PREDIGT 4. SO IM JK (B)

1 Kor 7,32-35 + Mk 1,21-28


Kann man Gott besser dienen, wenn man nicht verheiratet ist? – fragen kritische Gemeindemitglieder Paulus. Dieser antwortet in 1 Kor 7,32-35 im Zusammenhang mit dem für ihn baldigen Ende der Welt (vgl. 1 Kor 7,29.31): Mit Blick auf den kommenden Christus ist es besser, unverheiratet und bereit zu sein – allezeit bereit, weil wir nicht wissen, wann der Herr kommt.


Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!

Allzeit bereit: Single & available – diese Sprechblase lag letztes Jahr bei einer Hochzeit als Utensil einer Fotobox aus: Single & available – wohl eher in die Richtung zu verstehen: ungebunden und noch (für jeden Spaß) zu haben. Ja, ich gebe zu, mit dieser Sprechblase ein Foto gemacht zu haben, weil ich single und verfügbar bin – für Gott und „meine“ drei Pfarrgemeinden. Trotzdem steht die Frage an Paulus im Raum: Kann man Gott besser dienen, wenn man nicht verheiratet ist? – eine heikle Frage, auch heute. Lasst sie doch heiraten, die Priester! – so die landläufige Meinung. Wenn der Zölibat nicht wäre und Priester heiraten dürften, dann wären in den Augen vieler große Probleme in der Kirche und vor Ort gelöst.
Der Zölibat der Priester und Ordensleute wird heutzutage oft als Defizit ge-sehen. In der immer stärker sexualisierten Welt gelten Priester, Mönche und Ordensfrauen, die den Zölibat ernst nehmen, als Exoten. Denn: ein Priester ist entweder schwul, pädophil oder hat eine heimliche Geliebte, habe ich vor Jahren im Bamberger Dom bei einem Gespräch belauscht. Ich als Priester habe mir meinen Teil gedacht, warum sich Menschen, die den Zölibat gar nicht leben oder leben müssen, derartige Gedanken machen – und keinen Gedanken daran verschwenden, dass der Zölibat und die Ehelosigkeit auch gelingen, glücken und zufrieden und erfüllt machen könnten.
Der Abwertung/Ablehnung des Zölibats heute steht die Hochachtung der Ehelosigkeit zur Zeit des Apostels Paulus gegenüber: Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt (1 Kor 7,32-33; analog für Frauen: 1 Kor 7,34). Die Tageslesung scheint zu bestätigen, was lange Zeit in der Kirchengeschichte zu sehen war, dass der Stand der Ehelosigkeit höher eingeschätzt wurde als das Leben in Ehe und Familie. Von daher ist es ein ärgerlicher Bibeltext, gerade für Sie als Eheleute, Familien und Alleinerziehende. Aber: Meines Erachtens kann man Ehe und Zölibat nicht gegeneinander ausspielen. Beides sind gleichwertige Lebensformen. Sowohl Ehe als auch Zölibat können gelingen; beide Lebensformen können auch scheitern und zu (Kindes-)Missbrauch führen1 – teils zerbrechen Menschen auch an der jeweiligen Lebensform.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich schätze Ehe und Familie. Sie sind wichtig für unsere Gesellschaft. Ich bin selbst in einer guten Familie aufgewachsen und weiß um den Wert (m)einer Familie. Trotzdem möchte ich eine Lanze für den Zölibat brechen, der durchaus seine Berechtigung hat. Gelebte Ehelosigkeit ist eine besondere Lebensform, die alles andere als defizitär ist: Es ist ein Leben auf Gott hin; kein weltfremdes Leben, sondern ein Leben mitten in der Welt und mit den Menschen und deren vielfältigen Lebensentwürfen und -brüchen, (Glaubens-)Fragen und (Seelen-)Nöten; ein Leben, das die Liebe Gottes zeichenhaft leben will – wie die Ehe auch. Die Ehepartner sollen primär voll und ganz füreinander da sein und für die Familie. Der Priester soll single & available für Gott und auf Jesus Christus ausgerichtet sein; ebenso soll er die Menschen, die ihm als Seelsorger anvertraut sind, im Blick haben, sie zu Christus führen und in die Christusbeziehung einführen. Als verheirateter Priester mit Frau und Kindern könnte ich niemals so viel Zeit ungeteilt für Gott, für die Pflege meiner Christusbeziehung und für „meine“ Pfarreien aufwenden. Es geht bei Ehe und Priestersein ums voll und ganz und eben nicht um ein bisschen, nicht um so lala.
Der Zölibat ist eine Lebensform, zu der ich mich durchringen musste. Ich habe zunächst nur Theologie studiert, war nicht von Anfang an im Priesterseminar. Ich wollte prüfen, ob eine derartige Entscheidung für mich wirklich lebbar ist, ob mir mein Glaube dazu Kraft gibt – nicht nur ein Jahr, oder zwei, sondern – so Gott will – ein Leben lang. Bei einer Ehe wäre das nicht anders gewesen: Drum prüfe, wer sich ewig bindet. Die Ehelosigkeit des Zölibats ist für mich meist erfüllend und füllt mich auch ganz aus. Wäre ich verheiratet, würde bei der Fülle von Aufgaben in drei Pfarreien entweder die Familie darunter leiden oder die Pfarreien; in der evangelischen Kirche „funktionieren“ verheiratete Pfarrer(innen) „nur“, weil sie für weni-ger Gläubige zuständig sind und so Zeit für Familie bleibt – aber: Mangel an Priester(inne)n und Fachpersonal auch dort, obwohl doch sowohl Ehe als auch Zölibat „freiwillig“ und sogar Lebenspartnerschaften möglich sind.
Ob eine Lockerung des Zölibats (neben anderen möglichen/nötigen Reformen) in der katholischen Kirche die Wende beim Priestermangel bringt, wage ich zu bezweifeln – vielleicht würde es mehr an Glaubwürdigkeit und Gerechtigkeit bringen; aber dass die Lockerung des Zölibats die Glaubenskrise in Deutschland und Europa stoppen oder gar umdrehen kann, glaube ich nicht. Kann man Gott besser dienen, wenn man nicht verheiratet ist? Ich gebe darauf eine sehr persönliche Antwort: Besser nicht – aber anders! Als Single diene ich Gott nicht besser, sondern anders und stehe auch nicht besser vor ihm da. Auf das available kommt es an: Dass ich für Gott verfügbar bin, dass ich Zeit für ihn habe und nicht von etwas anderem besessen bin. Wir Deutsche sind – so die Studie zu Online-Nutzung aus der letzten Woche2 – durchschnittlich 71 Stunden (!) wöchentlich online. Fragen Sie sich selbst und seien Sie ehrlich: Wieviel Stunden in der Woche bzw. am Tag bin ich online für Gott und bereit meine Beziehung mit ihm zu pflegen? Da liegt das eigentliche Problem und nicht am Zölibat: Single oder Nicht-Single ist nicht die entscheidende Frage, sondern: Bin ich available, verfügbar für Gott und die Menschen und offen für den Glauben. AMEN.

1 Vgl. hierzu u.a. die „Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie“ (https://forum-studie. de/wp-content/uploads/2024/01/Abschlussbericht_ForuM.pdf); aufgerufen: 27.01.2024.

2 Vgl. https://www.zdf.de/nachrichten/digitales/online-internet-studie-71-stunden-woche-100.html (aufgerufen am 27.01.2024).