Jes 5,1-7 + Mt 21,33-44
Liebe Kinder, liebe Jugendliche und liebe Erwachsene!
… und aus diesen (Kon-)Texten soll jetzt eine Predigt zu Erntedank werden: Ein Weinberg, mühevoll angelegt, gehegt und gepflegt in der Hoffnung auf köstliche „Trauben“ – wie der Prophet Jesaja schreibt (Jes 5,1-7) – und dann bei der Ernte die herbe Enttäuschung: nur ungenießbare, „faule Beeren“ (Jes 5,2.4). Dank wofür? All die Mühe hat nichts gebracht. Der Weinberg wird aufgelassen, die schützenden Mauern eingerissen, die Hecken entfernt und die Reben zum Abfressen freigegeben; Dornen und Disteln überwuchern die Rebstöcke. Da ist nichts mehr zu ernten, nicht einmal mehr „faule Beeren“.
Was wächst bei mir, bei uns in Deutschland? Wenig, außer die Wut der Bürger und die wuchernden extremistischen und radikalen Meinungen und Wahlergebnisse. Der „Weinberg“ – unser Land – hat scheinbar keinen/kaum Grund zur Dankbarkeit; für Viele geht scheinbar „alles den Bach runter“. Der Weinberg, von dem Jesus im Evangelium erzählt (Mt 21,33-44), bringt zwar gute Früchte und eine reiche Ernte, aber die Pächter sind nicht bereit, die vereinbarte Ernte-Pacht abzugeben. In ihrer Gier nach „mehr“ kennen die Pächter keine Grenzen, nur Gewalt und Mord; sogar den Erben des Weinbergs bringen sie um, um sich so die ganze Ernte und letztlich den Weinberg unter den Nagel zu reißen. Da ist nichts Gutes zu ernten – und Dankbarkeit schon gar nicht – nur Neid und Hass, Brutalität und Verderben.
… und aus diesen (Kon-)Texten soll jetzt eine Predigt zu Erntedank werden. Schwierig. Ich muss einen anderen Zugang zu den biblischen Texten finden. Ich frage mich: Wem gehört der Weinberg? Was gibt es zu ernten? Mir wird klar: Der Weinbergbesitzer ist letztlich Gott. Er legt den Weinberg jedes Lebens an und stattet ihn mit den besten Voraussetzungen aus – schon das ist Grund genug um Gott Dank zu sagen: Danke für die Welt, danke für mein Leben, Danke für meine Arbeitsstelle, Danke für …
Das Leben ist eine Gabe Gottes, ein Geschenk, aber auch eine Aufgabe, es will, soll und muss gestaltet oder wie ein Weinberg bestellt werden. Aber die Menschen, also die Leserinnen und Hörer der Weinbergtexte, bringen
schlechte Früchte: damals waren es die Bewohner von Jerusalem (vgl. Jes 5,7),
die Hohenpriester und Ältesten des Volkes (vgl. Einleitungssatz, der Mt 21,33 vorgeschaltet ist) – heute sind es wir: Wir bringen (auch) schlechte Früchte – oder um es mit Jesaja zu sagen – „faule Beeren“. Wir haben Gottes Hoffnungen enttäuscht und sind hinter unseren Möglichkeiten zurückgeblieben. Stimmt.
Andererseits leisten wir als Pächter eine gute Arbeit: Es gibt viel zu ernten – und eigentlich Grund genug Gott Danke zu sagen. Aber wir akzeptieren nicht, dass wir Pächter – und eben nicht Besitzer und schon gar nicht Gott – sind. Wir denken oft nur an uns, an die maximale Ausbeute, den maximalen Gewinn und den maximalen Erfolg – Firstpolitik im eigenen Leben: „Ich könnte ja zu kurz kommen; andere könnten ‚mehr‘ haben“ – vielleicht ist das ein wesentlicher Grund für die miese Stimmung in unserem Land.
Sicher, es läuft nicht alles rund und mancher Ernteertrag ist mau – aber es gibt genügend Gründe (auch) dankbar zu sein. Danke zu sagen, ist schwer – Jammern, sich Beklagen ist viel leichter – aber dann reden wir Dinge, Personen und Situationen selbst schlecht, erzeugen selbst negative Stimmung und wachsende Unzufriedenheit. Dankbarkeit und Wertschätzung wären wichtig! Einer der das gelebt hat und uns ins Gedächtnis ruft, ist vor 800 Jahren gestorben: Franz von Assisi. Er hatte versucht, sein Leben zu optimieren und das Maximale herauszuholen: Feste und Feiern, Kariere als Ritter, um in den Adel aufzusteigen, Gefangenschaft und Kerker. Francesco hat auf die „Früchte“ seines bisherigen Lebens geschaut: Viel ist da nicht gut gewachsen; er war unzufrieden mit seinem Leben und seinem Lebenswandel. Zwei Begegnungen haben sein Leben verändert: die Begegnung mit einem Aussätzigen. Franziskus hat in ihm Jesus Christus erkannt und den Aussätzigen umarmt, hat ihm Liebe und Wertschätzung entgegengebracht – und hat Dankbarkeit dafür „geerntet“. Franziskus hat eine tiefe innere Wärme der Zufriedenheit gespürt im Helfen und Dasein für andere. Franziskus wollte ein Leben in Armut und Einfachheit führen – sensibel und wach für die Nöte und Sorgen der Menschen, im Einklang auch mit Gottes Schöpfung: einfach leben – einfach leben. Wertschätzung aller Geschöpfe und Dankbarkeit für das Wunder des gottgeschenkten Lebens in aller Vielfalt – der Sonnengesang des heiligen Franz von Assisi ist ein Lob- und Danklied auch auf Gott, den Schöpfer; ein Leben in Verantwortung für Gottes Schöpfung, in der wir Verwalter, Pächter und Gärtner sind, aber eben nicht Gott. Es geht nicht darum, das Maximale aus mir und aus der Erde rauszuholen, sondern um Nachhaltigkeit, um „Armut“ und Bescheidenheit, um gerechte Verteilung der Güter und Ressourcen weltweit und für nachfolgende Generationen.
Das wäre eine echte Alternative auch für Deutschland. Mancherorts wächst dieses Umdenken schon und trägt Früchte. Gott sein Dank – Erntedank!
Die zweite wichtige Begegnung für Franz von Assisi war die Begegnung mit Christus im Gebet vor dem Kreuz: Baue meine Kirche wieder auf! Diesen Auftrag hörte Franziskus beim stillen Verweilen vor dem Kreuz und setzte ihn in die Tat um: im Aufbau von verfallenen steinernen Kirchen und in der Erneuerung des damals oft maroden Glaubenslebens durch seinen spirituellen Weg der Einfachheit und Armut, der Wertschätzung und Dankbarkeit – in tiefer Verbundenheit mit Jesus Christus und mit einem in die Tat umgesetzten Evangelium. Jesus Christus ist der Eckstein, an dem viele aneckten, Anstoß nehmen und ihn verwerfen (vgl. Mt 21,42) – hinauswerfen und töten wie den Sohn aus dem Weinberg und auf Kreuz legen wie Jesus Christus. ER,
der auferstandene Gekreuzigte, ist der Eckstein und das Fundament unseres Glaubens. ER ist die Alternative für Deutschland; beim Papstbesuch in Frankreich konnte man erste Früchte davon sehen. Gott sein Dank – Erntedank!