Bund haben sie gebrochen“ (Jer 31,32), konstatiert Jeremia in der heutigen Lesung – gebrochen im Sinn von verletzt ja, aber nicht zerbrochen im Sinn von zerstört. Ob Gott auch verletzt ist? Wie reagiert Gott auf den von den Israeliten herbeigeführten Bruch?
Gott bricht nicht mit den Israeliten: „Denn ich vergebe ihre Schuld, an ihre Sünde denke ich nicht mehr“(Jer 31,34). Gott „heilt“ den gebrochenen Sinai-Bund und erneuert diese Verbindung: „Ich werde ihnen Gott sein, und sie werden mir Volk sein“ (Jer 31,33). Liebe und Treue spricht aus diesen Worten; Gott will den Menschen weiterhin verbunden sein. Gottes Gebote sind jetzt nicht mehr in Stein gemeißelt, sondern aufs Herz und damit in den Menschen hinein geschrieben. Gottes Gebot soll Herzensanliegen der Menschen sein, ihr ganzes Leben wie der Herzschlag durchpulsen und so ihr ganzes Leben prägen.
Der Bund ist somit eine Verbindung zwischen Gott und Mensch; er schafft Verbindlichkeit – aber er verbindet auch Menschen miteinander. Deutlich wird das u.a. heute am MISEREOR-Sonntag: Weltweit sind wir Menschen miteinander verbunden – aber es gibt viele Brüche: Ausbeutung um jeden Preis zerbricht die Lebensgrundlage der Menschen – nicht
nur in Bolivien. Mangelnder Zugang zu sauberem Wasser und medizinischer Versorgung verhindern „Heilung“ – wir jammern auf hohem Niveau, wenn ich an Entwicklungsländer denke: kaum Masken vorhanden, Abstandhalten aufgrund der Bevölkerungsdichte oft nicht möglich, vom Vorhandensein Impfungen und Medikamenten ganz zu schweigen. Solidarität ist nötig, damit Brüche heilen und Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten ausgeglichen werden können. Voller Einsatz ist gefordert, Hingabe, damit Leben in Fülle möglich wird. Wir weigern uns oft, denn das Korn in der Hand ist uns lieber, als es aus der Hand zu geben, es auszustreuen und mit anderen zu teilen – aber so ist mitmenschliches Wachstum und Zusammenwachsen in der Einen Welt nicht möglich.
Das „Weizenkorn, das in die Erde fällt“ verweist auf Jesu Tod und Auferstehen: Wer sein Leben für andere einsetzt, wird das Leben gewinnen (vgl. Joh 12,24-25). Er will den Weg der Hingabe, den Kreuzweg, gehen, damit Gott an ihm seine Herrlichkeit erweise (vgl. Joh 12,27-33): Er wird Jesus nicht im Tod lassen, nicht wie ein Weizenkorn in der Erde, sondern ihm Leben schenken. Jesus ist bereit, diesen Weg durch den Tod ins Leben zu gehen. „Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben“ (Joh 12,25). Ein Wort Jesu, das mich nachdenklich macht: Hängt denn nicht jeder am Leben? Soll ich es wegwerfen? Hat mir nicht Gott das Leben geschenkt? Was soll das heißen – das Leben bewahren, indem ich es gering achte?
Alles hängt daran, wie ich „Leben“ verstehe. Das „Leben in dieser Welt“ folgt den Maßstäben dieser Welt. Aber „der Herrscher dieser Welt wird hinausgeworfen werden“ (Joh 12,31); seine Macht wird gebrochen. Geld, Sicherheiten, Einfluss – zählen für Gott nicht. Wenn wir unser Herz daran hängen, werden wir am Ende alles verlieren – und unser Leben obendrein.
Aber nicht nur wir werden verlieren – alle werden verlieren, auch diejenigen, die mitbezahlen für unseren Wohlstand und selbst am wenigsten profitieren. Was kann ich da schon machen? Es sind doch die „Großen“, die stellen die Weichen und streichen fette Gewinne und Vertragsprovisionen ein – nicht ich. Ich habe doch keinen Einfluss auf das Weltwirtschaftssystem, auf den Welthunger, auf das Weltklima. Ich bin doch nicht daran schuld! – das sagt sich so leicht. Aber ich habe eine Verantwortung und bin anderen etwas schuldig: Ich schulde den Menschen, die Konsumgüter für uns in Europa miterzeugen, dass ich die Augen vor Ausbeutung und Ungerechtigkeit nicht verschließe. Und ich schulde den Menschen, die unter den Folgen des Klimawandels leiden, dass ich meinen Lebens- und Konsumstil überdenke. Ich habe Handlungsmöglichkeiten: Ich kann weniger CO2 produzieren, indem ich meine Autofahrten reduziere; ich kann auf die Herkunft von Textilien achten, ob sie fair hergestellt sind und die Näherinnen einen gerechten Lohn erhalten, um sich und ihre Familien ernähren zu können; ich kann Plastikmüll, der die Meere verschmutzt, soweit es geht vermeiden. Ich kann handeln, denn „Es geht! Anders.“ Ich kann zum Heilen der Wunden der Erde beitragen und zur Verbundenheit und zum Zusammenhalt der einen Menschheitsfamilie. „Es geht! Anders.“ AMEN.

HIer wieder zwei Lied-Links zum Anhören und/oder Mitsingen:
– Zeige uns, Herr, deine Allmacht und Güte – GL 272: https://www.youtube.com/watch?v=YBbJ8fjS8Ww
– Das Weizenkorn muss sterben – GL 210: https://www.youtube.com/watch?v=2a-nRZ8LX_k

Ihr geht. Anders

Verwandelt – hoffnungsvoll – bestärkt

Ihr geht. Anders

Gesegnet – begleitet – behütet

Ihr geht. Anders

        als Söhne und Töchter – als Prophetinnen und Propheten – als Botinnen und Boten

Ihr geht. Anders

        Hinein in den weiten Raum, auf den Gott Euch stellt und mit viele Möglichkeiten, die Welt zum Guten zu verändern.

So begleite Eure Wege, Eure Gedanken und Eure Taten mit seinem Segen der dreieine Gott, + der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

(Segensgebet vgl. liturgische Bausteine zum Miseroersonntag 2021 mit Änderungen von Dieter G. Jung

PREDIGT 6. So im JK (B)

Lev 13,1-2.45-46 + Mk 1,40-45

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!
Coronazeit – die Werte sind droben,
das Hofer Land ist in Bayern ganz oben
bei der Sieben-Tage-Inzidenz
von dieser heimtückischen Pestilenz.
Da ist mir wirklich nicht zum Lachen,
da kann ich keine Späßchen machen!
Hier ist ’ne Kirche – das teil’ jetzt ich mit –
und das ist ’ne Predigt und keine Bütt!
Deshalb red’ ich gar nicht viel rum,
sondern schau’ auf das Evangelium.
Das Thema Ausgrenzung, das ist prekär,
drum müssen klare Worte her!
Ich bitt um Verständnis in diesen Zeiten,
Reime müssen heut draußen bleiben!

Zutritt nur einzeln oder mit einer bestimmten maximalen kleinen Anzahl – so ist zurzeit der Zutritt zu Bäckereien geregelt: Die anderen müssen draußen bleiben und warten. Viele andere Länden sind ganz zu.
Wir müssen draußen bleiben – ich bin ausgeschlossen und muss andere ausschließen: Kontaktverbot bzw. starke Einschränkung von Kontakten – bereits monatelang. Wir alle – auch Nachbarregionen – müssen Abstands- und Hygieneregeln einhalten, damit das Ansteckungsrisiko minimiert wird!
Wir müssen draußen bleiben – wie ist der Mann im Evangelium (Mk 1,40-45) froh, dass er diesen Status überwunden hat – und wir wären es doch auch, wenn die Inzidenzwerte im Keller wäre, wenn der lockdown aufgehoben werden würde und Corona vielleicht sogar besiegt wäre. Der Mann im Evangelium ist heilfroh, dass er von seinem Aussatz geheilt ist. Jesus hat ihm zwar verboten darüber zu reden, aber der Geheilte kann nicht anders: Er „verkündete bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die Geschichte, sodass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte“ (Mk 1,45). Genau das wollte Jesus vermeiden, den Rummel um seine Person. Er wollte bei den Menschen sein, ihnen helfen und nicht wie ein wundertätiger Zauberer von einer sensationsgierigen Menge verfolgt werden. Jesus geht es um die Menschen. Er will keine Ausgrenzung. Bei ihm muss keiner draußen bleiben. Deshalb heilt Jesus den Aussätzigen.
Aussätzige haben sich zurzeit Jesu von anderen Menschen fernzuhalten, eine strikte Quarantäne, um andere nicht anzustecken. Zudem müssen sie sich für alle als unrein kenntlich machen: ungekämmt, verlotterte Klei-dung und Männer mit verhülltem Bart – mit solchen Subjekten will nie-mand etwas zu tun haben. Auch müssen sie schon von fern laut „unrein, unrein“ rufen, damit niemand mit ihnen in Berührung kommt: ein Warn-ruf – „unrein – bleibt bloß weg!“ Gesellschaftlich sind Aussätzige ausge-grenzt und auch zum Tempelkult und Gottesdienst nicht zugelassen. Die Angst vor einer Ansteckung setzt der Nächstenliebe enge Grenzen. Der Aussätzige im Evangelium will von Jesus geheilt und wieder Teil der Gesellschaft werden. Er überschreitet Grenzen: Er hält sich nicht an den gebotenen Sicherheitsabstand. Auch Jesus überwindet Grenzen, indem er den Aussätzigen berührt. Jesus schenkt ihm in dieser Berührung die Zärt-lichkeit und Liebe Gottes, die keinen Menschen ausschließt. Mit dieser heilsamen Berührung holt Jesus den ausgegrenzten Aussätzigen aus seiner Isolation in die die gesellschaftliche Mitte zurück (vgl. Mk 1,41-42).
Aber was geschieht mit dem, der solche sozialen Grenzen überwindet? Je-sus kann sich in keiner Stadt mehr blicken lassen, weil der Geheilte bei je-der Gelegenheit von der Heilung erzählt. Auch das eine alltägliche Erfah-rung: Wer sich mit Außenseitern abgibt, wird selbst leicht zum Außenseiter – weil man ausgegrenzt wird, oder weil mal selbst die Grenze ziehen muss zum Schutz vor Menschenmassen. Wer wie Jesus für die Aussätzigen, Zöllner und Sünder Partei ergreift, steht bald selbst außerhalb der feinen Gesellschaft. Doch das ist der Platz Jesu: Er steht bei den Menschen und er steht den Menschen bei, die ihn und seine Nähe brauchen. Dafür geht er bis an den Rand, an den Rand der Gesellschaft, an den Rand der menschlichen Existenz, dort wo Armut und Hunger herrschen, Krankheit und Aussatz.
Ihr müsst draußen bleiben – auch wir grenzen Menschen aus – und das nicht nur zum Schutz in Coronazeiten. Wir lassen Menschen nicht teilha-ben an unserer Gesellschaft und unseren Freundeskreisen. Wir grenzen sie aus, weil sie anders sind – weil sie vielleicht nur gebrochen Deutsch spre-chen – weil sie andere Ansichten haben und nicht so denken wie wir. Bei Jesus ist das anders: Zu ihm kommen die ausgegrenzten Menschen von überallher. Sie erhoffen sich von ihm eine Annahme ihrer Individualität und Wertschätzung trotz oder gerade ihres Andersseins. Diese Menschen stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit und Seelsorge Jesu. Er holt sie aus dem Ausgegrenztsein und ihrer Isolation heraus und schenkt ihnen so Teilhabe am Leben, Ansehen und Würde – Menschenwürde.

Geben wir Christus unser Gesicht,
verweigern wir Sozialkontakte nicht!
Halten wir durch und zusammen in diesen Zeiten,
wir sollten nicht über Abstände streiten!
Einmeterfünfzig sind nicht viel –
einander sehen und hören, ist das Ziel:
Niemand ist dann mehr allein,
und ausgegrenzt ist auch kein … Mensch.
Wenn wir solidarisch zueinander steh’n,
einander nicht aus dem Wege geh’n,
trotz Corona lachen und uns freu’n,
dann soll das nicht nur an Fasching sein:
Lebens- und Glaubensfreud’ in Gottes Namen –
gelobt sei Jesus Christus! AMEN.

Hier noch zwei vertiefende Liedlinks, in denen es auch um die Freude geht:
– Jesus bleibet meine Freude: https://www.youtube.com/watch?v=drdd5xxZ_eE
– Nun danket all und bringet Ehr: https://www.youtube.com/watch?v=ANRVGsFDq8g

PREDIGT Maria Lichtmess (B)

Mal 3,1-4 + Lk 2,22-40 (= Langfassung)

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, liebe Jugendliche!
„Volk Gottes zünde Lichter an, vertreib die Nacht mit ihrem Schein! Der jedes Dunkel wenden kann, er zieht ins Haus des Vaters ein“ (GL 374/1) – ein Lied passend zum Evangelium am Lichtmesstag (Lk 2,22-40). Ein Lied, das auch zur Aktion #lichtfenster passt, die Bundespräsident Steinmeier initiiert hat und zu der auch die Deutschen Bischöfe aufgerufen haben. Wir sind eingeladen, allabendlich eine Kerze in unsere Fenster zu stellen – eine Kerze, die hineinstrahlt in die dunkle Nacht und die Dunkelheit und Betrübnis dieser Zeit – leuchtende Kerzen in der Region Hofer Land, in der die Inzidenzwerte in den letzten Tagen stark angestiegen sind – Kerzen als Zeichen der Anteilnahme, die auch Lichtblick sind für die Verstorbenen der Corona-Pandemie: Licht, das für die christliche Hoffnung steht, für Jesus Christus, „der jedes Dunkel wenden kann“.
Es braucht Geduld. Wir müssen Geduld haben und dürfen nicht vorschnell aufgeben. Was nach Handlungsanweisungen unserer Politiker in der jetzigen Phase des lockdowns klingt, ist die Erfahrung, an denen uns heute der greise Simeon teilhaben lässt. Simeon wartet geduldig. Er wird alt. Er vertraut voller Hoffnung der Verheißung des Heiligen Geistes, dass sich dieses Warten lohnen und er zu Lebzeiten noch „den Christus“ sehen werde.
Vielleicht macht sich in Simeon bereits die Dunkelheit breit. Er steht kurz vor seinem Lebensende: Ob der Messias, der Christus, noch kommt? Ob er nicht die ganze Lebenszeit vergebens gewartet hat? Düstere Gedanken, die Simeon während des Wartens gekommen sein könnten. Doch er wartet geduldig und voller Sehnsucht. Simeon erkennt – unter der Führung des Heiligen Geistes – in Jesus, den Maria und Josef in den Tempel bringen, den verheißenen Christus: „Meine Augen haben das Heil gesehen“ (Lk 2,30), bekennt er. Simeon erkennt und bekennt die Universalität des Kommens Jesu Christi: Jesus Christus ist nicht nur Lichtblick für ihn selbst, sondern für alle Völker, für sein eigenes Volk, die Israeliten, und auch für fremde Völker (vgl. Lk 2,31-32). Damit ist scheinbar alles Wesentliche gesagt, denn hier endet die Kurzfassung des Evangeliums (vgl. Lk 2,22-32). Ja und Nein: christologisch, also Jesus Christus betreffend, ist mit diesem Lobpreis des Simeon bereits alles gesagt und er kann „in Frieden scheiden“ (Lk 2,29) – aber ekklesiologisch, also die Glaubensgemeinschaft bzw. die Kirche betreffend, ist längst noch nicht alles gesagt: Leider beziehen sich Kirchenlieder (vgl. GL 374/4 und 902/4), das Segensgebet über die Kerzen, die Festtagspräfation und das Schlussgebet der Heiligen Messe ausschließlich auf Simeon – doch Hanna gehört als Frau wesentlich zu Gemeinschaft der Glaubenden (jüdischen Glaubens) dazu; sie darf nicht einfach weggeschnitten werden, sonst wären gelebter Glaube und Kirche als verfasste Glaubensgemeinschaft defizitär und „reine Männersache“. Hanna wird anders als Simeon nicht durch die Zuschreibungen „gerecht und fromm“ (Lk 2,25) charakterisiert, sondern durch ihre Abstammung und ihr Lebensschicksal als konkrete Person benannt: eine Tochter Penuëls aus dem Stamm Ascher, die jung geheiratet hat, sieben Jahre verheiratet war und nun eine Witwe von 84 Jahren ist (vgl. Lk 2,36-37). Auch ihre Gottesbeziehung und Frömmigkeit ist konkreter beschrieben als die des Simeon: Hanna „hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott mit Fasten und Beten“ (Lk 2,37). Beten und Fasten ist Hannas ernsthafte Vorbereitung für die Christus-Begegnung – wir machen das heute noch so, wenn wir den Advent und die Fastenzeit als Vorbereitungszeiten auf die Christus-Hochfeste Weihnachten und Ostern ernst nehmen. Zudem wird Hanna als „Prophetin“ (Lk 2,36) bezeichnet und steht so in einer besonderen Gottesbeziehung: Hanna ist ein Sprachrohr Gottes gegenüber dem Volk. Sie mahnt im Namen Gottes, prangert Missstände an und verkündet Gottes Wort. Auch wenn keine wörtliche Rede von Hanna in der Bibel überliefert ist, redet und verkündet sie: Wie Simeon „pries [Hanna] Gott“ (Lk 2,38), schreibt Lukas in seinem Evangelium – ja mehr noch: Hanna „sprach über das Kind [= Jesus Christus] zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten“ (Lk 2,38). Hanna ist somit Katechetin, Missionarin und Glaubensvermittlerin – im Tempel, öffentlich und für alle. Hatten bisher im Lukasevangelium der/die Engel an Einzelpersonen oder Randgruppen verkündet (vgl. Lk 1,26-38 und Lk 2,9-14) und Simeon seinen Lobpreis Gottes im „kleinen Kreis“ vor Maria und Josef ausgesprochen, verkündet die Prophetin Hanna allen, die auf bessere Zeiten warten, Gottes Wirken in Jesus Christus: ER ist der Erlöser. Hanna hat damit als Frau und Gotteskünderin in ihrer Glaubensgemeinschaft und für die Menschen der damaligen Zeit Wichtiges zu sagen – ein hoffnungsvoller Lichtblick für die katholische Kirche und Frauen in unserer Kirche heute. AMEN.

Vertiefende Liedlinks:
– Volk Gottes, zünde Lichter an: https://www.youtube.com/watch?v=ip5dj4YUoa4
– Morgenstern der finstern Nacht: https://www.youtube.com/watch?v=i-HbXBvuBSQ

PREDIGT 4. So im JK (B)

Dtn 18,15-20 + Mk 1,21-28

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, liebe Jugendliche!
Letzte Woche, am 3. Sonntag im Jahreskreis, wurde in der katholischen Christenheit der „Sonntag des Wortes Gottes“ begangen – Papst Franziskus hatte diesen Gedenktag 2019 ins Leben gerufen. Weltweit wurde dieser Sonntag begangen – nur ein Land hat sich widersetzt: Deutschland.
„Typisch“, könnten wir sagen. Ja, die deutschen Bischöfe haben bewusst gehandelt: Sie sind aber nicht gegen das Wort Gottes, sondern wollen diesem mehr Bedeutung geben – gerade im Land der Reformation. Sie haben den „Sonntag des Wortes Gottes“ auf den heutigen Sonntag ver-schoben, damit er zusammen mit dem „ökumenischen Bibelsonntag“, den es in Deutschland seit 1982 gibt, gefeiert werden kann – ein wichtiges Zeichen der Ökumene: gemeinsam stellen wir das Wort Gottes in die Mitte – gemeinsam stellen wir uns dem Anspruch des Wortes Gottes.
Das „Wort Gottes“ prägt unsere Gottesdienste, prägt unsere Gemeinde, prägt die Glaubensgemeinschaft – und das nicht erst heute. Dtn 18,15-20 ist ein kurzer Abschnitt aus dem fünften und letzten Buch Mose, dem Buch Deuteronomium. In diesem Buch blickt Mose, der Vermittler des Wortes Gottes, noch einmal zurück. Er erinnert an den Weg, der hinter den Israeliten liegt, u.a. an den Auszug aus Ägypten, die Wüstenwanderung und andere Etappen. Gott ist diesen Weg mit seinem Volk gegangen – ein Weg mit Höhen und Tiefen – ein Weg mit Mut machenden und ermahnenden Worten Gottes, die Mose als Sprachrohr Gottes den Menschen vermittelte und verständlich machte: Gottes Wort im Menschenwort.
Dieser Rückblick des Mose auf das Gewesene ist notwendig: Er zeigt die Spuren Gottes, sein Führung und sein Weggeleit – und v.a. die Orientie-rung, die das Wort Gottes gab und eben auch gegeben hätte, wenn sich das Volk Gottes diesem Wort Gottes nicht bisweilen verschlossen hätte. An der Schwelle zum gelobten Land, kurz bevor Mose sterben wird, steht dieses Innehalten und Zurückblicken. Der Rückblick des Mose ist somit eine Art Testament und damit auf die Zukunft des Volkes ausgerichtet: Haltet Euch in Zukunft an das Wort Gottes und vertraut den Vermittlern des Wortes Gottes. Zudem kündet Mose einen Nachfolger, einen Propheten, als Künder und Vermittler des Wortes Gottes an (vgl. Dtn 18,15-18). Unter der Führung und Wegweisung des Wortes Gottes soll das Volk Gottes ins gelobte Land einziehen. In die Gottesrede des Mose eingeschlossen ist die Warnung vor „falschen Propheten“ (vgl. Dtn 18,19-20), die Eigeninteressen als vermeintli-ches Wort Gottes ausgeben und damit letztlich in die Irre führen.
Die Worte des Mose gelten heute uns: Sie sind die Einladung sich dem Wort Gottes zu stellen, es zu hören und v.a. zuzuhören und darüber nachzu-denken, was andere dazu prophetisch zu sagen haben: Propheten sind wir alle, auch Du und ich, denn in der Taufe wurden wir für diesen propheti-schen Dienst gesalbt! Wir können in der Bibel lesen und das Wort Gottes meditieren, um im Blick auf das eigenen Leben die Spuren Gottes zu entde-cken und um Wegweisung und Ermutigung für die Zukunft zu schöpfen. Das Wort Gottes „kann“ noch mehr – es wirkt und bewirkt etwas: Jesus Christus ist anders als die Schriftgelehrten, ist anders als wir, die wir uns mit dem Wort Gottes auseinandersetzen. Jesus Christus ist das Mensch gewordene Wort Gottes. Im Licht der alttestamentlichen Lesung ist er der Prophet: Als Sohn Gottes ist er nicht nur Vermittler des Wortes Gottes, sondern er ist selbst die Mitte des Wortes des lebendigen Gottes.
Jesus Christus wirkt als lebendiges Wort Gottes; ER bewirkt Lebendigkeit und befreit zum Leben. Auch wenn die Dämonenaustreibung im Markusevangelium (Mk 1,21-28) für uns heute befremdlich klingt und wir sie wissenschaftlich anders einordnen würden, zeigt sie doch die Wirk-mächtigkeit des Wortes Gottes: Gottes Wort berührt und fordert heraus, ja es befreit zum Leben. Die Macht des Wortes Gottes unterdrückt nicht, sondern das Wort Gottes macht die Macht der Unterdrücker zunichte, die Besitz über das menschliche Leben ergreifen und es bedrängen.
Ich blicke auf mein Leben, darauf, wovon ich „besessen“ bin: Es gibt vieles, was mein Leben, meine Lebenszeit und –kraft in Besitz nimmt. Manches davon ist zumindest fragwürdig, ob es wirklich zu mehr Leben und Lebensqualität führt. Darüber lohnt es sich nachzudenken. Und auch darüber, wie Dinge, Aufgaben und Personen von mir Besitz ergreifen: Bleibt mir noch Luft zum Atmen? Was macht mein Leben lebenswert?
Leben – dazu ermutigt mich das Wort des lebendigen Gottes. Leben – dazu will mich Jesus Christus befreien. Leben – Ja! AMEN.

Hier noch zwei vertiefende Lied-Links:
– Mein ganzes Herz: https://www.youtube.com/watch?v=4WEhj43A17o
– Gottes Wort ist wie Licht: gottes wort ist wie licht in der nacht kanon

 

PREDIGT 2. So im JK (B)

1 Sam 3,3b-10.19 + Joh 1,35-42

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, liebe Jugendliche!
„Was sucht ihr?“ (Joh 1,38) – diese Frage Jesu aus dem heutigen Evangelium geht auch an uns: „Was sucht Ihr? Was ist Eure Sehnsucht?“
Wir wollen, dass endlich wieder ein „normales“ Leben möglich ist, ohne Corona – oder dass wir mit Corona einigermaßen gut leben können. Wir wollen uns wieder „normal“ treffen können ohne Alltagsmaske und ohne Besuchsbeschränkungen. Hoffentlich ist alles bald vorbei – solche Antworten höre ich bei vielen Telefonaten in diesen Tagen. Allen geht es um gelebte und gelingende Beziehungen, um gelingendes Leben: den Singles und Witwe(r)n fehlt oft ein Gegenüber – „ich habe niemanden, der wirklich da ist“; den Schülerinnen und Schülern (und auch Lehrern) fehlt der direkte Kontakt – „ich hatte schon am ersten Tag homeschooling nach den Ferien ‚die Schnauze voll‘“; sie stehen vor einer ungewissen Zukunft – „was ist mein Schulabschluss in diesem Jahr schon wert“; Alleinerziehende, Familien und kleine Betriebe kämpfen um ein Durch- und Auskommen im Alltag – „wie sollen wir das (finanziell) nur schaffen“; alte Menschen, die nicht mehr raus kommen, fühlen sich einsam. Viele Menschen unterschiedlichen Alters können nicht mehr; sie sind am Ende ihrer Kräfte, niedergeschlagen, manche auch des Lebens müde. Viele haben das verordnete social distancing satt – gerade im lockdown geht es doch darum, die Sozialkontakte aufrecht und lebendig zu erhalten. Unsere Zeit braucht daher ein physical distancing – eine Einschränkung (und nicht eine Dauerunterbrechung!) der face-to-face-Kontakte, der Direktbegegnungen, um die Übertragung von Corona stark einzuschränken – bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der mitmenschlichen Nähe, des einander nahe Seins und Mitfühlens, des geteilten Lebens.
Die beiden Männer die Jesus folgen, suchen seine Nähe – eine für sie le-benswichtige Einzelbegegnung, kein Massenansturm. Jesus weist sie nicht ab, sondern fragt bewusst offen: „Was sucht ihr?“ (Joh 1,38). Sie wollen sehen, wo und wie Jesus lebt; sein Lebensumfeld wollen sie kennenlernen; wollen sehen was ihm wichtig ist, mit ihm reden, bei ihm sein – vorerst (noch nicht) dauerhaft, sondern für ein paar Stunden. Ein wichtiger Kon-takt von Mensch zu Mensch, der entscheidend ist für ihr weiteres Leben und der alles verändert: „Wir haben den Messias gefunden“ (Joh 1,41).
Suchen, was mein Leben lebenswert macht, und sich dafür ganz bewusst auf den Weg machen und sich Zeit dafür nehmen, können wir von den beiden Männern lernen. Diese Nachfolge Jesu und auch unser Weg mit Je-sus braucht immer wieder die direkte Begegnung mit IHM, um dann im Alltag – „in der Distanz“ – in der Christus-Beziehung zu leben.
Einen zweiten Aspekt der derzeit so wichtigen sozialen Beziehung und Offenheit füreinander zeigt die Lesung auf: Der mehrmals aus dem Schlaf gerissene Eli reagiert nicht verärgert, als Samuel in erneut aufweckt. Eli lässt sich stören und reagiert nicht abweisend. Er erträgt geduldig die Un-terbrechung seines Schlafes und nimmt sich Zeit für seinen Schüler Sa-muel. Allmählich erkennt Eli, dass Gott den Samuel angesprochen hat und rät Samuel, wie er sich beim „Anruf Gottes“ verhalten soll.
Von Eli und Samuel kann ich lernen, wachsam zu sein für die Zeichen und Stimmen der Zeit – Störungen oder Anrufe von Mitmenschen nicht lästig abzuwimmeln, sondern mir Zeit für ihre Anliegen nehmen – im (mit-)geteilten Leben Tieferes und vielleicht sogar die „die Spuren Gottes“ entdecken. Dabei kann mir auch die Kommunikation zwischen den Generationen helfen – Samuel hätte ohne Elis Rat, aus dem seine eigene Gotteserfahrung und Lebensweisheit spricht, nie die ihn beim Namen rufende Stimme einordnen und sich dem Ruf Gottes und der Berufung durch Gott stellen können: „Rede, denn dein Diener hört“ (1 Sam 3,10).
Es geht in dieser Corona-Zeit nicht nur ums Deuten der Zeichen und Stimmen der Zeit, sondern vor allem ums Zeigen dessen, was trägt, und lebensdienlich ist: Johannes weist zwei seiner Jünger auf Jesus hin – er hält sich nicht selbst für „den Besten“ und bindet die Jünger nicht krampfhaft und klammernd an sich – er kann sie guten Gewissens gehen lassen – zu und mit Jesus. Und auch Andreas und der namenlose Zweite, die in Jesus den Messias entdeckt und erkannt haben, behalten diesen Wissen nicht egoistisch für sich – sie teilen es mit Petrus und führen ihn zu Jesus.
Das Positive, das mich trägt im (Glaubens-)Leben, das mit Halt gibt, mich stützt und mir Lebendigkeit schenkt, das mich in dieser schweren Corona-Zeit (durch)trägt, das mir hilft zu leben und zu glauben und mir Hoffnung und Lebensmut schenkt, darauf soll ich meine Mitmenschen hinwiesen und es ihnen zeigen – das ist meine Berufung als Christin und als Christ: Dem Leben auf der Spur – das Leben finden – das Leben leben und es mit anderen teilen, dazu bin ich, dazu sind wir berufen. AMEN.

Hier noch zwei vertiefende Liedlinks:
– Suchen und fragen: https://www.lieder-vom-glauben.de/wo-wir-dich-loben-wachsen-neue-lieder-nr-82/
– Herr, du bist mein Leben: https://www.youtube.com/watch?v=X5eUNQWqAQk

PREDIGT Fest Taufe des Herrn (B)

Jes 42,5a.1-4.6-7 + Mk 1,7-11

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, liebe Jugendliche!
In den vergangenen Tagen habe ich mehrmals einen Kirchenraum besucht, der mich nicht nur angesprochen, sondern mich „umarmt“ hat. Der Raum hatte stark gedimmtes Licht – das Licht kam woanders her: Um das auf Stroh gebettete Kind waren Kerzen aufgestellt; sie verbreiteten ein warmes, angenehmes, ja einladendes Licht. Diese Kerzen griffen dabei die Geste der ausgebreiteten Arme des Kindes in der Krippe auf – der Arme des Kindes, die sich mir entgegenstreckten, die Beziehung und Annahme suchten. Wie große leuchtende Arme griffen die Kerzen in den Raum; sie umfingen, ja sie „umarmten“ jeden Besucher und Beter mit Licht. Die ausgebreiteten Licht-Arme sagten ohne Worte: Willkommen! Schön, dass du da bist! Komm zu mir und bleib hier und lass dich umarmen mit Licht, mit Wärme mit Liebe! Eine wohltuende Botschaft, die das Kind in der Krippe, die der Mensch gewordene Gott mir zuspricht.
Ich habe dich gern! Zu mir kannst Du kommen auch mit Sorgen und Fra-gen, auch mit all dem was dich traurig und dein Leben dunkel und dir Angst macht! Lass dich umarmen mit Licht, mit Wärme mit Liebe! Ich stehe hinter dir und stehe für dich ein. Eine Botschaft, die uns allen gut tut – und die wahr ist, weil wir wissen, dass Gott in Jesus Christus auf unserer Seite steht, nicht nur als Kind in der Krippe, sondern auch als Erwachsener.
Wir Menschen brauchen dieses Angenommensein, diese mitmenschliche Wärme, diese Geborgenheit, dieses zweckfreie Wohlwollen – gerade im grauen Winter, wo die Sonne oft tagelang nicht hinter dem trüben Wolken-schleier hervortritt, gerade jetzt im verschärften lockdown, der vielen an die Substanz geht und mental viel abverlangt, sind Kerzen und wärmendes Licht, ein „offener Himmel“ mit seinen umarmenden Sonnenstrahlen, of-fenherzige Menschen und wohltuende Worte – gelesen oder noch besser zugesagt – und eine Atmosphäre, die trotz Abstand Nähe spüren lässt, wichtig und notwendig. Sie geben Kraft und Zuversicht in der aktuellen Si-tuation und machen Mut auch für Wege und Zeiten, die vor einem liegen.
Jesus begegnet uns heute am Ende der Weihnachtszeit als Erwachsener – er ist nicht mehr das kleine Kind in der Krippe; er ist groß geworden und steht vor einer neuen Aufgabe: in aller Öffentlichkeit soll er Gott bezeugen. Nie-mand wird ihm glauben, warum auch – er gilt als Sohn des Zimmermanns, er war kein Schrift- und Gesetzeslehrer; er war ein einfacher junger Mann. Johannes, der bekannte Rufer in der Wüste, weißt auf Jesus hin: „der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken und ihm die Riemen der Sandalen zu lösen. Ich habe euch mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen“ (Mk 1,7). Johannes weist von sich weg und auf Jesus hin – und baut so eine Erwartungshaltung und einen Druck auf: Er wird euch eine andere Kraft geben, die Kraft aus der Höhe, Heiligen Geist. Nach menschlichem Ermessen ist das eine Überforderung und eine Über-lastung für jeden, auf dem sie lastet. Jesus läuft nicht weg, sondern zu Johannes hin, der auf ihn hingewiesen hat. Er lässt sich von ihm taufen – mit Wasser; mehr hat Johannes nicht zu geben – und Gott gibt das seine hinzu: Er öffnet den Himmel für das seine – Heiligen Geist – den Jesus an die Menschen weitergeben wird. Und Gott macht klar, wer dieser Jesus ist: „Du bist mein geliebter Sohn, (Mk 1,11) und damit Sohn Gottes. Du bist der, auf den Johannes hingewiesen hat. „An dir habe ich Wohlgefallen gefunden“ (Mk 1,11) – ich habe dich gern, du bist ja mein Sohn. Ich bin bei dir. Ich stehe hinter dir und dir bei – bei allem, was vor dir liegt.
Ein offener Himmel, ein Lichtblick, die Umhüllung mit Heiligem Geist, die Umarmung durch Gottes wohlwollenden Zuspruch und Annahme als Sohn – das gibt Kraft und Mut, für den Weg, den Jesus bis an Kreuz und durch das Kreuz zu neuem Leben führen wird. Dieser offene Himmel, der Lichtblick, die Umhüllung mit Heiligem Geist, die Umarmung durch Got-tes wohlwollenden Zuspruch und Annahme als geliebte Tochter und als geliebter Sohn ist uns allen bei unserer Taufe geschenkt – Kraft und Mut für unser Leben als Christinnen und Christen im Zeichen des Kreuzes.
Wenn wir aus dieser Kraft leben und unser Leben aus der Taufgnade ge-stalten, ist es gut für uns und wertvoll für andere Menschen. Wir vertrauen auf und leben aus dem Heiligen Geist, der nicht zerstört, sondern aufrich-tet, der umarmt und schützt, der Lebensmut und neue Lebensperspektiven schenkt (vgl. Jes 42,3.6-7). Der uns in der Taufe geschenkte Heilige Geist ist Gottes Zusage, dass er uns liebt und immer er an unserer Seite ist. AMEN

 

Zum Ende der Weihnachtszeit schließt sich nämlich ein theologischer Bogen vom
adventlichen „O Heiland, reiß den Himmel auf“: https://www.youtube.com/watch?v=8AWhXZgjWg8
hin zum offenen Himmel bei der Taufe Jesu: „Lobt Gott, ihr Christen“: https://www.youtube.com/watch?v=x6kZFblDDVU
sowie zum Himmel, der uns bei unserer Taufe und für immer offen steht: https://www.youtube.com/watch?v=6o4CU2UkNFM