PREDIGT Erscheinung des Herrn (B)

Jes 60,1-6 + Mt 2,1-12

Liebe Schwestern und Brüder, (liebe Königinnen und Könige)!

Da stimmt was nicht an unsere Krippe: das Kind in der Krippe, Maria und Josef, der Engel, die Hirten mit den Schafen und die Könige mit den Pack-tieren – viel zu viele Personen auf engstem Raum – nicht nur in Corona-Zeiten; es bräuchte Beschränkungen, jeweils eine Gruppe bzw. ein Haus-halt, der mit dem gebotenen Abstand zur Familie zu Besuch kommt.
Das Zuviel an Personen kommt durch die Vermischung der unterschied-lichen Erzählungen rund um die Geburt Jesu in den Evangelien: die Ge-burtserzählung von Lukas mit dem Stall von Bethlehem, den Engeln bei den Hirten, die dann in der Nacht zur Krippe geeilt sind: Rettung und Hoffnung für die Armen auf ein besseres Leben ist ein Schwerpunktthema bei Lukas; Matthäus dagegen schreibt ganz anders – nicht von einem Stall ist die Rede und von Hirten und Engeln schon gar nicht, sondern von einem Haus, zu dem ein Stern die Sternkundigen leitet: Weise Menschen „aus dem Osten“ kommen zum neugeborenen Kind; es geht um königliche Macht und um Weisheit. Beides ist nicht im Königspalast in Jerusalem zu finden – hier herrscht Herodes, der mit aller Gewalt und List seine Macht erhalten will und sie damit letztlich missbraucht. In der Ohnmacht des Neugeborenen zeigt sich dagegen für die „Weisen aus dem Morgenland“ Gottes Allmacht, sein Königtum und seine Weisheit.
Wir stellen in die Krippe die verschiedenen Figuren der biblischen Er-zählungen, die eine jeweils andere theologische Bedeutung haben, die sagen, WER dieser Jesus Christus für sie ist. Mein Patenkind hat einmal einen Spielzeugaffen in die Krippe gestellt – eine Figur aus ihrer kindli-chen Lebenswelt stand somit in der Krippe. Ich gehöre zu Jesus – und er gehört zu mir – ich teile mein Spielzeug mit dem Kind in der Krippe.
Der/die Engel und der Stern sind Figuren und Zeichen des Himmels, sind Boten und Werkzeuge Gottes. Sie ermutigen Menschen zum Aufbruch, zur Suche nach dem Retter, dem neuen König, dem Mensch gewordenen Gott.
Die Krippenfiguren haben sich im Lauf der Zeit verändert:
+ Aus den Sterndeutern wurden durch theologische Deutung im 2./3. Jh. n. Chr. Könige. Wegen der genannten, wertvollen Gaben, Gold Weihrauch und Myrrhe (vgl. Mt 2,11) hat man die Dreizahl der Könige angenommen – wie viele es genau waren, weiß niemand.
+ Diese Könige wurden ganz unterschiedlich dargestellt: ab dem 12. Jh. auch als die drei Lebensalter: einer als Jüngling, einer als Mann und einer als Greis. Jeder, egal welchen Alters, ist eingeladen zu Jesus zu kommen – auch Frauen, die damals noch nicht so im Blick waren. Daher sind bei modernen Krippen auch Königinnen dabei – wie auch bei den Sternsingern, die heuer nicht von Haus zu Haus ziehen können.
+ Die Könige wurden teilweise mit unterschiedlichen Hautfarben dar-gestellt. Entgegen der biblischen Erzählung repräsentierten sie nicht ein bestimmtes Land (vgl. Mt 2,12), sondern verschiedene Erdteile – die Völker der Erde kommen zum Mensch gewordenen Gott.
+ Auch die Sternsinger sollen sich verändern: Keiner soll mehr „der Schwarze“ sein; die sogenannte blackfacing-Debatte kocht immer wieder rund um den Dreikönigstag hoch. Zum Hintergrund: Im 18./19. Jh. haben sich Weise die Haut schwarz gefärbt, um andere Nationalitäten nachzuahmen, sie nicht nur dumm aussehen, sondern auch dumm daherreden zu lassen, sie abzustempeln als Menschen zweiter Klasse – das war und ist Rassismus pur. Der „zwarte Piet“, der Gehilfe des Nikolaus in den Niederlanden, wird daher teils sehr kritisch gesehen.
+ Der „schwarze König“ als Krippenfigur oder Sternsinger hat rein gar nichts mit Lustigmachen oder Rassismus zu tun; der „Schwarze“ ist nicht Sklave oder dummer Lastenträger, sondern hat die gleiche Würde wie alle anderen Könige – Zeichen der Wertschätzung, der Inklusion und Offenheit für alle Menschen, alle Nationalitäten und Kulturen.
+ Das „im Schrank lassen“ oder „Wegnehmen“ des „schwarzen Königs“ – wie einige auch kirchliche Gruppen es fordern – wäre fatal: Rassismus und Nationalismus – dann kämen nur „europäisch“ oder „arisch“ aussehende Könige zu Jesus; alle anderen Nationalitäten wären ausgeschlossen und (willentlich!) ausgegrenzt – wenn wir so handeln würden, wären wir wirklich rassistisch, diskriminierend und dumm.
+ Die Krippenfiguren verschiedener Hautfarbe stehen für die Vielfalt der Nationalitäten: alle sind eingeladen, zu Jesus Christus zu kommen – ohne Zwang; aber auch ohne irgendjemanden auszuschließen! Dafür ist Jesus Christus zur Welt gekommen: für alle Menschen!
+ Das heutige Hochfest, das im Volksmund „Dreikönig“ heißt, trägt den Namen „Erscheinung des Herrn“. Hoffentlich geht uns ein Licht auf, worauf es wirklich ankommt, wenn wir dieses Fest feiern: Jesus Chris-tus ist geboren; er ist das Licht, das nicht exklusiv einem Volk, sondern allen Völkern und allen Menschen leuchtet (vgl. Tagesgebet). AMEN

Hier noch vertiefende Liedlinks:
– Ein Kind geborn zu Bethlehem (GL 767): https://www.youtube.com/watch?v=5kNdgh_1tAo
– Stern über Bethlehem (GL 261): https://www.youtube.com/watch?v=bqmeI6q0Z3U
– Gottes Stern leuchte uns (GL 259)

Ihnen allen und Ihrem Haus(stand) Gottes Segen – werden Sie zum Segen!
20 * C + M +B + 21

 

PREDIGT 2. So n. Weihnachten (B)

Eph 1,3-6.15-18 + Joh 1-18

Liebe Schwestern und Brüder!
Die weihnachtliche Festzeit ist von Lieder geprägt, von Liedern, die von Herzen kommen und zu Herzen gehen, von Liedern, die zum Mitsingen einladen: „Nun freut euch, ihr Christen, singet Jubellieder“ (GL 241) – „In dulci jubilo, nun singet und seid froh“ (GL 253) – „Auf, Christen, singt festliche Lieder“ (GL 765) – „Singen wir mit Fröhlichkeit“ (GL 770). Diese Lieder gehören zu Weihnachten dazu. Aufgrund der aktuellen Beschränkungen können wir sie nicht gemeinsam singen – vielen fällt das schwer; das sehe ich immer wieder in den Gesichtern während der Gottesdienste. Gott sei Dank dürfen die Weihnachtslieder von Einzelpersonen gesungen werden – und wir können sie hören und uns Melodie und Text zu Herzen gehen lassen. In den Liedern klingt das Weihnachtsgeheimnis ganz zart in unseren Herzen an und eine leise innere Fröhlichkeit und Freude durch-tönt uns. Innerlich können wir die Lieder von Herzen mitsummen – das ist ja erlaubt und nicht verboten. Wir sind dann keine passiven Zuhörer mehr, sondern summend aktiv mit dabei und geben der Weihnachtsfreude und unserem Glauben Ausdruck – in einer Form, die möglich ist.
Auch in den heutigen biblischen Texten klingen Lieder an und wirken nach: zwei Hymnen auf Jesus Christus, die besingen, wer Jesus Christus ist:1 ER ist das Wort. Dieses Wort war verborgen in Gott. Ja, das Wort war Gott – es war der verborgene Gott. Da ist zunächst Stille – diese Stille ist nötig, damit das Wort wirken kann und nicht überhört wird. Gott behält sein Wort aber nicht für sich: Er teilt sich mich und spricht es aus – das Wort Gottes kommt in die Welt und wirkt in der Welt: „Es werde“ – das göttliche Wort bewirkt Licht und Leben von Anfang an (vgl. Gen 1,1-2,3). An diesen Anfang der Geschichte Gottes mit den Menschen erinnert das Johannesevangelium: „Im Anfang war das Wort“ (Joh 1,1). Das von Gott ausgesprochene Wort, sein in die Welt gesandtes Licht, wirkt und bewirkt eine Antwort: Viele Menschen lehnen es ab – einige nehmen es auf. Der Evangelist Johannes schreibt sehr allgemein: „Allen, die [das Wort, die Jesus Christus,] aufnahmen, gab [Gott] Macht Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben…“ (Joh 1,12). Andere Evangelisten sind dagegen ganz konkret und nennen Maria als diejenige, die von Gott angesprochen wird: Maria nimmt dieses Wort Gottes an – wenn sie auch anfangs Fragen und Zweifel hat, wie und was das Wort Gottes bewirken kann. Maria nimmt das Wort Gottes in sich auf und sie nimmt es sich zu Herzen. Das Wort Gottes geht ihr in Fleisch und Blut über und wird durch das Wirken des Heiligen Geistes Mensch in Maria. Maria besingt dieses Wunder der Menschwerdung Gottes im Evangelium nach Lukas in ihrem Lobpreis, im Magnificat. Maria besingt darin, wie Gott an ihr gewirkt hat und wie Gott in der Welt wirkt und was er bewirken will (vgl. Lk 1,46-55). Das in Maria Mensch gewordene Wort bekommt so eine Stimme und eine Klang, noch bevor Jesus Christus von Maria geboren wird. Er, das Fleisch gewordene Wort Gottes, Jesus Christus, setzt dann dieses Wort Gottes in die Tat um – „und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14). In Jesus Christus ist Gott(es Wort) sichtbar und hörbar: Er, der „am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1,18). Er hat den Herzschlag Gottes gehört, das Leben erlauscht, diesen Klang in sich aufgenommen und weitergesagt. Jesus Christus spricht aus, was in Gottes Herzen ist: „Ich liebe dich, du Welt und du Mensch“ (Karl Rahner).
Das Johannesevangelium nennt Maria nicht explizit und nicht exklusiv: Wir alle können das Wort Gottes in uns aufnehmen. Das Wort Gottes kann in uns wachsen und in uns Mensch werden: „allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht Kinder Gottes zu werden“ (Joh 1,12) – und zu verstehen, „zu welcher Hoffnung wir durch [Jesus Christus] berufen [sind… und] welchen Reichtum [… er uns] schenkt“ (Eph 1,18). Wie Maria dürfen wir guter Hoffnung sein und das Leben mit Gott wagen. Durch unsere Antwort im Leben und im Glauben und durch unser Leben sollen wir Hoffnungsträger und Boten des Lichtes sein und werden – keine Bedenkenträger und keine düstere Gestalten. Darum geht es: „Nehmt die Melodie Gottes in euch auf!“ (Ignatius von Antiochien), die Melodie der Liebe, die Gott uns in Jesus Christus schenkt, – und geben wir diese Liebe weiter, in Wort und Tat. AMEN.


1 Die Leseordnung Eph 1,3-6.15-18 verkürzt leider das großartige Christuslied Eph 1,3-14.

PREDIGT Fest der Hl. Familie (B)

Gen 15,1-6; 21,1-3 + Lk 2,22-40

Liebe Frauen, Männer, liebe Kinder und Jugendliche!

„Der Stern des Glückes zeigt sich dort, wo wir uns einsetzten für das, was wirklich zählt…“, stand auf der Weihnachtskarte, die ich von meinem Bruder und seiner Familie bekommen habe, und die dem Weihnachtspaket beigelegt war: „Der Stern des Glückes zeigt sich dort, wo wir uns einsetzten für das, was wirklich zählt…“ – auf der Karte war auch ein Foto von der Familie meines Bruders abgedruckt. „Der Stern des Glückes zeigt sich dort, wo wir uns einsetzten für das, was wirklich zählt…“, ein Satz, über den ich in den vergangenen Tagen viel nachgedacht habe. Was zählt in meinem Leben – was ist lebenswichtig? Wofür setze ich mich ein? Wo zeigt sich der Stern des Glückes für mich?
Um die Sterne zu sehen, muss man den Kopf heben und in den Himmel schauen. Sie leuchten auch dann, wenn die Lichter in den Wohnungen und Fenstern längst verloschen sind. Ein nächtlicher Gang auf die Terrasse oder den Balkon – wir haben ja Ausgangssperre! – kann so zu einer Sternstunde werden: in einer sternenklaren Nacht strahlen in der Dunkelheit die Sterne – nicht nur einer, sondern viele… Es lohnt sich in diesen Tagen über Sternstunden und Lichtblicke im Leben nachzudenken, über das was wirklich zählt, darüber, was wirklich glücklich macht.
Blicken wir auf Abram1 und Sara und Sternstunden in ihrem Leben: Im Vertrauen auf Gott wagten sie den Aufbruch in eine unbekannte Zukunft – ausgestattet nur mit Gottes Segen. Gott hatte ihnen eine neue Heimat und Nachkommen versprochen (vgl. Gen 12,1-9).
In diesem Gottvertrauen waren Abram und Sara aufgebrochen. Eine neue Heimat hatten sie mit Gottes Hilfe gefunden – Kinder hatten sie keine. Ab-ram hadert mit Gott, denn er und Sara sind alt und Kinder nicht mehr zu erwarten: „Herr, was willst du mir schon geben?“ (Gen 15,2). Gott fordert Abram [und auch Sara] auf, den Kopf nicht hängen zu lassen: „Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. […] So zahlreich werden deine Nachkommen sein“ (Gen 15,5). Diese Antwort Gottes ist eine Zumutung – nach menschlichem Ermessen eine Unmöglichkeit. Für Abram und Sara ist diese zugemutete Nacht eine Sternstunde – sie spüren Gott lässt sie nicht allein: Es ist eine Sternstunde das Glaubens und Vertrau-ens. Unzählbar sind die Sterne, die Gott für sie aufgehen lässt – auch wenn sie sich nur nach einem sehen, ein eigens Kind. Wie dieses Wunder geschieht, darüber schweigt die Bibel: Es ist und bleibt Geheimnis Gottes. Der Sohn, den Sara und Abram bekommen, nennen sie „Isaak“, was „Gott lacht bzw. lächelt“ bedeutet. Ihre Namenswahl verdeutlicht, dass Gott ihnen in Isaak entgegenlächelt. Isaak ein menschlicher Stern, der ihnen Lichtblick ist, denn Gott setzt mit Isaak einen Anfang für ein großes Volk. Abram wird daher von Gott Abraham, Vater der Menge, genannt (vgl. Gen 17,5).

„Der Stern des Glückes zeigt sich dort, wo wir uns einsetzten für das, was wirklich zählt…“ Jahrhunderte später warten eine Frau und ein Mann, der greise Simeon und die Prophetin Hanna, auf die Sternstunde in ihrem Le-ben. Sie warten, sie warten und warten – und werden alt und grau darüber. Simeon und Hanna warten auf den Messias, den Christus. Ob sie ihn ver-passt haben? Ob er noch kommt? Ob sich das Warten noch lohnt?
Im Kind, in Jesus, den Maria und Josef in den Tempel bringen, erkennen Simeon und Hanna, den Christus – die Sternstunde ihres Lebens und für alle Menschen: Jesus Christus, Heil für die Völker – Licht für die Heiden und Herrlichkeit für Israel (vgl. Lk 2,30-32) – Jesus Christus ist für alle Menschen da. Simeon und Hanna sind glücklich – ihr Warten hat sich gelohnt; die für sie und ihr Leben entscheidende Sternstunde ist mit der Begegnung mit Jesus Christus da; Simeon kann jetzt – wie er sagt – „in Frieden“ und zufrieden sterben (Lk 2,29). „Der Stern des Glückes zeigt sich dort, wo wir uns einsetzten für das, was wirklich zählt…“
Abraham und Sara, Simeon und Hanna – egal ob eigene Kinder oder nicht – egal, ob als Familie, ob als Kind, Jugendlicher, Vater oder Mutter, ob als Witwe oder Witwer, ob als Alleinerziehende oder Single, ob als Priester oder Ordensfrau: „Der Stern des Glückes zeigt sich dort, wo wir uns ein-setzten für das, was wirklich zählt…“. Ich kann für mich sagen, dass in diesen Tagen für mich v.a. Beziehungen wichtig sind: die Beziehung zu Gott im Gebet und Gottesdienst, die Beziehung zu meiner Familie – trotz Abstand – und die Beziehung zu Freunden und Menschen, die ich in nor-malen Zeiten gerne real, von Mensch zu Mensch, und nicht nur virtuell, via Telefon oder Internet besucht hätte und deren Nähe ich vermisse. „Der Stern des Glückes zeigt sich dort, wo wir uns einsetzten für das, was wirk-lich zählt…“ – diese außergewöhnliche Zeit lässt uns spüren, was wirklich zählt und welches die Sternstunden unseres Lebens sind. AMEN.

1 Abram heißt in Gen 11,26-17,4 wirklich so. Er erfährt in Gen 17,5 eine Namensänderung in Abraham, Vater der Menge – es hat mir der in dieser Predigt thematisierten Sternstunde zu tun.

PREDIGT CHRISTMETTE HIRTENAMT (B)

Jes 9,1-6 + Lesung d. Hl. Nacht/Morgen + Lk 2,1-20

„Ein Kind wurde uns geboren, ein Sohn wurde uns geschenkt“ (Jes 9,5) – die Lesung aus dem Buch Jesaja wurde und wird auf des Weihnachtsgeheimnis gedeutet; die Lesung ist der ältere Text und wird ja auch vor dem Evangelium gelesen: das neugeborene Kind, Jesus Christus, als Erfüllung der Prophetie des Jesaja. Weihnachten bewegt – und setzt in Bewegung: Ich kann die Lesung aus dem Buch Jesaja auch im Licht des Weihnachtsevan-gelium lesen; sie bekommt dann Aktualität für uns. Denn die Geburt des Kindes ist nicht Zielpunkt, sondern Anfang neuen Lebens und der „Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll“ (Lk 2,10) – auch uns allen heute und nicht nur den wenigen Hirten damals – ein bewegendes Hoffnungszeichen, das Weihnachten in unsere Zeit und in unsere Welt von heute setzt.
Weihnachten bewegt – Hoffnung auf ein besseres Leben auch in unseren Tagen. Der erste Vers der Jesaja-Lesung klingt wie hineingesprochen in unsere Zeit: „Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlte ein Licht auf“ (Jes 9,1). Lichtblickt in diesen Tagen von Ansteckung und Angst vor dem Virus, von überfüllten Covid19-Stationen und steigenden Zahlen von Corona-Toten ist die Impfung, die nach Weihnachten beginnt – Hoffnung auf Leben, nicht ohne Corona, sondern auf Leben trotz des Virus. Für viele gibt gerade auch der christliche Glaube Hoffnung und Ermutigung in diesen Tagen: Jesus Christus wird in eine unheile Welt hineingeboren, in Armut, in Ängste, in Verzweiflung – dort ist Jesus Christus auch heute, er ist in der Lebenswelt jedes Menschen, wenn auch oft unerkannt; „Steht auch mir zur Seite, still und unerkannt“, heißt es in einem Weihnachtslied. Danke allen, die in diesen Tagen wie Jesus Christus Hoffnungslicht für andere sind – für die Sterbenden, für die Kranken, für die Einsamen, für die Gestressten und Ausgenutzten, für Menschen in Angst und Sorge.
Weihnachten bewegt – will Mut machen und in Bewegung setzen. Vieles in unserer Welt scheint starr, unbeweglich, ja unabänderlich: Unrechtsstruktu-ren, Missbrauch von Macht, Krieg und Terror, unter denen viele Menschen leiden. Die Worte des Jesaja im Licht von Weihnachten gelesen wollen genau da etwas bewegen: Mit dem neugeborenen Kind ist ein mutiges Zei-chen der Gewaltlosigkeit gesetzt: Der Schrei des Neugeborenen versetzt nicht in Angst und Schrecken, sondern bewirkt Zuneigung und Fröhlich-keit, ja Freude am Leben – an jedem Leben. Ein scheinbar ohnmächtiges Kind bewegt durch ein sanftes Lächeln die Herzen zum Frieden.
Weihnachten bewegt – Gott setzt ein mutiges Zeichen inmitten all unse-rer Angst: ein Neugeborenes als Hoffnungszeichen. Gott fängt ganz klein mit uns Menschen an. Von ihm können wir lernen und uns bewegen lassen, das Unsere zu tun im Umgang mit den Mitmenschen und ganz klein anzufangen mit Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung. Auf diesen alles bewegenden und bewirkenden Anfang kommt es an: auf das Dasein mitten in der Lebenswelt der Menschen: Mach’s wie Gott – werde Mensch.
AMEN.

PREDIGT 4. Advent (B)

2 Sam 7,1-5.8b-12.14a.16 + Lk 1,26-38

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!
Maria und der Engel – Begegnung – Gespräch – Entscheidung – all das steht im Raum – in alten Kirchen im wahrsten Sinn des Wortes: Maria und der Engel sind dort oft als Steinfiguren zu sehen – als einander zugewandte Figuren sind sie an Säulen angebracht. Häufig stehen Maria und der Engel an den Säulen am Übergang vom Kirchenschiff zum Chorraum an der Schwelle von profan und heilig, dem Berührpunkt von „Himmel“ und „Er-de“: Gott verlässt den „heiligen Himmel“ und begibt sich auf die „profane Erde“. Und auch das ist neu im Evangelium: Gott kommt zur Erde nicht wie in den antiken Göttererzählungen, um durch arglistige Täuschung oder Frauenraub ein Kind zu zeugen, sondern indem er einen Boten, einen En-gel, sendet. Dieser offenbart Maria Gottes Plan und lässt ihr die freie Ent-scheidung sich dazu zu verhalten; Gott handelt nicht übergriffig gegen Ma-rias Willen – das ist bei den Figuren in Stein gemeißelt. Maria und der Bote Gottes stehen einander mit Abstand gegenüber – es sind weit mehr als die derzeit gebotenen 1,5 Meter. Zwischen dem Engel und Maria ist viel Raum – Raum, der auf den ersten Blick als „großes Loch“ oder als „ängstliche Leerstelle“ spürbar wird; eine Weite, die nicht einengt, sondern die Maria und uns Raum und Freiheit zum Nachdenken lässt und den Blick weitet.
Haben Sie schon einmal einen Engel gesehen? Ich meine keinen aus Stein, Holz, oder Papier – sondern einen „echten“ Boten Gottes, einen Überbrin-ger himmlischer Nachrichten, einen messenger of God?
Die Boten Gottes, die mir begegnet sind, lassen sich nicht in unsere Vor-stellungen und Darstellungsformen pressen und Flügel haben sie nie ge-tragen – ganz unterschiedlich waren sie: Freund, Mitmensch, Kritiker oder auch ein „wildfremder Mensch“. Eines aber war immer gleich: Die Initiative ging immer vom Gott aus – nicht von mir: ich war bzw. fühlte mich angesprochen vom Wort Gottes und stellte mich diesem Anspruch – oder auch dem Einspruch (!) Gottes. Das Wort Gottes trifft uns – meist hier in der Kirche, weil hier Zeit und Raum dafür da ist; oft aber trifft es uns wie Maria ganz unerwartet mitten im Alltag – und es betrifft mich.
Das Wort Gottes macht betroffen: Maria erschrickt. Sie ist ganz verunsi-chert; eine außergewöhnliche Begegnung mit einer ihr unbekannten Person, von der nur der Leser des Evangeliums – nicht aber Maria – weiß, dass es ein Bote Gottes namens Gabriel ist. Und dann diese merkwürdige Anrede „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir“ (Lk 1,28). Maria erschrickt und denkt nach, überlegt, „was dieser Gruß zu bedeuten habe“ (Lk 1,29). Diese Schrecksekunde der Stille füllt den Raum – und ist hörbar.
Das „Fürchte dich nicht“ (Lk 1,30) des Engels nimmt Maria die Angst und überwindet ihre Sprachlosigkeit – es ist der typische Zuspruch Gottes in vie-len Berufungsgeschichten des Alten Testaments; es steht auch hier bei der Anfrage an Maria und auch in den Zumutungen Gottes in meinem Leben.
Maria fragt nun kritisch nach. Sie denkt mit und bringt mit Verstand ihre Lebensbedingungen und die Gegebenheiten des Menschseins ein: „Wie soll [denn] das geschehen…?“ (Lk 1,34). Auch ich habe bei so manchem Vorhaben, Planungen und Anfragen meine berechtigten Zweifel – und sie dürfen/müssen auch sein: Ich kann nicht zu allem Ja und Amen sagen – vor allem nicht, wenn rational alles oder vieles dagegen spricht.
Die Kraft des Heiligen Geistes, die Wirkmacht Gottes, macht scheinbar Unmögliches möglich – er wirkt auch in meinem Lebensraum: Durch Got-tes Geist bin ich wie Maria in anderen Umständen. Ich spüre eine ungeahnte Kraft in mir und in anderen am Werk – und ich bin guter Hoffnung, dass ei-ne Sache, ein Vorhaben, eine Zumutung mit Gottes Hilfe gut werden wird. Allmählich schafft sich – nach anfänglichen Zweifeln und Einwänden – das Vertrauen und die Gewissheit in mir Raum, dass ich wie Maria Ja-Sagen und Zulassen kann. Es ist ein Entscheidungsprozess, der Raum und Zeit braucht – Raum und Zeit zum Nachdenken, zum Erwägen und zum Abwä-gen der Argumente. Aber auch das ist zu bedenken: Mit meiner Entschei-dung – wie immer sie auch ausfällt – fängt das Leben (und der Glaube) erst an: Ich muss mit der Entscheidung leben, sie in die Tat umsetzen, sie gestal-ten und mit Gottes Hilfe das Beste daraus machen. Zudem muss ich wie Maria die meiste Zeit „ohne Engel“ (vgl. Lk 1,38) leben – nicht enttäuscht, sondern kraftvoll: Ich kann und darf in den Zumutungen des Lebens aus der Kraft Gottes leben und mein Leben mit Gott wagen und gestalten. AMEN.

PREDIGT 3. Advent (B)

1 Thess 5,16-24 + Joh 1,6-8.19-28

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!

Der Letzte macht das Licht aus, so sagen wir, wenn wir einen Raum oder einen Saal verlassen, damit nicht über Nacht oder über Wochen dort das Licht brennt. Der Letzte macht das Licht aus, so sagen wir auch, wenn eine Sache zu Ende geht, wenn keine Fortführung möglich ist. Ob wir am 4. Advent die 4. Kerze entzünden dürfen, an Weihnachten überhaupt oder zu den geplanten Zeiten Gottesdienste feiern können, ist fraglich.
Licht – in vielen Fenstern leuchten allabendlich Kerzen, Lichterbögen und leuchtende Girlanden und Sterne. Auch in vielen Gärten sind Büsche und Baume mit Lichternetzen und elektrischen Lichterketten geschmückt – in diesem Jahr meines Erachtens mehr als sonst. Die Sehnsucht nach Licht ist groß gerade in diesen trüben Tagen und auch in der Corona-Pandemie – Sehnsucht nach Licht im Dunkel und in den Ängsten unserer Zeit.
Die Lichter und Leuchteffekte in den Gärten und unseren Häusern haben Verweischarakter auf Weihnachten: Mitten in der Nacht – in einer der längsten Nächten des Jahres, in der Heiligen Nacht – strahlt ein Licht auf: Licht, das die Nacht erhellt – Licht, das aus der Krippe aufstrahlt – Licht, das Jesus Christus bringt: „Christus, dein Licht verklärt unsre Schatten“ (Gesang aus Taizé vgl. Gotteslob, Bamberger Eigenteil Nr. 815).
Weihnachten ohne Jesus Christus, das Licht, das Herz und Seele wärmt, ist kein christliches Weihnachten, sondern ein oberflächlich-weltliches Lichterfest oder Geschenk-Event, aber kein Christfest. Feiern wir an Weihnachten das Wesentliche: die Geburt von Jesus Christus. Gott wird Mensch. Lassen wir Jesus Christus nicht weg, sondern feiern wir ihn. „Löscht d[ies]en Geist nicht aus“ (1 Thess 5,19), mahnt Paulus.
Am 3. Adventssonntag, dem Freudensonntag Gaudete verweist Johannes der Täufer auf Jesus Christus, der dieses Licht ist (vgl. Joh 1,7-8). Jesus Christus sagt es gemäß dem Johannes-Evangelium selbst: „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8,12). Jesus Christus strahlt hinein in unsere Dunkel-heit, in unser Leben (vgl. Lk 1,78-79), damit wir Jesus Christus in uns auf-nehmen und das „Licht des Lebens haben“ (Joh 8,12). Durch Jesus Chris-tus sollen wir von innen heraus strahlen und so selbst zu Menschen mit Ausstrahlung werden – zum „Licht für die Welt“: „Christus, dein Licht verklärt unsre Schatten, lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht. Christus, dein Licht erstrahlt auf der Erde und du sagst uns: Auch ihr seid das Licht“ (Gesang aus Taizé vgl. Gotteslob, Bamberger Eigenteil Nr. 815).
Wie kann das gelingen, dass ich „Licht für die Welt“ werde und bin?
Paulus gibt der Gemeinde von Thessalionich und auch uns in der heutigen Lesung Hinweise für die Umsetzung mit auf den Weg; drei davon möchte ich nennen: Sich freuen (1 Thess 5,16) – auch über kleine Dinge, Begeg-nung, Gespräche. Gerade in dieser Zeit auch das Positive sehen – und es nicht übersehen. Wichtig sind gerade die kleinen Freuden im Alltag, die
Aufheller der Seele, die die Lebensfreude fördern. Ein Zweites: Beten oh-ne Unterlass (1 Thess 5,17) meint nicht primär das Murmeln von Gebeten, sondern vielmehr ein Leben mit Gott; ich soll Gott einen Platz in meinem Leben einräumen – durch die Menschwerdung und Geburt Jesu Christi steht er ja auf Seiten der Menschen und damit auch mir zur Seite gerade in Angst- und Krisenzeiten des Lebens – ein Lichtblick für mich. Und ein Drittes: Dankbar sein (1 Thess 5,18) – heißt in der Realität und den Heraus-forderungen der Zeit und der Corona-Pandemie auch dankbar zu sein und zu bleiben: Es geht uns doch relativ gut – auch die Einschränkungen sind verkraftbar – darauf weisen mich immer wieder ältere Menschen hin, die schon Krieg und Vertreibung durchlebt haben. Dankbarkeit vielleicht auch für das „mehr“ an gemeinsamer Zeit in der Familie und weniger Stress – auch das ein Lichtblick in dieser schweren Zeit.
Freude – Leben in der Gottesbeziehung – Dankbarkeit: Machen wir uns auf! Öffnen wir uns dafür! Werden wir offen für diese Haltungen, die das Leben hell machen! Machen wir uns auf und werden wir zu Licht, zu Lichtbringern für Menschen, wie die Tagesheilige des 13. Dezember, Luzia, die Leuchtende, deren Name Programm ist: Mit einem Kerzen-kranz auf dem Kopf, um die Hände frei zu haben, soll sie Lebensnot-wendiges zu Armen in die Dunkelheit gebracht haben. Werden auch wir zu Lichtbringern und zu leuchtenden Menschen: durch ein gutes und aufheiterndes Wort, durch Zuwendung und Nähe trotz Abstand beson-ders für alle, die in dieser Zeit lichtreiche Menschen brauchen. AMEN.

Liedlink:
Christus, dein Licht: https://www.youtube.com/watch?v=W02D1VzQX5Q
Im Dunkel unserer Nacht: https://www.youtube.com/watch?v=9bTWAMDUKss
Die Nacht ist vorgedrungen: https://www.youtube.com/watch?v=Ck0zCw0DNT8

PREDIGT 1. Advent (B)

Jes 63,16b-17.19b; 64,3-7 + Mk 13,33-37 (KF)

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, liebe Jugendliche!
Haben Sie auch das Kleingedruckte gelesen? Im Kleingedruckten sind wichtige Aussagen gemacht – nicht nur bei Verträgen. Haben Sie auch das Kleingedruckte gelesen? – Es stand unter dem eben gesungenen Lied „O Heiland, reiß die Himmel auf“ (GL 231/1 mit Bezug auf Jes 63,19b).
Der Text von diesem Adventslied wird Friedrich Spee zugeschrieben und auf das Jahr 1622 datiert. In diesem Kleingedruckten stecken wichtige In-formationen: Das Lied – es ist fast 400 Jahre alt – nimmt Bezug auf den historischen Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) – auf eine Zeit der Entbehrung, Seuchen und Hungersnöte, von Kämpfen mit vie-len Toten. Und Friedrich Spee war der größte innerkirchliche Kritiker der Hexenprozesse – Frauen (und auch Männern) wurde der Prozess gemacht, weil sie angeblich mit dem Teufel im Bund waren, sich so versündigt hat-ten und somit Schuld waren an Hunger, Not, Krankheit und Krieg – genau dagegen wendet sich Friedrich Spee. Im Kleingedruckten ist der historische Hintergrund für sein klagendes Adventslied greifbar. Es ist kein einlullen-den Adventslied wie viele andere, die wir derzeit hören – nein, es rüttelt wach, es klagt ein, es klagt das Eingreifen Gottes ein. Spee flieht nicht vor den Herausforderungen seiner Zeit, und er flieht auch nicht in simple Ant-worten. „O Heiland, reiß die Himmel auf“ verleiht Spees Enttäuschung vom Verhalten vieler Menschen in der damaligen Situation eine Stimme und ist zugleich ein Sehnsuchtsruf nach Gottes Gerechtigkeit.
Haben Sie auch das Kleingedruckte gelesen? Wir können dieses Lied jetzt historisch einordnen – und dass, obwohl der Text keine konkreten Zeitbezüge hat; es ist „zeitlos“ und passt auch in unsere Zeit – in die Zeit von Corona. Ein Virus, das bedrängt und Ängste schürt; ein Virus, das Leben bedroht und viele Menschenleben hinwegrafft. Die Suche nach vermeidlichen Schuldigen dafür und Verschwörungstheorien gab es nicht nur vor 400 Jahren sondern die gibt es auch heute!
Auch wir sollen nicht vor der Realität fliehen, nicht vor der Gefahr, die dieses Virus mit sich bringt, es nicht verharmlosen oder es gar leugnen. Es gilt dieser Gefährdung des Lebens und den damit verbundenen Ängsten ins Auge zu blicken – dieser Aspekt ist wesentlich und auch aus der Angsttherapie bekannt. Die Angst vor der Ansteckung durch Begegnungen und zu engen Kontakt ist uns bekannt – und sie führt zu Kontaktbeschrän-kung, Einsamkeit und sozialer Isolation. Diese Angst hat viele Gesichter: die Angst vor einer Ansteckung mit Corona, dass ich mich anstecke oder (für viele noch schlimmer) dass ich andere infiziere – die Angst vor Qua-rantäne und damit der Existenzgefährdung von Familien und Betrieben – die Angst vor Kita- und Schulschließungen – die Angst, dass eine Infekti-on als Nachlässigkeit und Stigmatisierung ausgelegt werden könnte.
In dieser sich verbreitenden Angst klingt auch die Sehnsucht nach einem „offenen Himmel“, nach dem „frischen Grün“ mitten im totbringenden und eiskalten Winter, nach wärmender Sonne und einem leuchtenden Hoff-nungsstern an, die Friedrich Spee als Sehnsuchtsbilder der Hoffnung und des Gottvertrauens in seinem Adventslied besingt. Der Advent schafft kei-ne „heile Welt“; er wischt die Angst nicht weg und überdudelt sie nicht mit schnulzigen Liedern – der Advent ermutigt dazu „wach zu sein“ (vgl. Mk 13,33.37); er ermutigt dazu, genau hinzuhören und hinzuschauen; er ermutigt dazu, sich nicht lähmen zu lassen von der Angst, sondern das Not-wendige zu tun. Ob es da mit dem Warten auf den Impfstoff schon getan ist?
Sicher ist der erwartete Impfstoff ein wichtiges Hoffnungszeichen – aber hat uns der Advent nicht mehr zu bieten? Was/Wen erwarten wir?
Die erste Kerze am Adventskranz brennt – ein Hoffnungslicht. Zeichen da-für, dass wir Gott (noch) erwarten und sein Eingreifen; Zeichen dafür, dass wir die Hoffnung nicht aufgegeben haben, sondern dass dieses Hoffnungs-licht in den kommenden Wochen mehr werden wird; Zeichen dafür, dass wir uns nach Licht und Leben sehnen: „O Heiland, reiß die Himmel auf!“ Gott verlässt seinen Himmel. ER bleibt und ist uns nicht fern. ER wird Mensch in Jesus Christus; das feiern wir in dieser Zeit: Advent – Ankunft. Dieser Jesus Christus ist es, der uns die Angst nehmen kann, ER, der uns Hoffnung macht und sagt: „In der Welt habt ihr Angst; aber habt Mut, ich habe die Welt [der Angst] überwunden“ (Joh 16,33; eigene Übers.). AMEN.

– zwei zugehörigen Liedlinks zu „O Heiland reiß den Himmel auf“:
    * klassisch: https://www.youtube.com/watch?v=prhNnot2Uc8
    * modern interpretiert: https://www.youtube.com/watch?v=w4SJ5jC2Npw

PREDIGT Christkönigssonntag (A)

Ez 34,11-12.15-17 + Mt 25,31-46

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, liebe Jugendliche!

Regieren und entscheiden – auch wenn wir in Deutschland und in Bayern keinen König mehr haben, so gibt es doch Menschen, die dieses Land und uns regieren und Entscheidungen treffen, ja treffen müssen. Gerade in Zeiten des teilweisen lockdowns sind Entscheidungen umstritten – es gibt Befürworter und Gegner: Viele sind dankbar für den eingeschlagenen Kurs „Abstand – Hygiene – Alltagsmasken und größtmögliche Beschrän-kung der sozialen Kontakte“, andere lehnen sich dagegen auf, sehen sich in ihrer Freiheit beschnitten, „wollen selbst darüber entscheiden, ob/wie sie sterben“, andere Regelungen sind fragwürdig „in der Klasse treffen Schülerinnen und Schüler aus 25 Hauhalten zusammen – privat ist dann nur der Kontakt zu einer Familie/zu einem Kind erlaubt.“
Regieren, richten, entscheiden, darum geht es am heutigen Christkönigs-fest. Neben dem Bild von Christus als „König“ stellen die Schrifttexte das Bild von Gott als „Hirten“ und von Christus als „Richter“ – immer geht es bei diesem Königsein in den verschiedenen Aspekten um Macht und um Ausübung von Macht. Im Deutschen kann man damit sprachlich spielen und so Sachverhalten, Abhängigkeiten oder auch Zuständigkeiten ausdrücken: rex populi – König des Volkes, Hirte der Schafe, Richter der Menschen – drückt ein Beziehungsgeschehen aus, aber auf einer neutra-len Ebene. Dagegen zeigt König über das Volk, Hirt über die Schafe, Richter über die Menschen die überlegen Position eines Herrschers an – eine Position die oft zu Abhängigkeit, zu Unterdrückung oder zu Miss-brauch dieser Macht und zu Vertuschung führt(e) – auch in unserer Kir-che bei Hirten und Verantwortungsträgern. Rex populi kann auch als Kö-nig für das Volk und damit sinngemäß als Hirte [in der Sorge] für die Schafe und Richter zugunsten der Menschen übersetzt werden. Je nach-dem welche Übersetzung man wählt, tritt ein anderer Regierungsstil in den Vordergrund, zeigt sich ein anderes Verständnis des Königseins.
Wie geht Jesus Christus mit seiner Macht als König um – er sagt ja von sich selbst: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. […] Ich bin ein Kö-nig. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“ (Joh 18,36*.37*). Das ist die Wahrheit: Mitten in Not und menschlichem Versagen geht Jesus Christus als König den Verlo-renen nach – dafür ist er sich nicht zu schade. Er hat die andern im Blick – fürsorglich: „Ich [selbst] werde meine Schafe auf die Weide führen, ich werde sie ruhen lassen – Spruch Gottes, des Herrn. Die verlorengegange-nen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden, die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten. Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist“ (Ez 34,15-16; EÜ 1980). Das Königtum Jesu Christi ist damit kein Machtmissbrauch, sondern der Ein-satz seiner Macht – Pro-Existenz – Leben und Dasein für die Menschen. An diesem Königsein Jesus Christi sollen wir Maß nehmen: Leben im Da-
sein für andere – Pro-Existenz – und nicht ein Leben gegen andere. Genau dafür steht das 1925 eingeführte Christkönigsfest: Nach dem ersten Welt-krieg sollte es dem aufbrechenden Individualismus und Nationalismus ent-gegenwirken. Besonders die katholische Jugend feierte Christkönig – das christliche Leben im Dasein für die Menschen – als Gegenentwurf zur Ide-ologie des Faschismus und aufkeimenden Nationalsozialismus: Schwestern und Brüder Jesu Christi statt arischer Herrenrasse und Führerkult. Christ-könig ist auch heute mehr denn je ein Bekenntnisfest für gelebte Nächsten-liebe – für die „Macht der Liebe“ und nicht für die „Liebe zur Macht“!
Für viele ist das Christkönigsfest eine bedrohliche Machtfrage: Christus, der am Ende der Zeit über mich und mein Leben richtet. Das macht ihnen Angst und Druck: Ob ich dem Anspruch Jesu Christi genüge? Ob ich ge-nug getan und Jesus in meinen Schwestern und Brüdern gesehen habe? Nachfolge Jesu Christi bedeutet auch zu urteilen, zu beurteilen, zu richten – nicht über andere; sondern darüber, was in meiner Macht steht und wo meine Grenzen sind. Christus als Richter am Ende der Zeit macht nichts anderes: Er urteilt nicht willkürlich, sondern gerecht und wird mir gerecht. Aus dieser Beurteilung und (Selbst-)Einschätzung heraus kann ich schon zu Lebzeiten handeln und andere richten – nämlich aufrichten in meinem Dasein und meiner Fürsorge für sie in ihren Sorgen und Nöten – gelebte Nähe und Nächstenliebe mit dem nötigen Abstand. Das Regierungspro-gramm des Christkönigs wird so zu meinem: Leben in der Pro-Existenz für Menschen, die mich und meine Hilfe notwendig brauchen. AMEN.

PREDIGT 33. So. i. JK (A)

1 Thess 5,1-6 + Mt 25,14-30

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, liebe Jugendliche!
Talente mutig einsetzen oder sie ängstlich begraben – das ist die Frage im heutigen Evangelium und auch im Leben.
Wie gehe ich mit den Gaben, die Gott mir geschenkt hat, um? Was mache ich aus meinen Begabungen und Fähigkeiten? Setze ich sie ein?
„Werde Hoffnungsträger!“, so lautet das Motto des heutigen Diaspo-rasonntages. Das meint doch zunächst: Schau genau hin – du trägst doch die Hoffnung schon in dir! Du hast das Talent etwas aus deinem Leben zu machen – Gott hat es dir geschenkt. Mach das Beste daraus! Wie im heu-tigen Evangelium, wo ein reicher Mann sein Vertrauen in seine Diener setzt. Als Herr vertraut er ihnen sein Vermögen an – er teilt es auf. Jeder bekommt einen Teil – jeder Diener so viel, wie ihnen der Herr zutraut. Er geht davon aus, dass er sein Vermögen in die richtigen Hände gegeben hat. Er setzt seine Hoffnung in die Diener, dass sie mit dem anvertrauten Geld einen Gewinn erwirtschaften; dass sie das ihnen anvertraute Gut nicht veruntreuen, oder den Gewinn in die eigene Tasche stecken.
Wie es den Dienern dabei ging, sagt das Evangelium nicht. Wir können nur vermuten, was die Diener denken: Wenn der Herr mir vertraut und mir ei-
1 Die folgende Predigt basiert auf der Predigtanregung von Bischof Dr. Franz Jung, Würzburg zum Diaspora-Sonntag 2020. Ich habe einige Anregungen übernommen und vieles selbst hinzugefügt.
nen Teil seines Vermögens anvertraut, dann traut er mir zu, dass ich es schaffen kann, einen Gewinn zu erzielen. Da wächst das Selbstvertrauen.
Das jeder unterschiedlich viel an Talent(en) vom Herrn bekommt, ist nicht ungerecht, auch wenn wir das im ersten Moment so empfinden. Dieser Verteilung geht die Einschätzung voraus, was der Einzelne leis-ten kann – es ist schon eine Art Bewertung, ein ranking, aber auch ein Schutz vor Überforderung. Wie im richtigen Leben sind die Ausgangs-bedingungen nicht überall gleich – aber es gilt aus den gegebenen Um-ständen das Beste zu machen und ggf. auch für einen Ausgleich zu sor-gen. Der Herr im Evangelium gibt auch dem Schwächsten eine Chance – er respektiert ihn, lässt ihn nicht außen vor, sondern schenkt Beteili-gung und setzt seine Hoffnung auch in den Diener mit dem einen Talent.
Hier zeigt sich die Herausforderung, selbst Hoffnungsträger zu sein: Kann sich die Hoffnung bewähren, die der Herr in jeden einzelnen steckt?
Zwei Diener machen sich ans Werk: Sie wagen den Einsatz ihrer Talente; sie bringen sich und das ihnen anvertraute Vermögen ein. Sie investieren und erzielen einen Zuwachs, einen Gewinn. Es wird klar: Die Hoffnung bewährt sich nicht im Bewahren, sondern wächst im Vermehren. Wenn wir dieses Verhalten auf den Glauben und unsere Kirche übertragen, dann bedeutet das: wenn jede und jeder sich und die anvertrauten Talente ein-bringt, dann sind wir Hoffnungsträger; dann sind wir keine Bedenkenträ-ger und haben keine Angst von unserem Glauben und von unserer Hoff-
nung, die uns erfüllt, Zeugnis abzulegen (vgl. 1 Petr 3,15). Hoffnungsträger wachsen auch in Auseinandersetzungen, im Ringen um gute Wege für die Zukunft von Kirche. Dabei geht es darum, das Glaubensgut nicht einfach zu verwalten, sondern lebendige Kirche vor Ort zu gestalten.
Wir können wie der dritte Diener zwar das Talent eingraben und alles zu bewahren suchen, aber damit ist nichts gewonnen. Sein Verhalten ist ängstlich und hoffnungslos: Er hat, hat kein Selbstvertrauen – sonst hätte er etwas aus dem einen Talent gemacht – und er hat auch kein Vertrauen in andere – sonst hätte er das Geld anderen anvertraut oder wenigstens zur Bank gebracht (damals wohl zu einem höheren Zinssatz als heute…).
Und auch das ist wichtig: Die beiden Hoffnungsträger berichten über ihre Erfolge, darüber, was mit Gottes Hilfe erfolgt ist: „Jeder Hoffnungsträger wächst [so] über sich hinaus und bleibt dem immer größeren Gott auf der Spur bei all dem, was er anpackt und unternimmt“, schreibt der Bischof von Würzburg zum heutigen Diaspora-Sonntag. „Das würde im Übrigen auch für einen Diener gelten, der alles eingesetzt und alles verloren hätte. Denn ganz im Sinne seines Herrn wäre er aufs Ganze gegangen und hätte alles gewagt im Vertrauen auf den, der ihm sein Vermögen überlassen hatte.“ Im Vertrauen auf Gott das Leben und den Glauben wagen, darauf kommt es an: ER, Jesus Christus, ist der Grund unserer Hoffnung – wer auf IHN vertraut, zerbricht auch an den Widrigkeiten des Lebens nicht, denn „es geht im Letzten nie darum etwas zu erreichen, sondern […] da-rum, IHN zu erreichen, der uns den Weg zum ewigen Leben erschlossen hat und der selbst unsere Hoffnung ist“ (Bischof Jung, Würzburg). AMEN.

PREDIGT 32. So. i. JK (A)

Weish 6,12-16 + 1 Thess 4,13-18 + Mt 25,1-13

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Kinder und Jugendliche!
Die Tür ist zu – vor der Nase zugeschlagen. In meiner Jugendzeit ist mir das oft passiert, wenn mein Bruder nach einem Streit wütend aufs Zimmer gerannt ist – da flog die Türe zu und ich stand draußen. Und obwohl ich schon wieder zur Versöhnung bereit war, war die Tür zu. Ich hatte den richtigen Zeitpunkt zur Versöhnung verpasst – zu spät, die Tür war zu und blieb auch zu – zumindest ein zeitlang. Auch ich habe meinen Bruder manchmal ausgesperrt – habe ihn einfach vor der Tür stehen lassen…
Im heutigen Evangelium stehen fünf junge Frauen vor verschlossenen Türen. Sie hatten nicht genügend Öl dabei. Und weil der Bräutigam sich verspätete, den sie heimleuchten sollten, gingen ihre Lampen aus. Ihre fünf Kolleginnen, wollten ihnen von ihrem Ölvorrat nichts abgeben, sonst reicht es weder für uns noch für euch. Mitten in der Nacht mussten sie Öl für ihre Lampen kaufen. Jetzt stehen die fünf Jungfrauen vor verschlossenen Türen. Sie klopfen lautstark an der Tür und bitten um Einlass. Sie wollen bei der Hochzeit dabei sein, die sich drinnen abspielt. Sie wollen dabei sein beim großen Fest, bei Freude und Tanz, beim gu-ten Essen und Trinken – doch die Tür bleibt zu. Und so soll es mit dem Reich Gottes sein? Die verschlossene Tür soll das Symbol dafür sein?
Wenn ich so darüber nachdenke, dann würde ich das Evangelium am liebsten umschreiben: Dann würden die Frauen ihr Öl miteinander tei-len. Oder es würden sich zumindest die Türen für die fünf verspäteten Frauen öffnen. Der Bräutigam würde sie begrüßen und zur Hochzeitstafel geleiten. So stelle ich mir das vor und das würde doch viel besser zur frohen Botschaft Jesu passen, zum Evangelium vom Reich Gottes. Jesus sagt ja auch an anderer Stelle: Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. (Mt 7,7). Doch es hilft nichts: die Tür ist und bleibt zu und das Öl bleibt ungeteilt – schweren Herzens muss ich mich damit abfinden, dass die fünf klugen Jungfrauen drinnen auf der Hochzeit tanzen, die fünf Törichten aber draußen vor der Tür stehen mitten in der Nacht.
Klugheit und Dummheit – das hat nichts mit menschlicher Intelligenz zu tun. Es geht um richtiges uns falsches Handeln, darum kein halben Sachen zu machen. Es geht um die Wachsamkeit für den richtigen Augenblick, auch wenn sich dieser Augenblick hinzieht und auf sich warten lässt.
Gerade in der Verzögerung im Wartenmüssen zeigt sich wahre Bereitschaft und Wachsamkeit. Es zeigt sich, ob Bereitschaft nur oberflächlich ist, alles nur schöner Schein, der nur kurz währt – oder aber ob Bereitschaft aus vol-lem Herzen kommt, aus einer inneren Bereitschaft, die auch für Unerwarte-tes gerüstet ist – mit Geduld und Ausdauer; mit der nötigen Flexibilität und auch mit einem abgrenzenden Nein gegen unberechtigte Ansprüche.

Dass es wirklich um innere Bereitschaft und innere Wachsamkeit geht, zeigt die Tatsache, dass alle zehn Frauen einschlafen. Äußerlich sind al-le gleich. Rein körperlich sind sie am Ende ihrer Kräfte: erschöpft, aus-gebrannt, des Wartens müde.
Die fünf Klugen unterscheiden sich von den Törichten durch ihre innere Bereitschaft und innere Wachsamkeit. Trotz aller äußeren Müdigkeit sind sie bereit, dem Bräutigam mit ganzen Herzen entgegenzugehen. Der Bräutigam, der auf sie zukommt und dem sie entgegengehen wol-len, ist Jesus Christus. Er sucht sie – und sie finden ihn mitten in der Nacht, weil ihre Lampen hell brennen und weil ihre Herzen für diese Begegnung bereit sind. Innerlich brennen ihre Herzen auf diese Begegnung – sie sind ganz davon erfüllt. Und diese innere Bereitschaft kann nicht geteilt werden – die kann ein Mensch nur haben oder eben nicht.
Wir müssen uns entscheiden: sie, sie und sie und du und ich auch. Heute stehen wir an der Stelle der zehn jungen Frauen – egal ob wir Mann oder Frau, Kind oder Greis sind. Wir alle müssen uns entscheiden, wie wir leben und handeln wollen. Es geht um meine Bereitschaft mich Christus zu öffnen, um mich von ihm erfüllen lassen – voll und ganz. Dafür lohnt es sich zu warten und gerüstet zu sein. Jesus Christus wird mich erfüllen und mir Kraft geben, wenn mein Licht zu erlöschen droht und ich glau-bensmüde werde. Mit seiner Kraft kann ich warten und aushalten bis der richtige Augenblick kommt, die Hoch-Zeit meines Lebens. Gott will gemeinsam mit mir in eine himmlische Zukunft gehen; wir alle sind von ihm zu dieser Hochzeit eingeladen. Er kommt uns entgegen und seine Tür steht uns offen: versäumen wir nicht diesen Augenblick. AMEN