PREDIGT 6. So im JK (B)

Lev 13,1-2.45-46 + Mk 1,40-45

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!
Coronazeit – die Werte sind droben,
das Hofer Land ist in Bayern ganz oben
bei der Sieben-Tage-Inzidenz
von dieser heimtückischen Pestilenz.
Da ist mir wirklich nicht zum Lachen,
da kann ich keine Späßchen machen!
Hier ist ’ne Kirche – das teil’ jetzt ich mit –
und das ist ’ne Predigt und keine Bütt!
Deshalb red’ ich gar nicht viel rum,
sondern schau’ auf das Evangelium.
Das Thema Ausgrenzung, das ist prekär,
drum müssen klare Worte her!
Ich bitt um Verständnis in diesen Zeiten,
Reime müssen heut draußen bleiben!

Zutritt nur einzeln oder mit einer bestimmten maximalen kleinen Anzahl – so ist zurzeit der Zutritt zu Bäckereien geregelt: Die anderen müssen draußen bleiben und warten. Viele andere Länden sind ganz zu.
Wir müssen draußen bleiben – ich bin ausgeschlossen und muss andere ausschließen: Kontaktverbot bzw. starke Einschränkung von Kontakten – bereits monatelang. Wir alle – auch Nachbarregionen – müssen Abstands- und Hygieneregeln einhalten, damit das Ansteckungsrisiko minimiert wird!
Wir müssen draußen bleiben – wie ist der Mann im Evangelium (Mk 1,40-45) froh, dass er diesen Status überwunden hat – und wir wären es doch auch, wenn die Inzidenzwerte im Keller wäre, wenn der lockdown aufgehoben werden würde und Corona vielleicht sogar besiegt wäre. Der Mann im Evangelium ist heilfroh, dass er von seinem Aussatz geheilt ist. Jesus hat ihm zwar verboten darüber zu reden, aber der Geheilte kann nicht anders: Er „verkündete bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die Geschichte, sodass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte“ (Mk 1,45). Genau das wollte Jesus vermeiden, den Rummel um seine Person. Er wollte bei den Menschen sein, ihnen helfen und nicht wie ein wundertätiger Zauberer von einer sensationsgierigen Menge verfolgt werden. Jesus geht es um die Menschen. Er will keine Ausgrenzung. Bei ihm muss keiner draußen bleiben. Deshalb heilt Jesus den Aussätzigen.
Aussätzige haben sich zurzeit Jesu von anderen Menschen fernzuhalten, eine strikte Quarantäne, um andere nicht anzustecken. Zudem müssen sie sich für alle als unrein kenntlich machen: ungekämmt, verlotterte Klei-dung und Männer mit verhülltem Bart – mit solchen Subjekten will nie-mand etwas zu tun haben. Auch müssen sie schon von fern laut „unrein, unrein“ rufen, damit niemand mit ihnen in Berührung kommt: ein Warn-ruf – „unrein – bleibt bloß weg!“ Gesellschaftlich sind Aussätzige ausge-grenzt und auch zum Tempelkult und Gottesdienst nicht zugelassen. Die Angst vor einer Ansteckung setzt der Nächstenliebe enge Grenzen. Der Aussätzige im Evangelium will von Jesus geheilt und wieder Teil der Gesellschaft werden. Er überschreitet Grenzen: Er hält sich nicht an den gebotenen Sicherheitsabstand. Auch Jesus überwindet Grenzen, indem er den Aussätzigen berührt. Jesus schenkt ihm in dieser Berührung die Zärt-lichkeit und Liebe Gottes, die keinen Menschen ausschließt. Mit dieser heilsamen Berührung holt Jesus den ausgegrenzten Aussätzigen aus seiner Isolation in die die gesellschaftliche Mitte zurück (vgl. Mk 1,41-42).
Aber was geschieht mit dem, der solche sozialen Grenzen überwindet? Je-sus kann sich in keiner Stadt mehr blicken lassen, weil der Geheilte bei je-der Gelegenheit von der Heilung erzählt. Auch das eine alltägliche Erfah-rung: Wer sich mit Außenseitern abgibt, wird selbst leicht zum Außenseiter – weil man ausgegrenzt wird, oder weil mal selbst die Grenze ziehen muss zum Schutz vor Menschenmassen. Wer wie Jesus für die Aussätzigen, Zöllner und Sünder Partei ergreift, steht bald selbst außerhalb der feinen Gesellschaft. Doch das ist der Platz Jesu: Er steht bei den Menschen und er steht den Menschen bei, die ihn und seine Nähe brauchen. Dafür geht er bis an den Rand, an den Rand der Gesellschaft, an den Rand der menschlichen Existenz, dort wo Armut und Hunger herrschen, Krankheit und Aussatz.
Ihr müsst draußen bleiben – auch wir grenzen Menschen aus – und das nicht nur zum Schutz in Coronazeiten. Wir lassen Menschen nicht teilha-ben an unserer Gesellschaft und unseren Freundeskreisen. Wir grenzen sie aus, weil sie anders sind – weil sie vielleicht nur gebrochen Deutsch spre-chen – weil sie andere Ansichten haben und nicht so denken wie wir. Bei Jesus ist das anders: Zu ihm kommen die ausgegrenzten Menschen von überallher. Sie erhoffen sich von ihm eine Annahme ihrer Individualität und Wertschätzung trotz oder gerade ihres Andersseins. Diese Menschen stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit und Seelsorge Jesu. Er holt sie aus dem Ausgegrenztsein und ihrer Isolation heraus und schenkt ihnen so Teilhabe am Leben, Ansehen und Würde – Menschenwürde.

Geben wir Christus unser Gesicht,
verweigern wir Sozialkontakte nicht!
Halten wir durch und zusammen in diesen Zeiten,
wir sollten nicht über Abstände streiten!
Einmeterfünfzig sind nicht viel –
einander sehen und hören, ist das Ziel:
Niemand ist dann mehr allein,
und ausgegrenzt ist auch kein … Mensch.
Wenn wir solidarisch zueinander steh’n,
einander nicht aus dem Wege geh’n,
trotz Corona lachen und uns freu’n,
dann soll das nicht nur an Fasching sein:
Lebens- und Glaubensfreud’ in Gottes Namen –
gelobt sei Jesus Christus! AMEN.

Hier noch zwei vertiefende Liedlinks, in denen es auch um die Freude geht:
– Jesus bleibet meine Freude: https://www.youtube.com/watch?v=drdd5xxZ_eE
– Nun danket all und bringet Ehr: https://www.youtube.com/watch?v=ANRVGsFDq8g

PREDIGT Maria Lichtmess (B)

Mal 3,1-4 + Lk 2,22-40 (= Langfassung)

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, liebe Jugendliche!
„Volk Gottes zünde Lichter an, vertreib die Nacht mit ihrem Schein! Der jedes Dunkel wenden kann, er zieht ins Haus des Vaters ein“ (GL 374/1) – ein Lied passend zum Evangelium am Lichtmesstag (Lk 2,22-40). Ein Lied, das auch zur Aktion #lichtfenster passt, die Bundespräsident Steinmeier initiiert hat und zu der auch die Deutschen Bischöfe aufgerufen haben. Wir sind eingeladen, allabendlich eine Kerze in unsere Fenster zu stellen – eine Kerze, die hineinstrahlt in die dunkle Nacht und die Dunkelheit und Betrübnis dieser Zeit – leuchtende Kerzen in der Region Hofer Land, in der die Inzidenzwerte in den letzten Tagen stark angestiegen sind – Kerzen als Zeichen der Anteilnahme, die auch Lichtblick sind für die Verstorbenen der Corona-Pandemie: Licht, das für die christliche Hoffnung steht, für Jesus Christus, „der jedes Dunkel wenden kann“.
Es braucht Geduld. Wir müssen Geduld haben und dürfen nicht vorschnell aufgeben. Was nach Handlungsanweisungen unserer Politiker in der jetzigen Phase des lockdowns klingt, ist die Erfahrung, an denen uns heute der greise Simeon teilhaben lässt. Simeon wartet geduldig. Er wird alt. Er vertraut voller Hoffnung der Verheißung des Heiligen Geistes, dass sich dieses Warten lohnen und er zu Lebzeiten noch „den Christus“ sehen werde.
Vielleicht macht sich in Simeon bereits die Dunkelheit breit. Er steht kurz vor seinem Lebensende: Ob der Messias, der Christus, noch kommt? Ob er nicht die ganze Lebenszeit vergebens gewartet hat? Düstere Gedanken, die Simeon während des Wartens gekommen sein könnten. Doch er wartet geduldig und voller Sehnsucht. Simeon erkennt – unter der Führung des Heiligen Geistes – in Jesus, den Maria und Josef in den Tempel bringen, den verheißenen Christus: „Meine Augen haben das Heil gesehen“ (Lk 2,30), bekennt er. Simeon erkennt und bekennt die Universalität des Kommens Jesu Christi: Jesus Christus ist nicht nur Lichtblick für ihn selbst, sondern für alle Völker, für sein eigenes Volk, die Israeliten, und auch für fremde Völker (vgl. Lk 2,31-32). Damit ist scheinbar alles Wesentliche gesagt, denn hier endet die Kurzfassung des Evangeliums (vgl. Lk 2,22-32). Ja und Nein: christologisch, also Jesus Christus betreffend, ist mit diesem Lobpreis des Simeon bereits alles gesagt und er kann „in Frieden scheiden“ (Lk 2,29) – aber ekklesiologisch, also die Glaubensgemeinschaft bzw. die Kirche betreffend, ist längst noch nicht alles gesagt: Leider beziehen sich Kirchenlieder (vgl. GL 374/4 und 902/4), das Segensgebet über die Kerzen, die Festtagspräfation und das Schlussgebet der Heiligen Messe ausschließlich auf Simeon – doch Hanna gehört als Frau wesentlich zu Gemeinschaft der Glaubenden (jüdischen Glaubens) dazu; sie darf nicht einfach weggeschnitten werden, sonst wären gelebter Glaube und Kirche als verfasste Glaubensgemeinschaft defizitär und „reine Männersache“. Hanna wird anders als Simeon nicht durch die Zuschreibungen „gerecht und fromm“ (Lk 2,25) charakterisiert, sondern durch ihre Abstammung und ihr Lebensschicksal als konkrete Person benannt: eine Tochter Penuëls aus dem Stamm Ascher, die jung geheiratet hat, sieben Jahre verheiratet war und nun eine Witwe von 84 Jahren ist (vgl. Lk 2,36-37). Auch ihre Gottesbeziehung und Frömmigkeit ist konkreter beschrieben als die des Simeon: Hanna „hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott mit Fasten und Beten“ (Lk 2,37). Beten und Fasten ist Hannas ernsthafte Vorbereitung für die Christus-Begegnung – wir machen das heute noch so, wenn wir den Advent und die Fastenzeit als Vorbereitungszeiten auf die Christus-Hochfeste Weihnachten und Ostern ernst nehmen. Zudem wird Hanna als „Prophetin“ (Lk 2,36) bezeichnet und steht so in einer besonderen Gottesbeziehung: Hanna ist ein Sprachrohr Gottes gegenüber dem Volk. Sie mahnt im Namen Gottes, prangert Missstände an und verkündet Gottes Wort. Auch wenn keine wörtliche Rede von Hanna in der Bibel überliefert ist, redet und verkündet sie: Wie Simeon „pries [Hanna] Gott“ (Lk 2,38), schreibt Lukas in seinem Evangelium – ja mehr noch: Hanna „sprach über das Kind [= Jesus Christus] zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten“ (Lk 2,38). Hanna ist somit Katechetin, Missionarin und Glaubensvermittlerin – im Tempel, öffentlich und für alle. Hatten bisher im Lukasevangelium der/die Engel an Einzelpersonen oder Randgruppen verkündet (vgl. Lk 1,26-38 und Lk 2,9-14) und Simeon seinen Lobpreis Gottes im „kleinen Kreis“ vor Maria und Josef ausgesprochen, verkündet die Prophetin Hanna allen, die auf bessere Zeiten warten, Gottes Wirken in Jesus Christus: ER ist der Erlöser. Hanna hat damit als Frau und Gotteskünderin in ihrer Glaubensgemeinschaft und für die Menschen der damaligen Zeit Wichtiges zu sagen – ein hoffnungsvoller Lichtblick für die katholische Kirche und Frauen in unserer Kirche heute. AMEN.

Vertiefende Liedlinks:
– Volk Gottes, zünde Lichter an: https://www.youtube.com/watch?v=ip5dj4YUoa4
– Morgenstern der finstern Nacht: https://www.youtube.com/watch?v=i-HbXBvuBSQ

PREDIGT 4. So im JK (B)

Dtn 18,15-20 + Mk 1,21-28

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, liebe Jugendliche!
Letzte Woche, am 3. Sonntag im Jahreskreis, wurde in der katholischen Christenheit der „Sonntag des Wortes Gottes“ begangen – Papst Franziskus hatte diesen Gedenktag 2019 ins Leben gerufen. Weltweit wurde dieser Sonntag begangen – nur ein Land hat sich widersetzt: Deutschland.
„Typisch“, könnten wir sagen. Ja, die deutschen Bischöfe haben bewusst gehandelt: Sie sind aber nicht gegen das Wort Gottes, sondern wollen diesem mehr Bedeutung geben – gerade im Land der Reformation. Sie haben den „Sonntag des Wortes Gottes“ auf den heutigen Sonntag ver-schoben, damit er zusammen mit dem „ökumenischen Bibelsonntag“, den es in Deutschland seit 1982 gibt, gefeiert werden kann – ein wichtiges Zeichen der Ökumene: gemeinsam stellen wir das Wort Gottes in die Mitte – gemeinsam stellen wir uns dem Anspruch des Wortes Gottes.
Das „Wort Gottes“ prägt unsere Gottesdienste, prägt unsere Gemeinde, prägt die Glaubensgemeinschaft – und das nicht erst heute. Dtn 18,15-20 ist ein kurzer Abschnitt aus dem fünften und letzten Buch Mose, dem Buch Deuteronomium. In diesem Buch blickt Mose, der Vermittler des Wortes Gottes, noch einmal zurück. Er erinnert an den Weg, der hinter den Israeliten liegt, u.a. an den Auszug aus Ägypten, die Wüstenwanderung und andere Etappen. Gott ist diesen Weg mit seinem Volk gegangen – ein Weg mit Höhen und Tiefen – ein Weg mit Mut machenden und ermahnenden Worten Gottes, die Mose als Sprachrohr Gottes den Menschen vermittelte und verständlich machte: Gottes Wort im Menschenwort.
Dieser Rückblick des Mose auf das Gewesene ist notwendig: Er zeigt die Spuren Gottes, sein Führung und sein Weggeleit – und v.a. die Orientie-rung, die das Wort Gottes gab und eben auch gegeben hätte, wenn sich das Volk Gottes diesem Wort Gottes nicht bisweilen verschlossen hätte. An der Schwelle zum gelobten Land, kurz bevor Mose sterben wird, steht dieses Innehalten und Zurückblicken. Der Rückblick des Mose ist somit eine Art Testament und damit auf die Zukunft des Volkes ausgerichtet: Haltet Euch in Zukunft an das Wort Gottes und vertraut den Vermittlern des Wortes Gottes. Zudem kündet Mose einen Nachfolger, einen Propheten, als Künder und Vermittler des Wortes Gottes an (vgl. Dtn 18,15-18). Unter der Führung und Wegweisung des Wortes Gottes soll das Volk Gottes ins gelobte Land einziehen. In die Gottesrede des Mose eingeschlossen ist die Warnung vor „falschen Propheten“ (vgl. Dtn 18,19-20), die Eigeninteressen als vermeintli-ches Wort Gottes ausgeben und damit letztlich in die Irre führen.
Die Worte des Mose gelten heute uns: Sie sind die Einladung sich dem Wort Gottes zu stellen, es zu hören und v.a. zuzuhören und darüber nachzu-denken, was andere dazu prophetisch zu sagen haben: Propheten sind wir alle, auch Du und ich, denn in der Taufe wurden wir für diesen propheti-schen Dienst gesalbt! Wir können in der Bibel lesen und das Wort Gottes meditieren, um im Blick auf das eigenen Leben die Spuren Gottes zu entde-cken und um Wegweisung und Ermutigung für die Zukunft zu schöpfen. Das Wort Gottes „kann“ noch mehr – es wirkt und bewirkt etwas: Jesus Christus ist anders als die Schriftgelehrten, ist anders als wir, die wir uns mit dem Wort Gottes auseinandersetzen. Jesus Christus ist das Mensch gewordene Wort Gottes. Im Licht der alttestamentlichen Lesung ist er der Prophet: Als Sohn Gottes ist er nicht nur Vermittler des Wortes Gottes, sondern er ist selbst die Mitte des Wortes des lebendigen Gottes.
Jesus Christus wirkt als lebendiges Wort Gottes; ER bewirkt Lebendigkeit und befreit zum Leben. Auch wenn die Dämonenaustreibung im Markusevangelium (Mk 1,21-28) für uns heute befremdlich klingt und wir sie wissenschaftlich anders einordnen würden, zeigt sie doch die Wirk-mächtigkeit des Wortes Gottes: Gottes Wort berührt und fordert heraus, ja es befreit zum Leben. Die Macht des Wortes Gottes unterdrückt nicht, sondern das Wort Gottes macht die Macht der Unterdrücker zunichte, die Besitz über das menschliche Leben ergreifen und es bedrängen.
Ich blicke auf mein Leben, darauf, wovon ich „besessen“ bin: Es gibt vieles, was mein Leben, meine Lebenszeit und –kraft in Besitz nimmt. Manches davon ist zumindest fragwürdig, ob es wirklich zu mehr Leben und Lebensqualität führt. Darüber lohnt es sich nachzudenken. Und auch darüber, wie Dinge, Aufgaben und Personen von mir Besitz ergreifen: Bleibt mir noch Luft zum Atmen? Was macht mein Leben lebenswert?
Leben – dazu ermutigt mich das Wort des lebendigen Gottes. Leben – dazu will mich Jesus Christus befreien. Leben – Ja! AMEN.

Hier noch zwei vertiefende Lied-Links:
– Mein ganzes Herz: https://www.youtube.com/watch?v=4WEhj43A17o
– Gottes Wort ist wie Licht: gottes wort ist wie licht in der nacht kanon

 

PREDIGT 2. So im JK (B)

1 Sam 3,3b-10.19 + Joh 1,35-42

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, liebe Jugendliche!
„Was sucht ihr?“ (Joh 1,38) – diese Frage Jesu aus dem heutigen Evangelium geht auch an uns: „Was sucht Ihr? Was ist Eure Sehnsucht?“
Wir wollen, dass endlich wieder ein „normales“ Leben möglich ist, ohne Corona – oder dass wir mit Corona einigermaßen gut leben können. Wir wollen uns wieder „normal“ treffen können ohne Alltagsmaske und ohne Besuchsbeschränkungen. Hoffentlich ist alles bald vorbei – solche Antworten höre ich bei vielen Telefonaten in diesen Tagen. Allen geht es um gelebte und gelingende Beziehungen, um gelingendes Leben: den Singles und Witwe(r)n fehlt oft ein Gegenüber – „ich habe niemanden, der wirklich da ist“; den Schülerinnen und Schülern (und auch Lehrern) fehlt der direkte Kontakt – „ich hatte schon am ersten Tag homeschooling nach den Ferien ‚die Schnauze voll‘“; sie stehen vor einer ungewissen Zukunft – „was ist mein Schulabschluss in diesem Jahr schon wert“; Alleinerziehende, Familien und kleine Betriebe kämpfen um ein Durch- und Auskommen im Alltag – „wie sollen wir das (finanziell) nur schaffen“; alte Menschen, die nicht mehr raus kommen, fühlen sich einsam. Viele Menschen unterschiedlichen Alters können nicht mehr; sie sind am Ende ihrer Kräfte, niedergeschlagen, manche auch des Lebens müde. Viele haben das verordnete social distancing satt – gerade im lockdown geht es doch darum, die Sozialkontakte aufrecht und lebendig zu erhalten. Unsere Zeit braucht daher ein physical distancing – eine Einschränkung (und nicht eine Dauerunterbrechung!) der face-to-face-Kontakte, der Direktbegegnungen, um die Übertragung von Corona stark einzuschränken – bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der mitmenschlichen Nähe, des einander nahe Seins und Mitfühlens, des geteilten Lebens.
Die beiden Männer die Jesus folgen, suchen seine Nähe – eine für sie le-benswichtige Einzelbegegnung, kein Massenansturm. Jesus weist sie nicht ab, sondern fragt bewusst offen: „Was sucht ihr?“ (Joh 1,38). Sie wollen sehen, wo und wie Jesus lebt; sein Lebensumfeld wollen sie kennenlernen; wollen sehen was ihm wichtig ist, mit ihm reden, bei ihm sein – vorerst (noch nicht) dauerhaft, sondern für ein paar Stunden. Ein wichtiger Kon-takt von Mensch zu Mensch, der entscheidend ist für ihr weiteres Leben und der alles verändert: „Wir haben den Messias gefunden“ (Joh 1,41).
Suchen, was mein Leben lebenswert macht, und sich dafür ganz bewusst auf den Weg machen und sich Zeit dafür nehmen, können wir von den beiden Männern lernen. Diese Nachfolge Jesu und auch unser Weg mit Je-sus braucht immer wieder die direkte Begegnung mit IHM, um dann im Alltag – „in der Distanz“ – in der Christus-Beziehung zu leben.
Einen zweiten Aspekt der derzeit so wichtigen sozialen Beziehung und Offenheit füreinander zeigt die Lesung auf: Der mehrmals aus dem Schlaf gerissene Eli reagiert nicht verärgert, als Samuel in erneut aufweckt. Eli lässt sich stören und reagiert nicht abweisend. Er erträgt geduldig die Un-terbrechung seines Schlafes und nimmt sich Zeit für seinen Schüler Sa-muel. Allmählich erkennt Eli, dass Gott den Samuel angesprochen hat und rät Samuel, wie er sich beim „Anruf Gottes“ verhalten soll.
Von Eli und Samuel kann ich lernen, wachsam zu sein für die Zeichen und Stimmen der Zeit – Störungen oder Anrufe von Mitmenschen nicht lästig abzuwimmeln, sondern mir Zeit für ihre Anliegen nehmen – im (mit-)geteilten Leben Tieferes und vielleicht sogar die „die Spuren Gottes“ entdecken. Dabei kann mir auch die Kommunikation zwischen den Generationen helfen – Samuel hätte ohne Elis Rat, aus dem seine eigene Gotteserfahrung und Lebensweisheit spricht, nie die ihn beim Namen rufende Stimme einordnen und sich dem Ruf Gottes und der Berufung durch Gott stellen können: „Rede, denn dein Diener hört“ (1 Sam 3,10).
Es geht in dieser Corona-Zeit nicht nur ums Deuten der Zeichen und Stimmen der Zeit, sondern vor allem ums Zeigen dessen, was trägt, und lebensdienlich ist: Johannes weist zwei seiner Jünger auf Jesus hin – er hält sich nicht selbst für „den Besten“ und bindet die Jünger nicht krampfhaft und klammernd an sich – er kann sie guten Gewissens gehen lassen – zu und mit Jesus. Und auch Andreas und der namenlose Zweite, die in Jesus den Messias entdeckt und erkannt haben, behalten diesen Wissen nicht egoistisch für sich – sie teilen es mit Petrus und führen ihn zu Jesus.
Das Positive, das mich trägt im (Glaubens-)Leben, das mit Halt gibt, mich stützt und mir Lebendigkeit schenkt, das mich in dieser schweren Corona-Zeit (durch)trägt, das mir hilft zu leben und zu glauben und mir Hoffnung und Lebensmut schenkt, darauf soll ich meine Mitmenschen hinwiesen und es ihnen zeigen – das ist meine Berufung als Christin und als Christ: Dem Leben auf der Spur – das Leben finden – das Leben leben und es mit anderen teilen, dazu bin ich, dazu sind wir berufen. AMEN.

Hier noch zwei vertiefende Liedlinks:
– Suchen und fragen: https://www.lieder-vom-glauben.de/wo-wir-dich-loben-wachsen-neue-lieder-nr-82/
– Herr, du bist mein Leben: https://www.youtube.com/watch?v=X5eUNQWqAQk

PREDIGT Fest Taufe des Herrn (B)

Jes 42,5a.1-4.6-7 + Mk 1,7-11

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, liebe Jugendliche!
In den vergangenen Tagen habe ich mehrmals einen Kirchenraum besucht, der mich nicht nur angesprochen, sondern mich „umarmt“ hat. Der Raum hatte stark gedimmtes Licht – das Licht kam woanders her: Um das auf Stroh gebettete Kind waren Kerzen aufgestellt; sie verbreiteten ein warmes, angenehmes, ja einladendes Licht. Diese Kerzen griffen dabei die Geste der ausgebreiteten Arme des Kindes in der Krippe auf – der Arme des Kindes, die sich mir entgegenstreckten, die Beziehung und Annahme suchten. Wie große leuchtende Arme griffen die Kerzen in den Raum; sie umfingen, ja sie „umarmten“ jeden Besucher und Beter mit Licht. Die ausgebreiteten Licht-Arme sagten ohne Worte: Willkommen! Schön, dass du da bist! Komm zu mir und bleib hier und lass dich umarmen mit Licht, mit Wärme mit Liebe! Eine wohltuende Botschaft, die das Kind in der Krippe, die der Mensch gewordene Gott mir zuspricht.
Ich habe dich gern! Zu mir kannst Du kommen auch mit Sorgen und Fra-gen, auch mit all dem was dich traurig und dein Leben dunkel und dir Angst macht! Lass dich umarmen mit Licht, mit Wärme mit Liebe! Ich stehe hinter dir und stehe für dich ein. Eine Botschaft, die uns allen gut tut – und die wahr ist, weil wir wissen, dass Gott in Jesus Christus auf unserer Seite steht, nicht nur als Kind in der Krippe, sondern auch als Erwachsener.
Wir Menschen brauchen dieses Angenommensein, diese mitmenschliche Wärme, diese Geborgenheit, dieses zweckfreie Wohlwollen – gerade im grauen Winter, wo die Sonne oft tagelang nicht hinter dem trüben Wolken-schleier hervortritt, gerade jetzt im verschärften lockdown, der vielen an die Substanz geht und mental viel abverlangt, sind Kerzen und wärmendes Licht, ein „offener Himmel“ mit seinen umarmenden Sonnenstrahlen, of-fenherzige Menschen und wohltuende Worte – gelesen oder noch besser zugesagt – und eine Atmosphäre, die trotz Abstand Nähe spüren lässt, wichtig und notwendig. Sie geben Kraft und Zuversicht in der aktuellen Si-tuation und machen Mut auch für Wege und Zeiten, die vor einem liegen.
Jesus begegnet uns heute am Ende der Weihnachtszeit als Erwachsener – er ist nicht mehr das kleine Kind in der Krippe; er ist groß geworden und steht vor einer neuen Aufgabe: in aller Öffentlichkeit soll er Gott bezeugen. Nie-mand wird ihm glauben, warum auch – er gilt als Sohn des Zimmermanns, er war kein Schrift- und Gesetzeslehrer; er war ein einfacher junger Mann. Johannes, der bekannte Rufer in der Wüste, weißt auf Jesus hin: „der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken und ihm die Riemen der Sandalen zu lösen. Ich habe euch mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen“ (Mk 1,7). Johannes weist von sich weg und auf Jesus hin – und baut so eine Erwartungshaltung und einen Druck auf: Er wird euch eine andere Kraft geben, die Kraft aus der Höhe, Heiligen Geist. Nach menschlichem Ermessen ist das eine Überforderung und eine Über-lastung für jeden, auf dem sie lastet. Jesus läuft nicht weg, sondern zu Johannes hin, der auf ihn hingewiesen hat. Er lässt sich von ihm taufen – mit Wasser; mehr hat Johannes nicht zu geben – und Gott gibt das seine hinzu: Er öffnet den Himmel für das seine – Heiligen Geist – den Jesus an die Menschen weitergeben wird. Und Gott macht klar, wer dieser Jesus ist: „Du bist mein geliebter Sohn, (Mk 1,11) und damit Sohn Gottes. Du bist der, auf den Johannes hingewiesen hat. „An dir habe ich Wohlgefallen gefunden“ (Mk 1,11) – ich habe dich gern, du bist ja mein Sohn. Ich bin bei dir. Ich stehe hinter dir und dir bei – bei allem, was vor dir liegt.
Ein offener Himmel, ein Lichtblick, die Umhüllung mit Heiligem Geist, die Umarmung durch Gottes wohlwollenden Zuspruch und Annahme als Sohn – das gibt Kraft und Mut, für den Weg, den Jesus bis an Kreuz und durch das Kreuz zu neuem Leben führen wird. Dieser offene Himmel, der Lichtblick, die Umhüllung mit Heiligem Geist, die Umarmung durch Got-tes wohlwollenden Zuspruch und Annahme als geliebte Tochter und als geliebter Sohn ist uns allen bei unserer Taufe geschenkt – Kraft und Mut für unser Leben als Christinnen und Christen im Zeichen des Kreuzes.
Wenn wir aus dieser Kraft leben und unser Leben aus der Taufgnade ge-stalten, ist es gut für uns und wertvoll für andere Menschen. Wir vertrauen auf und leben aus dem Heiligen Geist, der nicht zerstört, sondern aufrich-tet, der umarmt und schützt, der Lebensmut und neue Lebensperspektiven schenkt (vgl. Jes 42,3.6-7). Der uns in der Taufe geschenkte Heilige Geist ist Gottes Zusage, dass er uns liebt und immer er an unserer Seite ist. AMEN

 

Zum Ende der Weihnachtszeit schließt sich nämlich ein theologischer Bogen vom
adventlichen „O Heiland, reiß den Himmel auf“: https://www.youtube.com/watch?v=8AWhXZgjWg8
hin zum offenen Himmel bei der Taufe Jesu: „Lobt Gott, ihr Christen“: https://www.youtube.com/watch?v=x6kZFblDDVU
sowie zum Himmel, der uns bei unserer Taufe und für immer offen steht: https://www.youtube.com/watch?v=6o4CU2UkNFM

PREDIGT Erscheinung des Herrn (B)

Jes 60,1-6 + Mt 2,1-12

Liebe Schwestern und Brüder, (liebe Königinnen und Könige)!

Da stimmt was nicht an unsere Krippe: das Kind in der Krippe, Maria und Josef, der Engel, die Hirten mit den Schafen und die Könige mit den Pack-tieren – viel zu viele Personen auf engstem Raum – nicht nur in Corona-Zeiten; es bräuchte Beschränkungen, jeweils eine Gruppe bzw. ein Haus-halt, der mit dem gebotenen Abstand zur Familie zu Besuch kommt.
Das Zuviel an Personen kommt durch die Vermischung der unterschied-lichen Erzählungen rund um die Geburt Jesu in den Evangelien: die Ge-burtserzählung von Lukas mit dem Stall von Bethlehem, den Engeln bei den Hirten, die dann in der Nacht zur Krippe geeilt sind: Rettung und Hoffnung für die Armen auf ein besseres Leben ist ein Schwerpunktthema bei Lukas; Matthäus dagegen schreibt ganz anders – nicht von einem Stall ist die Rede und von Hirten und Engeln schon gar nicht, sondern von einem Haus, zu dem ein Stern die Sternkundigen leitet: Weise Menschen „aus dem Osten“ kommen zum neugeborenen Kind; es geht um königliche Macht und um Weisheit. Beides ist nicht im Königspalast in Jerusalem zu finden – hier herrscht Herodes, der mit aller Gewalt und List seine Macht erhalten will und sie damit letztlich missbraucht. In der Ohnmacht des Neugeborenen zeigt sich dagegen für die „Weisen aus dem Morgenland“ Gottes Allmacht, sein Königtum und seine Weisheit.
Wir stellen in die Krippe die verschiedenen Figuren der biblischen Er-zählungen, die eine jeweils andere theologische Bedeutung haben, die sagen, WER dieser Jesus Christus für sie ist. Mein Patenkind hat einmal einen Spielzeugaffen in die Krippe gestellt – eine Figur aus ihrer kindli-chen Lebenswelt stand somit in der Krippe. Ich gehöre zu Jesus – und er gehört zu mir – ich teile mein Spielzeug mit dem Kind in der Krippe.
Der/die Engel und der Stern sind Figuren und Zeichen des Himmels, sind Boten und Werkzeuge Gottes. Sie ermutigen Menschen zum Aufbruch, zur Suche nach dem Retter, dem neuen König, dem Mensch gewordenen Gott.
Die Krippenfiguren haben sich im Lauf der Zeit verändert:
+ Aus den Sterndeutern wurden durch theologische Deutung im 2./3. Jh. n. Chr. Könige. Wegen der genannten, wertvollen Gaben, Gold Weihrauch und Myrrhe (vgl. Mt 2,11) hat man die Dreizahl der Könige angenommen – wie viele es genau waren, weiß niemand.
+ Diese Könige wurden ganz unterschiedlich dargestellt: ab dem 12. Jh. auch als die drei Lebensalter: einer als Jüngling, einer als Mann und einer als Greis. Jeder, egal welchen Alters, ist eingeladen zu Jesus zu kommen – auch Frauen, die damals noch nicht so im Blick waren. Daher sind bei modernen Krippen auch Königinnen dabei – wie auch bei den Sternsingern, die heuer nicht von Haus zu Haus ziehen können.
+ Die Könige wurden teilweise mit unterschiedlichen Hautfarben dar-gestellt. Entgegen der biblischen Erzählung repräsentierten sie nicht ein bestimmtes Land (vgl. Mt 2,12), sondern verschiedene Erdteile – die Völker der Erde kommen zum Mensch gewordenen Gott.
+ Auch die Sternsinger sollen sich verändern: Keiner soll mehr „der Schwarze“ sein; die sogenannte blackfacing-Debatte kocht immer wieder rund um den Dreikönigstag hoch. Zum Hintergrund: Im 18./19. Jh. haben sich Weise die Haut schwarz gefärbt, um andere Nationalitäten nachzuahmen, sie nicht nur dumm aussehen, sondern auch dumm daherreden zu lassen, sie abzustempeln als Menschen zweiter Klasse – das war und ist Rassismus pur. Der „zwarte Piet“, der Gehilfe des Nikolaus in den Niederlanden, wird daher teils sehr kritisch gesehen.
+ Der „schwarze König“ als Krippenfigur oder Sternsinger hat rein gar nichts mit Lustigmachen oder Rassismus zu tun; der „Schwarze“ ist nicht Sklave oder dummer Lastenträger, sondern hat die gleiche Würde wie alle anderen Könige – Zeichen der Wertschätzung, der Inklusion und Offenheit für alle Menschen, alle Nationalitäten und Kulturen.
+ Das „im Schrank lassen“ oder „Wegnehmen“ des „schwarzen Königs“ – wie einige auch kirchliche Gruppen es fordern – wäre fatal: Rassismus und Nationalismus – dann kämen nur „europäisch“ oder „arisch“ aussehende Könige zu Jesus; alle anderen Nationalitäten wären ausgeschlossen und (willentlich!) ausgegrenzt – wenn wir so handeln würden, wären wir wirklich rassistisch, diskriminierend und dumm.
+ Die Krippenfiguren verschiedener Hautfarbe stehen für die Vielfalt der Nationalitäten: alle sind eingeladen, zu Jesus Christus zu kommen – ohne Zwang; aber auch ohne irgendjemanden auszuschließen! Dafür ist Jesus Christus zur Welt gekommen: für alle Menschen!
+ Das heutige Hochfest, das im Volksmund „Dreikönig“ heißt, trägt den Namen „Erscheinung des Herrn“. Hoffentlich geht uns ein Licht auf, worauf es wirklich ankommt, wenn wir dieses Fest feiern: Jesus Chris-tus ist geboren; er ist das Licht, das nicht exklusiv einem Volk, sondern allen Völkern und allen Menschen leuchtet (vgl. Tagesgebet). AMEN

Hier noch vertiefende Liedlinks:
– Ein Kind geborn zu Bethlehem (GL 767): https://www.youtube.com/watch?v=5kNdgh_1tAo
– Stern über Bethlehem (GL 261): https://www.youtube.com/watch?v=bqmeI6q0Z3U
– Gottes Stern leuchte uns (GL 259)

Ihnen allen und Ihrem Haus(stand) Gottes Segen – werden Sie zum Segen!
20 * C + M +B + 21

 

PREDIGT 2. So n. Weihnachten (B)

Eph 1,3-6.15-18 + Joh 1-18

Liebe Schwestern und Brüder!
Die weihnachtliche Festzeit ist von Lieder geprägt, von Liedern, die von Herzen kommen und zu Herzen gehen, von Liedern, die zum Mitsingen einladen: „Nun freut euch, ihr Christen, singet Jubellieder“ (GL 241) – „In dulci jubilo, nun singet und seid froh“ (GL 253) – „Auf, Christen, singt festliche Lieder“ (GL 765) – „Singen wir mit Fröhlichkeit“ (GL 770). Diese Lieder gehören zu Weihnachten dazu. Aufgrund der aktuellen Beschränkungen können wir sie nicht gemeinsam singen – vielen fällt das schwer; das sehe ich immer wieder in den Gesichtern während der Gottesdienste. Gott sei Dank dürfen die Weihnachtslieder von Einzelpersonen gesungen werden – und wir können sie hören und uns Melodie und Text zu Herzen gehen lassen. In den Liedern klingt das Weihnachtsgeheimnis ganz zart in unseren Herzen an und eine leise innere Fröhlichkeit und Freude durch-tönt uns. Innerlich können wir die Lieder von Herzen mitsummen – das ist ja erlaubt und nicht verboten. Wir sind dann keine passiven Zuhörer mehr, sondern summend aktiv mit dabei und geben der Weihnachtsfreude und unserem Glauben Ausdruck – in einer Form, die möglich ist.
Auch in den heutigen biblischen Texten klingen Lieder an und wirken nach: zwei Hymnen auf Jesus Christus, die besingen, wer Jesus Christus ist:1 ER ist das Wort. Dieses Wort war verborgen in Gott. Ja, das Wort war Gott – es war der verborgene Gott. Da ist zunächst Stille – diese Stille ist nötig, damit das Wort wirken kann und nicht überhört wird. Gott behält sein Wort aber nicht für sich: Er teilt sich mich und spricht es aus – das Wort Gottes kommt in die Welt und wirkt in der Welt: „Es werde“ – das göttliche Wort bewirkt Licht und Leben von Anfang an (vgl. Gen 1,1-2,3). An diesen Anfang der Geschichte Gottes mit den Menschen erinnert das Johannesevangelium: „Im Anfang war das Wort“ (Joh 1,1). Das von Gott ausgesprochene Wort, sein in die Welt gesandtes Licht, wirkt und bewirkt eine Antwort: Viele Menschen lehnen es ab – einige nehmen es auf. Der Evangelist Johannes schreibt sehr allgemein: „Allen, die [das Wort, die Jesus Christus,] aufnahmen, gab [Gott] Macht Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben…“ (Joh 1,12). Andere Evangelisten sind dagegen ganz konkret und nennen Maria als diejenige, die von Gott angesprochen wird: Maria nimmt dieses Wort Gottes an – wenn sie auch anfangs Fragen und Zweifel hat, wie und was das Wort Gottes bewirken kann. Maria nimmt das Wort Gottes in sich auf und sie nimmt es sich zu Herzen. Das Wort Gottes geht ihr in Fleisch und Blut über und wird durch das Wirken des Heiligen Geistes Mensch in Maria. Maria besingt dieses Wunder der Menschwerdung Gottes im Evangelium nach Lukas in ihrem Lobpreis, im Magnificat. Maria besingt darin, wie Gott an ihr gewirkt hat und wie Gott in der Welt wirkt und was er bewirken will (vgl. Lk 1,46-55). Das in Maria Mensch gewordene Wort bekommt so eine Stimme und eine Klang, noch bevor Jesus Christus von Maria geboren wird. Er, das Fleisch gewordene Wort Gottes, Jesus Christus, setzt dann dieses Wort Gottes in die Tat um – „und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14). In Jesus Christus ist Gott(es Wort) sichtbar und hörbar: Er, der „am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1,18). Er hat den Herzschlag Gottes gehört, das Leben erlauscht, diesen Klang in sich aufgenommen und weitergesagt. Jesus Christus spricht aus, was in Gottes Herzen ist: „Ich liebe dich, du Welt und du Mensch“ (Karl Rahner).
Das Johannesevangelium nennt Maria nicht explizit und nicht exklusiv: Wir alle können das Wort Gottes in uns aufnehmen. Das Wort Gottes kann in uns wachsen und in uns Mensch werden: „allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht Kinder Gottes zu werden“ (Joh 1,12) – und zu verstehen, „zu welcher Hoffnung wir durch [Jesus Christus] berufen [sind… und] welchen Reichtum [… er uns] schenkt“ (Eph 1,18). Wie Maria dürfen wir guter Hoffnung sein und das Leben mit Gott wagen. Durch unsere Antwort im Leben und im Glauben und durch unser Leben sollen wir Hoffnungsträger und Boten des Lichtes sein und werden – keine Bedenkenträger und keine düstere Gestalten. Darum geht es: „Nehmt die Melodie Gottes in euch auf!“ (Ignatius von Antiochien), die Melodie der Liebe, die Gott uns in Jesus Christus schenkt, – und geben wir diese Liebe weiter, in Wort und Tat. AMEN.


1 Die Leseordnung Eph 1,3-6.15-18 verkürzt leider das großartige Christuslied Eph 1,3-14.

PREDIGT Fest der Hl. Familie (B)

Gen 15,1-6; 21,1-3 + Lk 2,22-40

Liebe Frauen, Männer, liebe Kinder und Jugendliche!

„Der Stern des Glückes zeigt sich dort, wo wir uns einsetzten für das, was wirklich zählt…“, stand auf der Weihnachtskarte, die ich von meinem Bruder und seiner Familie bekommen habe, und die dem Weihnachtspaket beigelegt war: „Der Stern des Glückes zeigt sich dort, wo wir uns einsetzten für das, was wirklich zählt…“ – auf der Karte war auch ein Foto von der Familie meines Bruders abgedruckt. „Der Stern des Glückes zeigt sich dort, wo wir uns einsetzten für das, was wirklich zählt…“, ein Satz, über den ich in den vergangenen Tagen viel nachgedacht habe. Was zählt in meinem Leben – was ist lebenswichtig? Wofür setze ich mich ein? Wo zeigt sich der Stern des Glückes für mich?
Um die Sterne zu sehen, muss man den Kopf heben und in den Himmel schauen. Sie leuchten auch dann, wenn die Lichter in den Wohnungen und Fenstern längst verloschen sind. Ein nächtlicher Gang auf die Terrasse oder den Balkon – wir haben ja Ausgangssperre! – kann so zu einer Sternstunde werden: in einer sternenklaren Nacht strahlen in der Dunkelheit die Sterne – nicht nur einer, sondern viele… Es lohnt sich in diesen Tagen über Sternstunden und Lichtblicke im Leben nachzudenken, über das was wirklich zählt, darüber, was wirklich glücklich macht.
Blicken wir auf Abram1 und Sara und Sternstunden in ihrem Leben: Im Vertrauen auf Gott wagten sie den Aufbruch in eine unbekannte Zukunft – ausgestattet nur mit Gottes Segen. Gott hatte ihnen eine neue Heimat und Nachkommen versprochen (vgl. Gen 12,1-9).
In diesem Gottvertrauen waren Abram und Sara aufgebrochen. Eine neue Heimat hatten sie mit Gottes Hilfe gefunden – Kinder hatten sie keine. Ab-ram hadert mit Gott, denn er und Sara sind alt und Kinder nicht mehr zu erwarten: „Herr, was willst du mir schon geben?“ (Gen 15,2). Gott fordert Abram [und auch Sara] auf, den Kopf nicht hängen zu lassen: „Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. […] So zahlreich werden deine Nachkommen sein“ (Gen 15,5). Diese Antwort Gottes ist eine Zumutung – nach menschlichem Ermessen eine Unmöglichkeit. Für Abram und Sara ist diese zugemutete Nacht eine Sternstunde – sie spüren Gott lässt sie nicht allein: Es ist eine Sternstunde das Glaubens und Vertrau-ens. Unzählbar sind die Sterne, die Gott für sie aufgehen lässt – auch wenn sie sich nur nach einem sehen, ein eigens Kind. Wie dieses Wunder geschieht, darüber schweigt die Bibel: Es ist und bleibt Geheimnis Gottes. Der Sohn, den Sara und Abram bekommen, nennen sie „Isaak“, was „Gott lacht bzw. lächelt“ bedeutet. Ihre Namenswahl verdeutlicht, dass Gott ihnen in Isaak entgegenlächelt. Isaak ein menschlicher Stern, der ihnen Lichtblick ist, denn Gott setzt mit Isaak einen Anfang für ein großes Volk. Abram wird daher von Gott Abraham, Vater der Menge, genannt (vgl. Gen 17,5).

„Der Stern des Glückes zeigt sich dort, wo wir uns einsetzten für das, was wirklich zählt…“ Jahrhunderte später warten eine Frau und ein Mann, der greise Simeon und die Prophetin Hanna, auf die Sternstunde in ihrem Le-ben. Sie warten, sie warten und warten – und werden alt und grau darüber. Simeon und Hanna warten auf den Messias, den Christus. Ob sie ihn ver-passt haben? Ob er noch kommt? Ob sich das Warten noch lohnt?
Im Kind, in Jesus, den Maria und Josef in den Tempel bringen, erkennen Simeon und Hanna, den Christus – die Sternstunde ihres Lebens und für alle Menschen: Jesus Christus, Heil für die Völker – Licht für die Heiden und Herrlichkeit für Israel (vgl. Lk 2,30-32) – Jesus Christus ist für alle Menschen da. Simeon und Hanna sind glücklich – ihr Warten hat sich gelohnt; die für sie und ihr Leben entscheidende Sternstunde ist mit der Begegnung mit Jesus Christus da; Simeon kann jetzt – wie er sagt – „in Frieden“ und zufrieden sterben (Lk 2,29). „Der Stern des Glückes zeigt sich dort, wo wir uns einsetzten für das, was wirklich zählt…“
Abraham und Sara, Simeon und Hanna – egal ob eigene Kinder oder nicht – egal, ob als Familie, ob als Kind, Jugendlicher, Vater oder Mutter, ob als Witwe oder Witwer, ob als Alleinerziehende oder Single, ob als Priester oder Ordensfrau: „Der Stern des Glückes zeigt sich dort, wo wir uns ein-setzten für das, was wirklich zählt…“. Ich kann für mich sagen, dass in diesen Tagen für mich v.a. Beziehungen wichtig sind: die Beziehung zu Gott im Gebet und Gottesdienst, die Beziehung zu meiner Familie – trotz Abstand – und die Beziehung zu Freunden und Menschen, die ich in nor-malen Zeiten gerne real, von Mensch zu Mensch, und nicht nur virtuell, via Telefon oder Internet besucht hätte und deren Nähe ich vermisse. „Der Stern des Glückes zeigt sich dort, wo wir uns einsetzten für das, was wirk-lich zählt…“ – diese außergewöhnliche Zeit lässt uns spüren, was wirklich zählt und welches die Sternstunden unseres Lebens sind. AMEN.

1 Abram heißt in Gen 11,26-17,4 wirklich so. Er erfährt in Gen 17,5 eine Namensänderung in Abraham, Vater der Menge – es hat mir der in dieser Predigt thematisierten Sternstunde zu tun.

PREDIGT CHRISTMETTE HIRTENAMT (B)

Jes 9,1-6 + Lesung d. Hl. Nacht/Morgen + Lk 2,1-20

„Ein Kind wurde uns geboren, ein Sohn wurde uns geschenkt“ (Jes 9,5) – die Lesung aus dem Buch Jesaja wurde und wird auf des Weihnachtsgeheimnis gedeutet; die Lesung ist der ältere Text und wird ja auch vor dem Evangelium gelesen: das neugeborene Kind, Jesus Christus, als Erfüllung der Prophetie des Jesaja. Weihnachten bewegt – und setzt in Bewegung: Ich kann die Lesung aus dem Buch Jesaja auch im Licht des Weihnachtsevan-gelium lesen; sie bekommt dann Aktualität für uns. Denn die Geburt des Kindes ist nicht Zielpunkt, sondern Anfang neuen Lebens und der „Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll“ (Lk 2,10) – auch uns allen heute und nicht nur den wenigen Hirten damals – ein bewegendes Hoffnungszeichen, das Weihnachten in unsere Zeit und in unsere Welt von heute setzt.
Weihnachten bewegt – Hoffnung auf ein besseres Leben auch in unseren Tagen. Der erste Vers der Jesaja-Lesung klingt wie hineingesprochen in unsere Zeit: „Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlte ein Licht auf“ (Jes 9,1). Lichtblickt in diesen Tagen von Ansteckung und Angst vor dem Virus, von überfüllten Covid19-Stationen und steigenden Zahlen von Corona-Toten ist die Impfung, die nach Weihnachten beginnt – Hoffnung auf Leben, nicht ohne Corona, sondern auf Leben trotz des Virus. Für viele gibt gerade auch der christliche Glaube Hoffnung und Ermutigung in diesen Tagen: Jesus Christus wird in eine unheile Welt hineingeboren, in Armut, in Ängste, in Verzweiflung – dort ist Jesus Christus auch heute, er ist in der Lebenswelt jedes Menschen, wenn auch oft unerkannt; „Steht auch mir zur Seite, still und unerkannt“, heißt es in einem Weihnachtslied. Danke allen, die in diesen Tagen wie Jesus Christus Hoffnungslicht für andere sind – für die Sterbenden, für die Kranken, für die Einsamen, für die Gestressten und Ausgenutzten, für Menschen in Angst und Sorge.
Weihnachten bewegt – will Mut machen und in Bewegung setzen. Vieles in unserer Welt scheint starr, unbeweglich, ja unabänderlich: Unrechtsstruktu-ren, Missbrauch von Macht, Krieg und Terror, unter denen viele Menschen leiden. Die Worte des Jesaja im Licht von Weihnachten gelesen wollen genau da etwas bewegen: Mit dem neugeborenen Kind ist ein mutiges Zei-chen der Gewaltlosigkeit gesetzt: Der Schrei des Neugeborenen versetzt nicht in Angst und Schrecken, sondern bewirkt Zuneigung und Fröhlich-keit, ja Freude am Leben – an jedem Leben. Ein scheinbar ohnmächtiges Kind bewegt durch ein sanftes Lächeln die Herzen zum Frieden.
Weihnachten bewegt – Gott setzt ein mutiges Zeichen inmitten all unse-rer Angst: ein Neugeborenes als Hoffnungszeichen. Gott fängt ganz klein mit uns Menschen an. Von ihm können wir lernen und uns bewegen lassen, das Unsere zu tun im Umgang mit den Mitmenschen und ganz klein anzufangen mit Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung. Auf diesen alles bewegenden und bewirkenden Anfang kommt es an: auf das Dasein mitten in der Lebenswelt der Menschen: Mach’s wie Gott – werde Mensch.
AMEN.

PREDIGT 4. Advent (B)

2 Sam 7,1-5.8b-12.14a.16 + Lk 1,26-38

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!
Maria und der Engel – Begegnung – Gespräch – Entscheidung – all das steht im Raum – in alten Kirchen im wahrsten Sinn des Wortes: Maria und der Engel sind dort oft als Steinfiguren zu sehen – als einander zugewandte Figuren sind sie an Säulen angebracht. Häufig stehen Maria und der Engel an den Säulen am Übergang vom Kirchenschiff zum Chorraum an der Schwelle von profan und heilig, dem Berührpunkt von „Himmel“ und „Er-de“: Gott verlässt den „heiligen Himmel“ und begibt sich auf die „profane Erde“. Und auch das ist neu im Evangelium: Gott kommt zur Erde nicht wie in den antiken Göttererzählungen, um durch arglistige Täuschung oder Frauenraub ein Kind zu zeugen, sondern indem er einen Boten, einen En-gel, sendet. Dieser offenbart Maria Gottes Plan und lässt ihr die freie Ent-scheidung sich dazu zu verhalten; Gott handelt nicht übergriffig gegen Ma-rias Willen – das ist bei den Figuren in Stein gemeißelt. Maria und der Bote Gottes stehen einander mit Abstand gegenüber – es sind weit mehr als die derzeit gebotenen 1,5 Meter. Zwischen dem Engel und Maria ist viel Raum – Raum, der auf den ersten Blick als „großes Loch“ oder als „ängstliche Leerstelle“ spürbar wird; eine Weite, die nicht einengt, sondern die Maria und uns Raum und Freiheit zum Nachdenken lässt und den Blick weitet.
Haben Sie schon einmal einen Engel gesehen? Ich meine keinen aus Stein, Holz, oder Papier – sondern einen „echten“ Boten Gottes, einen Überbrin-ger himmlischer Nachrichten, einen messenger of God?
Die Boten Gottes, die mir begegnet sind, lassen sich nicht in unsere Vor-stellungen und Darstellungsformen pressen und Flügel haben sie nie ge-tragen – ganz unterschiedlich waren sie: Freund, Mitmensch, Kritiker oder auch ein „wildfremder Mensch“. Eines aber war immer gleich: Die Initiative ging immer vom Gott aus – nicht von mir: ich war bzw. fühlte mich angesprochen vom Wort Gottes und stellte mich diesem Anspruch – oder auch dem Einspruch (!) Gottes. Das Wort Gottes trifft uns – meist hier in der Kirche, weil hier Zeit und Raum dafür da ist; oft aber trifft es uns wie Maria ganz unerwartet mitten im Alltag – und es betrifft mich.
Das Wort Gottes macht betroffen: Maria erschrickt. Sie ist ganz verunsi-chert; eine außergewöhnliche Begegnung mit einer ihr unbekannten Person, von der nur der Leser des Evangeliums – nicht aber Maria – weiß, dass es ein Bote Gottes namens Gabriel ist. Und dann diese merkwürdige Anrede „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir“ (Lk 1,28). Maria erschrickt und denkt nach, überlegt, „was dieser Gruß zu bedeuten habe“ (Lk 1,29). Diese Schrecksekunde der Stille füllt den Raum – und ist hörbar.
Das „Fürchte dich nicht“ (Lk 1,30) des Engels nimmt Maria die Angst und überwindet ihre Sprachlosigkeit – es ist der typische Zuspruch Gottes in vie-len Berufungsgeschichten des Alten Testaments; es steht auch hier bei der Anfrage an Maria und auch in den Zumutungen Gottes in meinem Leben.
Maria fragt nun kritisch nach. Sie denkt mit und bringt mit Verstand ihre Lebensbedingungen und die Gegebenheiten des Menschseins ein: „Wie soll [denn] das geschehen…?“ (Lk 1,34). Auch ich habe bei so manchem Vorhaben, Planungen und Anfragen meine berechtigten Zweifel – und sie dürfen/müssen auch sein: Ich kann nicht zu allem Ja und Amen sagen – vor allem nicht, wenn rational alles oder vieles dagegen spricht.
Die Kraft des Heiligen Geistes, die Wirkmacht Gottes, macht scheinbar Unmögliches möglich – er wirkt auch in meinem Lebensraum: Durch Got-tes Geist bin ich wie Maria in anderen Umständen. Ich spüre eine ungeahnte Kraft in mir und in anderen am Werk – und ich bin guter Hoffnung, dass ei-ne Sache, ein Vorhaben, eine Zumutung mit Gottes Hilfe gut werden wird. Allmählich schafft sich – nach anfänglichen Zweifeln und Einwänden – das Vertrauen und die Gewissheit in mir Raum, dass ich wie Maria Ja-Sagen und Zulassen kann. Es ist ein Entscheidungsprozess, der Raum und Zeit braucht – Raum und Zeit zum Nachdenken, zum Erwägen und zum Abwä-gen der Argumente. Aber auch das ist zu bedenken: Mit meiner Entschei-dung – wie immer sie auch ausfällt – fängt das Leben (und der Glaube) erst an: Ich muss mit der Entscheidung leben, sie in die Tat umsetzen, sie gestal-ten und mit Gottes Hilfe das Beste daraus machen. Zudem muss ich wie Maria die meiste Zeit „ohne Engel“ (vgl. Lk 1,38) leben – nicht enttäuscht, sondern kraftvoll: Ich kann und darf in den Zumutungen des Lebens aus der Kraft Gottes leben und mein Leben mit Gott wagen und gestalten. AMEN.