PREDIGT 25. SO IM JK (A)

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Jes 55,6-9 + Mt 20,1-16a

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche!
Gott rechnet anders. Er hat andere Maßstäbe.1 Er stellt die Logik menschlicher Erwartungen auf den Kopf: „Die Letzten [werden] Erste sein und die Ersten Letzte“ (Mt 20,16a). Die Arbeiter der letzten Stunde bekommen zuerst ihren Lohn, vor all denen, die länger und mehr gearbeitet haben – und sie bekommen gleichviel: einen Denar. Das ist ungerecht, denke ich und das denken sicher auch diejenigen, die auf die Auszahlung warten mussten und dann auch nur einen Denar in Händen halten: Wir haben doch länger gearbeitet als die Kurzarbeiter, da hätten wir doch mehr bekommen müssen! Wir haben auch in der Mittagshitze geschuftet, das hätte der Gutsherr doch mit einer Sonderzulage entlohnen müssen!
Jesus erzählt das „Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg“ (Mt 20,116a) in die Lebenswelt der damaligen Menschen und auch in unsere Zeit und unser Wirtschaftssystem hinein. Dort gilt: Leistung lohnt sich. Wer mehr schafft, hat mehr im Leben. Leistung hat ihren Preis: Mehr oder bessere Leistung kostet mehr bzw. wird höher entlohnt. Im Reich Gottes ist das anders: Bei Gott hat jede(r) einen Wert – menschliche Leistung wir eben nicht „eingepreist“. Jede(r) ist wertvoll, unabhängig von seiner Leistung.
1 Vgl. auch Auslegung zum Evangelium des 24. Sonntags im Jahreskreis (LJ A).
Gott als der „Gutsbesitzer“ (Mt 20,1) ist im Besitz des Guten. Er zeichnet sich durch seine Güte aus: Gott rechnet nicht mit den Menschen ab – auch nicht aufgrund ihrer wie auch immer ausfallenden individuellen Leistung. Er gibt jedem das, was zum Leben notwendig ist, was der zum Leben braucht: Ein Denar ist nach sozialgeschichtlichen Untersuchungen ein durchschnittlicher bis guter Tageslohn, ein Lohn, von dem man gut leben kann. Die Arbeiter der letzten Stunde könnten von ihrem „Minijob“, wenn nur anteilig eine Stunde entlohnt würde, nicht leben, geschweige denn auf Dauer überleben. Der eine Denar sichert als „Mindestlohn“ ihren Lebensunterhalt für einen Tag. Die Arbeiter der ersten Stunde sind dabei nicht benachteiligt. Sie erhalten das, was vereinbart war. Darin zeigt sich die Großzügigkeit und Güte Gottes: Jede(r) kann von diesem Lohn leben. Das ist gut und auch gerecht.
So rechnet Gott: Er zahlt Liebe aus – er macht keinen Unterschied. Er gibt seine Liebe allen, auch denen, die sonst niemand mag oder nicht anwirbt. Er gibt seine Liebe allen – jedem gleich viel – das ist der Unterschied!
Jesus hält mir mit diesem Gleichnis den Spiegel vor: „Ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“ (Mt 20,15). Bist du neidisch, weil Gott gut zu anderen ist? Kannst du Mitmenschen, Arbeitskolleginnen, Fremden Gutes gönnen?
Der evangelische Neutestamentler Friedrich Avemarie († 2012) gab auf diese Fragen folgende jesuanische Antwort: „Wenn Menschen, denen es schlecht geht, Gutes erwiesen wird, haben diejenigen, denen es gut geht, keinen Anlass, so zu tun, als geschähe ihnen dadurch ein Unrecht.“
Das gibt mir zu denken – auch und gerade angesichts der sozialen, gesellschaftlichen und politischen Spannungen in Deutschland und weltweit! Deshalb noch einmal zum Nachdenken: „Wenn Menschen, denen es schlecht geht, Gutes erwiesen wird, haben diejenigen, denen es gut geht, keinen Anlass, so zu tun, als geschähe ihnen dadurch ein Unrecht.“
Wenn die Menschen damals und wir heute schon so weit (gewesen) wären, dann wäre das Reich Gottes schon unter uns angebrochen. Und dann könnte Jesus und dann müssten auch wir das heutige Evangelium „andersherum“ erzählen: nämlich nicht aus der Perspektiver der vermeidlich zu Kurzgekommenen, sondern aus der Perspektiver derer, die das Lebensnotwendige erhalten haben und denen so Leben geschenkt wurde.
Gott kann nicht rechnen, sagte die Heilige Therese von Lisieux – oder mit anderen Worten: Gott rechnet anders als wir Menschen – Gott sei Dank! Gott rechnet anders: Er rechnet nicht ab. Er rechnet nicht nach. Er rechnet nicht an. Er rechnet nicht auf. Sondern Gott rechnet mit unseren menschlichen Möglichkeiten als Jüngerinnen und Jünger im Heute. Gott rechnet damit, dass wir ihn als Maßstab unseres Handels nehmen und so unseren Glauben an ihn in die Tat umsetzen: Not wenden – Leben ermöglichen – friedliches Zusammenleben fördern, ohne Neid und Unzufriedenheit, ohne Vorbehalte und ohne Berechnung – dafür mit einem mehr an Liebe und Güte, geschenkte Güte und miteinander geteilte Liebe, die die eigenen Erwartungen zurückstellt, damit auch der/die andere gut leben kann. AMEN.